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Der Leobener «Ledersprung», ein studentisch-montanistischer Brauch
Von Dr. Peter Hauser v/o Star



Jedes Jahr, in der Regel am letzten Freitag im November, findet in Leoben, einem Städtchen 50 Kilometer nordwestlich von Graz, ein studentischer Anlass statt, der seinesgleichen sucht: der «Ledersprung». Der Autor und einige Alten Herren aus Korporationen des Schweizer Waffenrings hatten vom 28. bis 30. November 1997 Gelegenheit, in die Steiermark zu reisen und im Kreise des 1874 gestifteten Leobener Corps Schacht am «Ledersprung» teilzunehmen.

Leoben ist mit rund 30'000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt der Steiermark. Der ursprünglich römische Ort wurde um 1260 vom Böhmenkönig Ottokar Premysl im Schutze einer Biegung des Flusses Mur angelegt und verfügt über eine gut erhaltene und weitgehend autofreie Altstadt mit malerischen Bauten aus dem Mittelalter und dem 16./17. Jahrhundert. Nahe Leobens wird im früheren Stift zu Göss das bekannte «Gösser Bier» gebraut. Die Montanuniversität Leoben entstand 1840 aus der steiermärkisch-ständischen Montanlehranstalt in Vordernberg und wurde 1849 als staatliches Institut nach Leoben verlegt. 1861 erhielt sie den Status einer Bergakademie, die 1895 den Rang einer Montanistischen Hochschule verliehen bekam. Den ausgezeichneten Ruf, den die Universität heute geniesst, erlangte sie vor allem nach 1945, als die Hohen Schulen von Breslau und Freiberg (Sachsen) westlichen Studenten verschlossen blieben. Gelehrt werden in Leoben den etwa 2'200 Studierenden Bergbau, Hütten- und Gesteinskunde, Geo- und andere Naturwissenschaften, Materialkunde, Wirtschafts- und Betriebswissenschaften.

Leoben gilt als sehr verbindungsfreundliche Hochschule. Ich schätze, dass mindestens zehn Prozent der Studenten bei einer farbentragenden Korporation aktiv sind. Derzeit bestehen in Leoben folgende zehn Verbindungen: Die drei Corps Montania, Schacht und Erz (alle KSCV), die Sudetendeutsche Akademische Landsmannschaft Zornstein, die beiden Akademischen Burschenschaften Cruxia und Leder sowie die zwei Katholischen Österreichischen Studentenverbindungen Glückauf und Kristall.

Nach unserer Ankunft im malerischen Städtchen Leoben wollte es der Zufall, dass auf dem Haus des Corps Schacht zwei Mensuren stiegen. Eine grosse Zahl von Spektanten jeglicher Couleur, die wie wir wegen des «Ledersprungs» nach Leoben gekommen waren, verfolgte im kellerartigen Pauklokal die Partien. Die gegenüber schweizerischen und deutschen Gepflogenheiten weite und mit Kreide auf dem Boden markierte Mensur liess uns sofort klar werden, warum man in Leoben und überhaupt in Österreich verhältnismässig viele Waffenstudenten mit «Durchziehern» oder Gesichtsquarten sieht. Die beiden Bestimmungspartien verliefen jedoch unblutig. Bemerkenswert ist das eher komplizierte Ankommando der Sekundanten: «Angenehm! — Angenehm! — Auf Mensur, legt aus! — Sind ausgelegt, los!». Der Paukarzt wird mit Namen annonciert und als «Bader» bezeichnet.

Am Abend ging es dann zum Höhepunkt der Reise, dem legendären «Ledersprung», der in der «Oberlandhalle» stattfand, wo gewöhnlich Viehversteigerungen durchgeführt werden. Die Halle bietet etwa 1000 Personen Platz, und so viele waren auch zugegen. Der «Ledersprung» lässt sich auf einen Brauch an der ehemals königlich-ungarischen Bergakademie in Schemnitz zurückführen, die 1760 von Maria Theresia gegründet worden war. Die Studenten schlossen sich dort ähnlich den Handwerkszünften zu einer allgemeinen Verbindung, dem «Schacht», zusammen. Und diese Vereinigung entwickelte einen besonderen Initiationsritus, eben den «Ledersprung». Er vereinigt in der Regel am letzten Freitag im November, zeitlich möglichst nahe beim 4. Dezember, dem Namenstag der Heiligen Barbara als Schutzpatronin der Bergleute, Artilleristen und anderer Feuerwerker, die korporierten und auch die «wilden» Studenten und Studentinnen zu einem grossen akademischen Fest. Der Anlass steht unter der Schirmherrschaft des Rektors und wird im Turnus von einer der Leobener Verbindungen organisiert. Dadurch wird — so der Rektor in seinem Vorwort in der «Festfolge» — «immer wieder ein unübersehbares Signal gegeben, daß es junge Menschen auch heute noch zu einer Verbindung zieht, einer Bindung, einem lebenslangen Freundschaftsbund». Die gediegene Einladungskarte vermerkt als erwünschte Kleidung: Bergkittel, Abendkleidung, Uniform oder Tracht. — Glückliches, traditionsbewusstes Österreich!

Nachdem das Publikum im Parkett und auf den Galerien der Oberlandhalle Platz genommen hatte, begann das Fest um 20 Uhr c.t. mit dem von feierlicher Musik begleiteten Einzug der Chargierten. Auf der Bühne thronend, trugen sie zum Vollwichs statt dem bei uns üblichen Flaus den sog. «Biberstollen», eine kurz geschnittene, eng anliegende schwarze Jacke mit Schulterstücken und vergoldeten Knöpfen. Nach den Chargierten zogen das Professorenkollegium und die Ehrengäste in den Saal, an der Spitze der Rektor in bergmännischer Montur und, weil er einer Verbindung angehört, in Couleur. Auch etliche andere Professoren erschienen mit Band und Mütze. Die Chargierten empfingen den Lehrkörper mit gezogenem, schräg nach oben gestrecktem Schläger. Und als alles wohl bestellt war, sang die Corona, beim Anstimmen unterstützt von einer Blaskapelle, als erstes Lied das kraftvolle «Burschen heraus».

Hierauf begrüsste der Rektor die Anwesenden und eröffnete damit die Veranstaltung. Alsdann ertönte das Lied «Der Bergmannsstand», das mitzusingen uns leicht fiel, denn jeder mit dem bergmännischen Liedgut nicht vertraute Teilnehmer konnte den Text im Programm nachlesen. Nach einer Pause, die Gelegenheit bot, ungestört vom Silentium die Kehle mit Bier zu netzen, begann der «Fuchsenritt». Zum Lied «Was kommt dort von der Höh'?» zogen etwa 150 männliche und weibliche «Erstinskribierende» aller Studienrichtungen in die Halle ein, in Gruppen verteilt auf die einzelnen Verbindungen und angeführt von den Fuchsmajoren. Nach dem Einzug der Erstsemestrigen hub lautstarkes Zutrinken von Mann zu Mann und von Verbindung zu Verbindung an. Dem von der K.Ö.St.V. «Glückauf» gestellten Kommerspräsidium gelang es nicht immer, die für die Fuchsenrede, das «Tarnowitzer Fahrtenlied», die Burschenrede und den Kantus «Die Gedanken sind frei» nötige Ruhe gänzlich herzustellen und aufrechtzuerhalten.

Nach den Ansprachen aus dem Kreise der Studenten schritt der Rektor, o. Univ. Prof. Dipl.-Ing. Dr. mont. Peter Paschen, Alter Herr des Corps Erz, zum Rednerpult. Jetzt herrschte striktes Silentium. Die Rede war in jeder Beziehung sehr beeindruckend und verdient, auszugsweise zitiert zu werden (Unterstreichungen gemäss Manuskript, das Herr Prof. Paschen dem Autor freundlicherweise zugestellt hat):

«Wenn wir Professoren an unseren frischen Maturantinnen und Maturanten oft und, ich glaube, in einem gewissen Ausmaß sicher berechtigt, die Orientierungslosigkeit beklagen, dann liegt das sicher daran, daß die Mittelschulen Ihnen dies immer weniger vermitteln. Die Montanuniversität versucht, das auszugleichen, Ihnen bei aller Freiheit eine Bindung zu geben. Sie wissen schon, nicht Freiheit von etwas, sondern Freiheit zu etwas! Zur Bindung eben. Und da sind wir dann auch der Freiheit zur Verbindung, wenn Sie es wollen.

Die 10 Verbindungen, die 10 Korporationen auf Leobener Boden bieten Ihnen verschiedene Orientierungen an — die Corps andere als die Burschenschaften, die Burschenschaften andere als die Landsmannschaft, die Landsmannschaft andere als die katholischen Verbindungen (...), aber alle bieten Ihnen Bindung an.

Tradition umfaßt aber zugleich die Alternative, und das sage ich als Rektor, der selbst Leobener Corpsstudent war, umfaßt die Alternative, sich gegenüber jeder Tradition ablehnend oder annehmend verhalten zu können. Die überwältigende Teilnahme hier beweist mir die mehrheitliche Annahme durch unsere Erstsemestrigen, und ich freue mich darüber. (Anmerkung des Autors: Von 200 Erstsemestrigen waren 150 erschienen).

Tradition wirkt aber vor allem dadurch, und das sage ich nun als Professor von Kollege zu meinen Kollegen, wirkt vor allem dadurch, daß sie an neue Situationen angepaßt, verändert und neu verstanden werden muß, um als Tradition überhaupt wirksam Orientierung bieten zu können. Hier ist der Zuspruch innerhalb der Universität bei weitem nicht so überwältigend, das sei hier einmal verraten.

Zu unserem traditionellen Kulturgut gehören auch unsere Lieder, unsere Bergmanns- und Studentenlieder; als Ständelieder gibt es sie seit über 500 Jahren. Was sind die Themen unserer Studentenlieder? Das Vaterland, die Heimat, die eigene Universitätsstadt und dann das Trinken, die Liebe und der Müßiggang! So, liebe Studierende, nun bin ich endlich da angekommen, wo Sie mich schon lange haben wollten. Das Trinken, die Liebe und der Müßiggang. Na, da sage ich erstmal ‹Prost›!

Ob Sie das Trinken schon gut gelernt haben, das werde ich gleich kontrollieren, wenn ich da unten stehe und mit dem ältesten anwesenden Bergmann das Leder halte, und Sie, bevor Sie springen dürfen, ein ganzes Krügerl Bier in einem Zug austrinken müssen. Was heißt ‹müssen›? — Dürfen! Das ist das Trinken, das eine gesunde Sache ist, wenn es Hemmschwellen abbaut, eine flüssige und feurige Unterhaltung fördert und der Sozialisation dienlich ist. Man kommt sich halt näher. So, das war das Trinken.

Das nächste war die Liebe. Nun, das lasse ich hier heute besser aus. Da braucht man wohl eher die individuelle als die kollektive Orientierung!

Ja, und dann noch der Müßiggang. Oje, was soll ich nun als Rektor einer Universität dazu sagen? Lassen Sie es mich so versuchen: Muße ist das tätige Nichtstun, eine schöpferische Freizeit, Unabhängigkeit vom Zwang zum Studium, aber auch, lassen Sie mich das betonen, von den Zwängen der Freizeitindustrie. Lassen Sie sich nicht einfangen von all dem primitiven Quatsch, der Ihnen geradezu in einer Art Nötigung untergejubelt wird, angeführt vom Fernsehen, das in einer unvorstellbaren Plattheit auf dem Niveau von Sechsjährigen Lebenszeit vernichtet, bis hin zu ‹jedes Jahr ein neues Snowboard, Tennisracket oder Paragleiter›. Sie finden damit vielleicht Unterhaltung, aber sicher nicht sich selbst. Muße ist ein humanistisches Ideal, Fundament von Zivilisation und Kultur. Ich wünsche Ihnen diese Muße — die aber nur dann Muße ist, wenn sie nicht 16 Semester lang betrieben wird oder ihre quantitative Vollendung in der Frühpension sucht. Für heute sage ich jedenfalls: Trinken, Liebe und Muße: Glückauf!»

Soviel aus der Ansprache des Rektors. Das feierliche «Gaudeamus igitur» beendete den Kranz der Reden, und das «Leobner Lied» leitete über zum eigentlichen «Ledersprung». Dieser verläuft nach folgendem Ritus: Jeder Novize und jede Novizin im schwarzen Bergkittel, den bei den Verbindungen leihen kann, wer keinen eigenen besitzt, wird begrüsst mit den Worten «Ein frohgelaunter Gruss, dem jungen Montanistikus!» und besteigt das vor der Bühne aufgestellte Bierfass, in der Hand ein volles Halbliterglas. Der Zeremonienmeister stellt nun folgende, laut und deutlich zu beantwortende Fragen: «Dein Name?», «Dein Stand?» (Antwort z.B. Bergmann, Hüttenmann etc.), «Deine Heimat?», «Dein Wahlspruch?». Alsdann spricht der Präsident die Worte: «So leere Dein Glas und spring in deinen Stand und halt' ihn stets in Ehren!» Vor dem Bierfass stehen der Rektor und der älteste anwesende Bergmann. Sie halten ein bergmännisches «Arschleder», über das die Kandidaten, nachdem sie ihr Glas möglichst in einem Zuge und rasch ausgetrunken haben, symbolisch in ihren Berufsstand springen. Besonderen Applaus erhielt eine bildschöne, blonde Schwedin, die beim Extrinken über einen bemerkenswerten Zug verfügte. Durch das Spalier der Fuchsmajoren mit erhobenen, gebundenen Schlägern schritt sie wie die anderen an ihren Platz zurück. Das «Arschleder» ist ein Gesässschutz aus Leder, den die untertage arbeitenden Bergleute umschnallten, um ihren unsäglichen Körperteil beim Sitzen im nassen Gestein trocken zu halten und beim bergabwärts Hineinrutschen in die Grube vor Verbrennungen durch Reibungswärme zu schützen. Es gilt als Standessymbol der Berg- und Hüttenleute.

Schon vor Ende des Springens, das mehr als zwei Stunden dauerte, verliessen zahlreiche Besucher die Halle, um in den Gaststätten oder den Verbindungshäusern weiter zu feiern. So auch wir, die damit den Schlusskantus «O alte Burschenherrlichkeit», den Auszug des Professorenkollegiums und der Chargierten verpassten, statt dessen aber beim Ledersprungausklang auf dem Corpshaus des Schacht dabei waren und interessante Beziehungen anknüpfen konnten.

Etliche Korporationen halten am folgenden Samstagabend besondere Kneipen ab. Nachdem wir Schweizer morgens Leoben besichtigt, uns mittags im Gasthaus der Gösser-Brauerei tüchtig gestärkt, dann heldenmütig auf die Einkehr in der uns von einem ortskundigen Neuzofingerfreund angepriesenen Pampichlerwarte (Ex-Kneipe des Schacht) schweren Herzens verzichtet und statt dessen am Nachmittag das sehenswerte Bergbaumuseum im Radwerk IV in Vordernberg besucht hatten, durften wir beim Corps Schacht an der «Kartellkneipe» teilnehmen. Die sehr stilsicher zelebrierte, dennoch gemütliche Kneipe mit Salamandern, Gesängen und Reden vereinigte vor allem Aktive und Alte Herren aus den Corps des mensurfreudigen «Süddeutschen Kartells», nämlich Schacht Leoben, Joannea Graz, Athesia Innsbruck, Bavaria Erlangen, Makaria München, Franconia Würzburg und, als zugewandte Orte, Borussia Berlin und Hubertia Freiburg. Der Ausklang der Kneipe im Schachter Bierkeller dauerte bis zum Morgengrauen und verlief mit Bierspielen und Bierskandalen derart feuchtfröhlich und anstrengend, dass der für Sonntag um 11 Uhr c.t. angesagte offizielle «Barbara-Frühschoppen» mangels genügender Zahl einsatzfähiger Zecher formlos ausfiel. So hielten wir, die pünktlich im Corpshaus erschienen waren, ad hoc in einem Wirtshaus einen Frühschoppen ab.

Höchst zufrieden über unseren Couleurausflug in die Steiermark, traten wir am Sonntagnachmittag die Rückreise über Graz nach Zürich an. Leoben und der «Ledersprung» sind für jeden traditionsbewussten Couleurstudenten eine Reise wert. Um das einzigartige Ereignis des «Ledersprungs» und die studentische Atmosphäre Leobens in vollen Zügen geniessen zu können, empfiehlt es sich jedoch, sich um die Teilnahme im Kreise einer Leobener Korporation zu bemühen.