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"Meinen Gruss zuvor!" — zum couleurstudentischen Schriftverkehr
Von Dr. Peter Hauser v/o Star

 

Alles Geschriebene, ob mit gewöhnlicher oder mit elektronischer Post versandt, ist eine Visitenkarte des Verfassers und seiner Verbindung. Der traditionelle couleurstudentische Schriftverkehr kennt noch immer einige Besonderheiten, die nachfolgend behandelt werden sollen. 

Beginnen wir mit der Anrede «Meinen (unseren) Gruss zuvor!». Diese Wendung ist aus dem höfischen Briefstil des 18. Jahrhunderts mit Formulierungen wie «Unseren gnädigen Gruss zuvor!» übernommen worden und als Übersetzung der neulateinischen Grussformel «L.B.S.» gleich «Lectori benevoli salutem» zu betrachten. Im studentischen Bereich wurde das «Unseren Gruss zuvor!» etwa 1815 von den ersten Burschenschaften als scheinbar «altdeutsch» wieder eingeführt und auch von den Corps häufig, aber zwangslos verwendet. Der damalige studentische Briefstil war unkompliziert. Es gab keine bestimmten, vorgeschriebenen Formeln für Adresse, Anrede und Schluss der Briefe und man redete Einzelpersonen, Corps und den Senioren-Convent (SC) bis zu den 1840er Jahren meistens mit «Ihr» an. Bald wurde jedoch die Form etwas feierlicher und das Prädikat «hochlöblich« für den SC üblich.[1]

Von 1870 an nahmen dann die Förmlichkeiten allgemein stark zu. Bei brieflichen Anreden und Schlussformeln gab es bewusste, feinste Unterschiede. Nicht jeder Adressat war wie heutzutage ein «sehr geehrter Herr» und nicht jeder erhielt «freundliche Grüsse» oder wurde gar «mit vorzüglicher Hochachtung» bedacht. Vor allem in waffenstudentischen Kreisen war man in Formsachen jeder Art besonders empfindlich. Geringfügigste Formfehler konnten zu Pro Patria-Suiten (PPS) zwischen Corps oder sogar SC führen. Berühmt wurde die PPS zwischen dem Zürcher SC (bestehend aus den Corps Tigurinia und Grün-Helvetia) und dem SC zu Heidelberg. Die Zürcher hatten 1879 einen Heidelberger SC-Brief, der in nicht ganz sauberem Zustand angelangt war, zurück geschickt und im Begleitbrief «Zurich» statt «Zürich» geschrieben, worauf sich der Heidelberger SC «Briefe mit orthographischen Fehlern» verbat. Die Forderung aus Zürich liess nicht lange auf sich warten, und man traf sich in Strassburg, um die Partien auszutragen.[2] Natürlich waren PPS wegen einer solchen Lappalie Unsinn, aber sie kamen recht häufig vor.[3] Die Überhandnahme der allein schon wegen der Reisen sehr kostspieligen auswärtigen PPS aus nichtigem Anlass zwischen einzelnen SC veranlasste den Kösener Congress von 1879 zum Beschluss, dass nur grobe Formfehler die Zurücksendung von SC-Briefen rechtfertigen sollten. 1881 wurden die PPS zwischen SC abgeschafft.[4]

Auch um Konsequenzen von Formfehlern vorzubeugen, wurde der corpsstudentische Schriftverkehr stark formalisiert. In diesem Zusammenhang ist ab etwa 1840 auch das «Meinen (unseren) Gruss zuvor!» zu sehen. Es sollte auch dem ungeschicktesten Briefschreiber eine Anrede ermöglichen, ohne in der Form anzustossen.[5] Dasselbe gilt für die corpsstudentische Briefschlussformel «Mit den besten Wünschen», auf die weiter unten näher eingegangen wird. Diese altbewährten Formulierungen sichern Kontinuität im Schriftverkehr bei gleichbleibender sozialer Distanz. Sie verhindern zudem, dass wechselnde Chargierte aus Unerfahrenheit oder übertriebener Höflichkeit unterschiedliche Grade der Vertraulichkeit zum Empfänger anwenden,[6] was bei den Kösener Corps, die zu einander in formell abgestuften Verhältnissen stehen (Kartell als engste Beziehung, befreundetes Verhältnis und Vor-stellungsverhältnis) von besonderer Bedeutung ist.

In der Regel beginnt daher jeder offizielle corpsstudentische Brief auch jetzt noch mit den Worten «Meinen (unseren) Gruss zuvor!». Damit sind ein für alle Mal Schwierigkeiten, die sich zum Beispiel bei der Anrede hinsichtlich des Titels und dergleichen ergeben könnten, aus dem Wege geräumt. In der offiziellen Korrespondenz innerhalb der Verbindung oder mit befreundeten Verbindungen und sehr nahestehenden korporierten Personen kann auch «Unseren herzlichen Gruss zuvor!» oder «Herzlichen Gruss zuvor!» geschrieben werden. Sonst aber sind, wie die Entstehung der bewusst unpersönlichen, «neutralen» Anredeformel beweist, jegliche Zusätze zur Wendung «Meinen (unseren) Gruss zuvor!» wie «Sehr geehrter Herr NN» oder «Lieber NN» und dergleichen völlig überflüssig und zu unterlassen.[7] Anderseits sollte man das unpersönliche «... Gruss zuvor!» in Zuschriften an enge couleurstudentische Freunde oder sehr gute Bekannte sowie in der Korrespondenz mit Nichtkorporierten nicht verwenden.

Auch bei der Anschrift von Verbindungen gibt es traditionelle Formen, die dem vom 16. bis 19. Jahrhundert allgemein üblichen Kanzleistil entsprechen, also nicht studentischen Ursprungs sind. Zu erwähnen sind die heute noch im farbenstudentischen Kreisen gebräuchlichen Titulaturen «wohllöblich», «hochwohllöblich», «verehrlich» und dergleichen.[8] Die offizielle Anschrift gegenüber einem Corps lautet seit dem Kösener Congress von 1869 «wohllöblich»[9]. Angeschrieben wird aber nicht das Corps, sondern der Corpsconvent (CC) als höchste Instanz des Corps. Es heisst daher zum Beispiel «einem wohllöblichen (wohll.) CC der Onoldia». Auch der um 1840 noch «hochlöbliche» Senioren-Convent (SC) ist seit 1869 «wohllöblich». Das Prädikat «hoch» ist dem Kösener Congress und dem Kösener SC-Verband (KSCV) vorbehalten. Man schreibt also «Einem hohen Kösener Congress».[10] Die Weinheimer Corps haben diese Regeln übernommen. Das Adjektiv «hochwohllöblich (hwl.)» kommt vor allem bei Technikums- und Gymnasialverbindungen vor. Ausserhalb der Corpskreise ist bei vielen Hochschulkorporationen die achtungsvolle schriftliche und mündliche Anrede «verehrlich» üblich.[11] Es heisst daher beispielsweise «Einer verehrlichen (e/v) Akademischen Turnerschaft Utonia». Der Zusatz «zu Zürich» kann in diesem Fall weggelassen werden, denn es gibt nur eine Utonia. Anders wäre es zum Beispiel bei der Helvetia, die an mehreren Hochschulorten domiziliert. Bei ihr schreibt oder sagt man daher «Einer verehrlichen Schweizerischen Studentenverbindung Helvetia zu Basel (Bern, Zürich)».

 Wie bereits angetönt, ist als Briefschlussformel bei den Kösener und Weinheimer Corps seit etwa 1870 die Wendung «Mit den besten Wünschen» üblich. Ob dahinter ein Ausrufezeichen steht oder nicht, ist umstritten.[12] Richtet sich der Brief an einen Seniorenconvent, Corpsconvent oder einen Studenten heisst es traditionell: «Mit den besten Wünschen für den Beginn (Verlauf, Schluss) des Semesters!». Studiert der Empfänger nicht mehr oder gibt es sonst keinen Anlass, etwas Besonderes zu wünschen, schreibt man einfach «Mit den besten Wünschen». Weitere Zusätze sind auch hier überflüssig. Der Höflichkeit ist Genüge getan, und zwar auch in Briefen an Corps-, Bundes- oder Farbenbrüder. Schlussformeln wie «Mit corpsstudentischen Grüssen» oder «Mit waffenstudentischen Grüssen» und dergleichen werden von Puristen abgelehnt, weil sie etwas peinlich an Wendungen wie «Mit (deutschem) Züchtergruss» oder «mit Kleingärtnergruss» erinnerten.[13]

 Selbstverständlich setzt der Couleurstudent hinter seine Unterschrift den Zirkel, und zwar lesbar und nicht verunstaltet. Damit ist es in der Regel auch nicht nötig, nach der Schlussformel in Druckschrift den Namen und die Verbindungszugehörigkeit zu nennen. Geschieht dies trotzdem, heisst es zum Beispiel «NN Utoniae» oder, wenn dieser auch noch Rhenane ist, «NN Utoniae, Rhenaniae» (ohne et dazwischen).

 Chargierte bringen seit Ende der 1850er Jahre hinter Namen und Zirkel das oder die Chargenzeichen an. Es handelt sich um Kreuze, die mit dem Buchstaben X nichts zu tun haben. Vom «Eins-Ix» oder «Zwei-Ix» zu sprechen ist daher schimmerlos.[14] Nicht überall steht ein «x» für den Senior oder Präsidenten; es gibt auch Verbindungen oder Hochschulorte, wo der Erstchargierte mit «xxx» und der Drittchargierte mit «x» zeichnet.[15] Chargenkreuze in Klammern bedeuten bei den Corps[16], zum Teil auch bei anderen Verbindungen, dass der Chargierte die Charge besonders gut geführt und mindestens eine genügende Chargenpartie gefochten hat. Er darf dann gestützt auf einen Beschluss des Corpsconvents «klammern».[17] Viele Verbindungen erlauben auch das Klammern der Funktionsbezeichnung «FM» für Fuchsmajor.

 Schliesslich ein Wort zu den studentischen Zeitangaben. Sie kommen vor allem in Einladungen und Programmen vor und können nur bei der vollen Stunde[18] angewendet werden. Gebräuchlich sind noch das «c.t.» (cum tempore) und das «s.t.» (sine tempore). Schreiben oder sagen wir «20 h. (oder Uhr) c.t.», bedeutet das «viginti horae cum tempore», also mit dem «akademischen Viertel», mithin 20.15 Uhr. «20 h.s.t.» lesen wir als «viginti horae sine tempore», also punkt 20 Uhr ohne die Zugabe des Zeitzuschlages von einer Viertelstunde. Die Wendungen «20.h.m.c.t. (... magno cum tempore = Zuschlag von einer halben Stunde = 20.30 Uhr) und «20.h.m.m.c.t. (... maximo cum tempore = Zuschlag von dreiviertel Stunden = 20.45 Uhr) sind kaum mehr üblich.

 Das «akademische Viertel» war ursprünglich diejenige Viertelstunde, um die an Hochschulen in der Regel fortlaufende, grundsätzlich nur 45 Minuten dauernde Vorlesungen und Seminare später begannen als angegeben, damit die Professoren und Studenten ohne Hast den Hörsaal oder das Institut wechseln konnten.[19] Einzelveranstaltungen, die unter diese Regel fielen, wurden mit dem Zusatz c.t. versehen, der pünktliche Beginn mit s.t. Die Wendungen «cum tempore» und «sine tempore» sind kein klassisches Latein. Der Brauch scheint nicht sehr alt zu sein. Die erste mir bekannte Erwähnung des «akademischen Viertels» stammt erst von 1869.[20]

 Soviel zu den wenigen, heute noch mehr oder weniger gebräuchlichen Spezialitäten des couleurstudentischen Schriftverkehrs, die wir auch im Zeitalter von E-mail und Handy pflegen sollten und deren Entstehung wir deshalb kennen müssen. Selbstverständlich plädiere ich nicht für die Rückkehr zum schwülstig-steifen Briefstil früherer Zeiten, als man sich stets der dritten Person zu bedienen hatte, was etwa so tönte: «Einem wohllöblichen CC seiner lieben Teutonia erlaubt sich Unterfertigter die ergebene Bitte um Nachurlaub bis Sonnabend, den 7. d.M. abends zur Kneipe zu unterbreiten, da derselbe durch Krankheit ans Bett gefesselt ist.»[21] Ein solcher Briefstil wirkt gekünstelt und lächerlich. Trotzdem sollten wir im couleurstudentischen Schriftverkehr nicht — um sogenannt modern zu erscheinen — ins andere Extrem der völligen Formlosigkeit und Saloppheit, fallen. Auch guter Stil im sprachlichen Ausdruck und in der Form gehört zum Comment.

 

[1] Fabricius Wilhelm, Geschichte und Chronik des Kösener SC-Verbandes, 2. Auflage, Marburg 1910, Seite 81; Christian Helfer, Kösener Brauch und Sitte, Ein corpsstudentisches Wörterbuch, 2. Auflage, Saarbrücken 1991, Seite 17 

[2] Fabricius, a.a.O., Seite 50; von Muralt Johannes (Schriftleitung), Das Corps Tigurinia zu Zürich 1850-1940, Zürich o. J., Seite 32 

[3] Der SC zu Heidelberg beispielsweise focht zwischen 1873 und 1879 sieben PPS gegen die SC zu Marburg, Giessen, München, Königsberg, Berlin, Würzburg und Zürich! Vgl. Das Corpsleben in Heidelberg während des neunzehnten Jahrhunderts, Festschrift zum 500-Jahr-Jubiläum der Universität, Heidelberg 1886, Seite 80 

[4] Fabricius, a.a.O., Seiten 52 und 56 

[5] Helfer, a.a.O., Seite 17; Bauer Erich, Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, 5. Auflage, Bielefeld 1991, Seite 112 

[6] Helfer, a.a.O., Seite 17; derselbe, Vom Unfug der doppelten Anrede, in: Deutsche Corpszeitung (DCZ) Nr. 2/1986, Seite 30 

[7] Bauer Erich, a.a.O., Seite 112; Helfer, a.a.O., Seite 17: derselbe in: DCZ Nr. 2/1986, Seite 30 

[8] Vgl. Grimm Jacob und Wilhelm, Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960, Band 4 (1877), Seite 1625, für «hochlöblich», Band 12 (1886), Seite 270, für «verehrlich» und Band 14 (1960), Seite 1169, für «wohllöblich»; Duden, Das grosse Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden, 3. Auflage, 1999, Band 4, Seite 1845, für «hochwohllöblich». 

[9] Fabricius, a.a.O., Seite 81 

[10] Helfer, a.a.O., Seite 111 

[11] Auch im Cartell-Verband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) heisst es in der Anschrift «verehrlich» bzw. gegenüber den zehn ältesten CV-Verbindungen «sehr verehrlich»; vgl. Grün Bernhard/Weghorst Achim, Comment im CV, Würzburg 1993, Seite 10  

[12] Mit Ausrufezeichen laut Bauer, a.a.O., Seite 113, ohne Ausrufezeichen gemäss Helfer, a.a.O., Seite 24 und DCZ Nr. 2/1986, Seite 30 

[13] So Bauer, a.a.O., Seite 113  

[14] Bauer, a.a.O., Seite 19 

[15] Zum Beispiel im SC zu Göttingen und bei den Kösener Corps in München (mit Ausnahme von Arminia, Hercynia, Hubertia und Rheno-Palatia). Auch in der Vitodurania zeichnete der Präsident bis zum WS 1918/19 mit xxx und der Quästor (Drittchargierter, Kassier) mit x. 

[16] Ältester Nachweis in Heidelberg 1839; siehe Graebke Hans Dietrich, Der Heidelberger Seniorenconvent vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute, in: «Weiland Bursch zu Heidelberg», Festschrift der Heidelberger Korporationen zur 600-Jahr-Feier der Ruperto Carola, Heidelberg 1986, Seite 18 

[17] Paschke Robert, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 64 

[18] Kluge Friedrich/Rust Werner, Deutsche Studentensprache, Band 1, Schriftenreihe der Studentengeschichtlichen Vereinigung des CC, 1984, Seite 174; Bauer, a.a.O., Seite 142. Zeitangaben wie 20.30 h.c.t. oder 20.45 Uhr c.t. sind daher Unsinn. 

[19] Helfer, a.a.O., Seite 68; Paschke, a.a.O., Seite 17; Golücke Friedhelm, Studentenwörterbuch, 4. Auflage, Graz Wien Köln 1987, Seite 17; Röhrich Lutz, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Taschenbuchausgabe, Band 5, Freiburg Basel Wien 1994, Seite 1678

[20] Siehe Paul Hermann, Deutsches Wörterbuch, 9. Auflage, Tübingen 1992, Seite 20. In den studentischen Wörterbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts einschliesslich Friedrich Kluges «Studentensprache» von 1895 fehlt das Wort «akademisches Viertel». 

[21] Beispiel bei Studier Manfred, Der Corpsstudent als Idealbild der Wilhelminischen Ära, Dissertation Erlangen 1965, Nachdruck Schernfeld 1990, Seite 78, unter Hinweis auf W. Pust, Corpsstudentische Brief- und Verkehrsformeln, Starnberg 1909.