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Über das Corpsstudententum
Von Dr. Peter Hauser v/o Star


1. Der Begriff «Corps»

Als nach der französischen Revolution die ersten Corps im Zuge einer studentischen Reformbewegung entstanden, kannte man die Bezeichnung «Corps» für diese neuen Gemenischaften noch nicht. Im Unterschied zu den Landsmannschaften des 17. und 18. Jahrhunderts nannten sie sich selbst meist «Kränzchen». Da sie jedoch fast ausnahmslos landsmannschaftlich aufgebaut waren, benützten Aussenstehende weiterhin den Namen «Landsmannschaft». Mit der Zeit nahmen die Kränzchen diese Bezeichnung selbst an. Von den alten Landsmannschaften unterschieden sie sich vor allem dadurch, dass sie mit anderen Verbindungen dieser Art einen örtlichen Seniorenconvent (SC) bildeten, für die ganze Universität einen allgemeinen Burschenbrauch (SC-Comment) schriftlich niederlegten und die Führung samt Gerichtsbarkeit über die gesamte Studentenschaft beanspruchten.

Der Name «Landsmannschaft» war jedoch für die Behörden das rote Tuch. Sie glaubten, landsmannschaftliche Zusammenschlüsse im Interesse der Disziplin an den Hohen Schulen unterdrücken zu müssen. Als es 1810 in Heidelberg wieder einmal zur Verfolgung der Landsmannschaften gekommen war, suchte der Heidelberger SC nach einer unauffälligen Tarnbezeichnung. Er fand sie in der damals für verschiedene Personengruppen üblichen Bezeichnung «Corps» (z.B. Offizierskorps, Corps diplomatique etc.), und die Landsmannschaften zu Heidelberg konstituierten sich in der Folge unter diesem neuen Namen. Von Heidelberg ging die Bezeichnung «Corps» 1811/12 nach Göttingen über und verbreitete sich alsdann weiter. «Typenbezeichnung» für eine bestimmte Art studentischer Verbindung wurde das Wort «Corps» aber erst nach der Entstehung der Burschenschaft im Jahre 1815, deren Ziel es ja war, Einzelkorporationen abzuschaffen und alle Studenten einer Universität zu einer einzigen Gemeinschaft, eben zu einer «Burschenschaft», zusammenzufassen. Die Bezeichnung «Corps» setzte sich nur allmählich durch; noch bis etwa 1840 wurden die Begriffe «Corps» und «Landsmannschaft» als Synonyme verwendet. Diese «Corps-Landsmannschaften» haben mit den «neuen» Landsmannschaften, die sich 1951 mit den Turnerschaften im Coburger-Convent (CC) zusammenschlossen, entwicklungsgeschichtlich nichts zu tun. Die heutigen Landsmannschaften im CC sind erst aus der studentischen Reformbewegung der 1840er Jahre und aus einer Gegnerschaft zu den Corps entstanden. (1)

Die Corps gelten als Urtypus der Studentenverbindung heutiger Prägung. Die ältesten sind Guestphalia Halle zu Münster (gestiftet 1789, Stiftungsjahr wegen zweifelhafter Rückdatierung umstritten) und Onoldia Erlangen (gestiftet 1798), die noch immer bestehen. Die Corpsidee ist somit rund 200 Jahre alt. Die meisten Corpsnamen weisen auf die frühere landsmannschaftliche Grundlage hin, indem sich fast alle Corps der ältesten Schicht anfänglich nur aus einem bestimmten Gebiet rekrutierten. Guestphalia Halle war beispielsweise das Corps der in Halle studierenden Westfalen. Der Charakter als Landescorps verlor sich jedoch recht bald, und seit etwa 1850 sagen die Namen der Corps wie Bavaria (Bayern), Suevia (Schwaben), Borussia (Preussen), Franconia (Franken), Rhenania (Rheinland, Cisaria (Augsburg) usw. über die örtliche Herkunft ihrer Mitglieder nichts mehr aus. Im corpsstudentischen Sprachgebrauch blieb jedoch das landsmännische Element insofern erhalten, indem wir zum Beispiel sagen «NN ist Münchner Schwabe» oder «wir besuchen die Würzburger Bayern».

2. Wesen und Struktur der Corps

«Ein Corps ist eine Vereinigung immatrikulierter Studenten mit dem Zweck, die Mitglieder in aufrichtiger Freundschaft auf Lebenszeit zu verbinden und ? ohne Beeinflussung ihrer politischen, religiösen und wissenschaftlichen Richtung ? zu Vertretern eines ehrenhaften Studententums und zu charakterfesten, tatkräftigen, pflichttreuen Persönlichkeiten zu erziehen.» (§ 1 der Statuten des Kösener SC-Verbandes; Umschreibung für Weinheimer Corps ähnlich). Ein Corps ist immer eine farbentragende, waffenstudentische Verbindung, denn das Recht, ein Corpsband zu tragen, besitzt nur derjenige, welcher bei einem Corps aktiv ist oder gewesen ist und auf dessen blanke Corpswaffe gefochten hat. Ausnahmen sind nur bei ausser-gewöhnlichem Anlass statthaft. Die Mitgliedschaft in einem Corps ist an keine bestimmte Nationalität gebunden. Die Corps lehnen im Gegensatz zu den Burschenschaften jede politische Festlegung ab (Toleranzprinzip) und sind nach dem Conventsprinzip demokratisch strukturiert. Rund 900 Schweizer haben sich in Corps heimisch gefühlt, während nur wenige in deutsche Burschenschaften oder Landsmannschaften eintraten. (2) In gewissen Burschenschaften, vereinzelt auch bei Landsmannschaften, sind leider rechtsextreme politische Strömungen vorhanden, die in der Deutschen Burschenschaft (DB) zu Auseinandersetzungen, Gruppenbildungen und Abspaltungen geführt haben. (3) Die Deutsche Burschenschaft ist übrigens seit 1971 kein pflichtschlagender Verband mehr.

Oberstes Organ des aktiven Corps ist der in der Regel wöchentlich zusam-mentretende Corpsburschen-Convent (CC), in welchem die Corpsburschen (CB), die das sog. engere Corps bilden, Sitz und Stimme haben. Bei vielen Corps sind auch die inaktiven Corpsburschen (iaCB), die Alten Herren (AH, bei süddeutschen Corps Philister genannt) und die Ehrenmitglieder (EM) oder Ehrencorpsburschen (ECB) auf dem CC stimmberechtigt. Entscheidungen von grundlegender Bedeutung, welche auch die Altherrenschaft betreffen, werden auf dem Feierlichen Corpsconvent (FCC) oder Bundesconvent getroffen. Der herausragenden Bedeutung des Corpsburschen-Convents entsprechend, heisst die korrekte Anschrift z.B. «Einem wohllöblichen CC der Cisaria».

Die Rezeption als Corpsbursche (bei anderen Verbindungen Burschifizierung genannt) setzt in der Regel voraus, dass jemand mindestens ein Semester lang als Fuchs aktiv war, zwei Mensuren (Fuchsenpartie und Rezeptionspartie) gefochten und eine «Burschenprüfung» bestanden hat. Sie ist die feierliche Aufnahme «ins engere» Corps. Zum in Einzelheiten unterschiedlichen Brauchtum der Rezeption gehören Kerzenlicht bei verdunkeltem Raum und ein mit den Corpsfarben und/ oder mit einer Rezeptionsdecke geschmückter Tisch, auf dem gekreuzte Schläger sowie ein Corpsburschenband liegen. Dem Rezipienten werden vom Senior Teile der Corps-Konstitution vorgelesen, bevor er den Wortlaut eines Gelöbnisses oder Eides nachzusprechen hat und ihm das Corpsburschenband umgelegt wird. Der eindrücklichen Zeremonie der Rezeption, die einen Bund fürs Leben begründet, entspricht, dass die Mitglieder eines Corps einander «Corpsbrüder» nennen, ein Ausdruck, den aber auch sachkundige Dritte verwenden («Ihr Corpsbruder NN sagte mir»). Die Ernennung zum inaktiven Corpsburschen (iaCB) mit gelockerter Präsenzpflicht erfolgt je nach Corpsbestand in der Regel nach vier bis fünf Semestern und setzt bei vielen Corps eine in der Konstitution festgelegte oder stillschweigend vorausgesetzte Mindestzahl von «ziehenden», d.h. technisch und moralisch ein-wandfreien Mensuren voraus (im Corps Cisaria z.B. sind es fünf).

Ein Corps wird vom Senior geleitet. Er vertritt es auch nach aussen, insbesondere im örtlichen Senioren-Convent (SC), der regelmässigen Zusammenkunft der Senioren am Ort. Obwohl er während der Amtszeit über dem Corps steht, wird sein Handeln vom CC kontrolliert, der ihn auch jederzeit abwählen («stemmen») kann. Gibt er die Charge auf, tritt er wieder in das engere Corps zurück. Als Chargenzeichen führt der Senior ein Kreuz (bei einigen Corps drei Kreuze). Jeder Chargierte, der sein Amt während des ganzen Semesters tadellos ausgeübt geführt und eine technisch und moralisch gültige Chargenpartie gefochten hat, erhält vom CC die Erlaubnis, die Chargenbezeichnung fortan in Klammer seinem Namen und dem Zirkel anzufügen (er darf «klammern»).

Der Consenior ist der Vertreter des Seniors und für alle Fragen des Fechtens zuständig (Fechtchargierter). Bei seiner Wahl spielen deshalb Mensurerfahrung und fechterisches Können eine entscheidende Rolle. In einigen Corps ist er auch für Feste und Veranstaltungen verantwortlich. Als Chargenzeichen führt der Consenior zwei Kreuze. Regelmässig treffen sich die Zweitchargierten der örtlichen Corps zum Consenioren-Convent (CSC), um Partien auszumachen, d.h. zu bestimmen, wer gegen wen ficht. Daher auch der Begriff «Bestimmungsmensur».

Als dritter Chargierter (xxx, vereinzelt auch x) ist der Sekretär für den zwischen Corps stark formalisierten Schriftverkehr und die Kassenführung verantwortlich. Auch er steht wie der Consenior über dem Corps und tritt nach Abschluss der Amtszeit wieder in das engere Corps zurück. Nicht zu den Chargierten zählt aufgrund der Entstehung dieses Amtes der Fuchsmajor. (4) Er kümmert sich im Auftrag des CC um die Erziehung und Ausbildung der Füchse, wobei mit dieser für Geist und Fortbestand des Corps sehr wichtigen Aufgabe oft ein inaktiver Corpsbursche mit hoher Motivationskraft betraut wird.

In zahlreichen Corps heissen die Füchse (F) Renoncen (Ren). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verkehrten bei den Landsmannschaften/Corps viele Studenten, die an den Veranstaltungen teilnahmen, fechten lernten und Waffenschutz bekamen, jedoch gewollt oder ungewollt nicht aktiv werden konnten, d.h. auf die Mitgliedschaft verzichteten. Solche Leute wurden mit dem entsprechenden französischen Ausdruck als Renoncen bezeichnet. Eine grosse Renoncenschaft stärkte damals Ansehen und Einfluss eines Corps. Aus dem Renoncentum entstand das heutige Fuchsenwesen.

Etliche Corps kennen auch Inhaber der Corpsschleife (IdC). Das sind ordentliche Corpsmitglieder, die als Füchse oder Conkneipanten (CK) aktiv gewesen sind, aber unverschuldet nicht alle Voraussetzungen zur Rezeption erfüllen konnten, z.B. aus gesundheitlichen Gründen nicht oder nicht mehr fechten durften. Der IdC trägt als Abzeichen am linken Rockaufschlag eine aus Weinzipfelband gestaltete Schleife in den Corpsfarben und kann auch Alter Herr werden (AHIdC). So heisst auch der Alte Herr eines anderen Corps, dem wegen besonderer Verdienste die Corpsschleife verliehen wurde.

Die Altherrenschaften oder Philister-Vereinigungen sind erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu der heutigen Form herangewachsen. Von jeher gab es zwei Grundtypen von Corps: Die «Lebenscorps» und die «Waffencorps». Die ersteren hatten ihre Heimat vor allem in Süddeutschland und bei ihnen war die Zugehörigkeit zum Corps von vornherein auf Lebenszeit angelegt. Bei den Waffencorps dagegen hörte die Beziehung zum Bund mit dem Abschluss des Studiums bzw. mit dem Abgang von der Universität auf. Seit mehr als 100 Jahren kennen aber alle Corps das Lebensbundprinzip. Unter einem «Lebenscorps» verstehen wir heute ein Corps, das seinen Mitgliedern die recht verbreitete mehrfache Corpszugehörigkeit («Mehrbänderleute») untersagt und keine Kartellverhältnisse eingeht. In diesem strengen Sinne gelten nur noch die Corps Bavaria München und Onoldia Erlangen als Lebenscorps.

3. Kösener und Weinheimer Corps (siehe auch www.corpsstudent.de)

Die ursprünglich nur an den Universitäten domizilierten Corps sind seit 1848 im Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) zusammengeschlossen. Mitglieder des KSCV sind nicht die einzelnen Corps, sondern die Senioren-Convente (SC) der verschiedenen Hochschulorte. Die AH-Verbände der Kösener Corps sind im Verband Alter Corpsstudenten (VAC) vereinigt. Der KSCV zählt derzeit 103 aktive Corps in 32 deutschen und 6 österreichischen Universitätsstädten. Brandenburgia-Berlin (gestiftet 1937) und Teuto-Rugia Berlin (1928), beide in Cleveland/Ohio, sind durch ein Vorstellungsverhältnis assoziierte Mitglieder des KSCV. Seit 1994 findet Donnerstag/Freitag/Samstag vor Pfingsten der jährliche Kösener Congress wieder in Bad Kösen an der Saale (Kreis Naumburg) statt. Von 1954 bis 1993 war Würzburg Tagungsort. Stammschloss der «Kösener» ist die im Lied «Dort Saaleck hier...» besungene, nach der politischen Wende von 1989/90 mit viel Aufwand renovierte Rudelsburg, deren Besuch einschliesslich der Gaststätte sich lohnt. Jedes Jahr übernimmt ein vom Congress gewählter SC den Vorort, der wiederum von einem «in Vorortsachen präsidierenden Corps» vertreten wird.

Im KSCV gibt es etliche «Grosskartelle», die sog. Kreise. Die drei Corps des Weissen Kreises (Borussia Bonn, Saxo-Borussia Heidelberg, Saxonia Göttingen) haben auch heute noch eine grosse Zahl adliger Mitglieder in ihren Reihen. Im Grünen Kreis (12 Corps, z.B. Franconia München, Rhenania Würzburg) gibt man sich, weil das Band als ein vom Anzug unabhängiges Zeichen der Verbundenheit betrachtet wird, tenuemässig locker-schäbig und pflegt «Schnefter» (süddeutsch für Schneise) genannte Wanderungen. Der Blaue Kreis (20 Corps wie etwa Hannovera Göttingen, Onoldia Erlangen, Isaria München) rühmt sich gesellschaftlicher Ambitionen. Die Corps des Schwarzen Kreises (24 Corps, z.B. Suevia München, Bavaria Würzburg) zeichnen sich vor allem durch eine sehr strenge Mensurauffassung aus, während im Roten Kreis (6 Corps, z.B. Hildeso-Guestphalia Göttingen, Saxonia Jena) gediegene Tanzanlässe eine wichtige Rolle spielen. Als renommierter und in jeder Beziehung prinzipientreuer Kreis ist das Süddeutsche Kartell zu nennen, welchem die Corps Bavaria Erlangen, Franconia Würzburg, Makaria München, Joannea Graz, Schacht Leoben, Athesia Innsbruck und, trotz wenig südlicher Lage, Borussia Berlin angehören.

Die ursprünglich an den Technischen Hochschulen domizilierten und daher in der Regel jüngeren Corps sind im Weinheimer Senioren-Convent (WSC) zusam-mengeschlossen. An dessen Gründung im Jahre 1863 war auch das 1855 am Polytechnikum Zürich gestiftete Corps Rhenania (später in Aachen, heute in Braunschweig) beteiligt. Anders als beim KSCV sind Mitglieder des WSC die einzelnen Corps. Jedes Jahr mit Beginn an Auffahrt findet in Weinheim an der Bergstrasse die Weinheimtagung statt. Was für die Kösener die Rudelsburg, ist den Weinheimern «Corpsiers» die Wachenburg, welche dem Weinheimer Verband Alter Corpsstudenten (WVAC) gehört. Der WSC besteht derzeit aus 62 Corps an 18 Hochschulorten. Auch dieser Verband kennt Kartelle, von denen als grössere das Weisse Kartell (Cheruscia Berlin, Markommania Bonn, Irminsul Hamburg, Marchia Greifswald), das Blaue Kartell (Hannoverania Hannover, Teutonia Berlin, Saxo-Thuringia München, Albingia Aachen und Altsachsen Dresden) und der «Fünferbund» (Frankonia Karlsruhe, Slesvico-Holsatia Hannover, Rhenania Z.A.B. {= Zürich, Aachen, Braunschweig}, Saxonia Berlin zu Aachen und Stauffia Stuttgart) genannt seien.

Kösener und Weinheimer Corps unterscheiden sich in ihren Prinzipien durch nichts. Seit 1955 sind diese Verbände durch einen Kartellvertrag verbunden. Dort wo beiderlei Corps bestehen, bilden diese jedoch einen eigenen Senioren-Convent. Einzige Ausnahme ist München, wo sich die 11 Kösener und 7 Weinheimer Corps sowie das verbandsfreie Corps Donaria Freising-Weihenstephan 1951 zum Münchner SC vereinigt haben, der im Sommersemester 1997 vom Corps Cisaria (WSC), dem der Autor als AH angehört, präsidiert wurde. Die seit 1994 gemeinsame, viermal pro Jahr erscheinende Zeitschrift der beiden Corpsverbände heisst «Der Corpsstudent» und ist aus der «Deutschen Corpszeitung» des KSCV und der «Wachenburg» des WSC hervorgegangen.

Mehrere bekannte Kösener Corps des Grünen Kreises wie Bremensia Göttingen, Vandalo-Guestphalia Heidelberg, Rhenania Strassburg zu Marburg und Suevia Tübingen gaben anfangs der 1970er Jahre das Mensurfechten auf und traten aus dem KSCV aus. Vor dem 2. Weltkrieg bestanden auch an den deutschen Hoch-schulen von Prag und Brünn sowie im Baltikum (Dorpat und Riga) Corps. 1935/37 wurden die Corps und deren Verbände vom NS-Regime aufgelöst. Viele der rund 60 Corps des KSCV und WSC an den mittel- und ostdeutschen Hochschulen blieben suspendiert oder verlegten zwischen 1948 und 1955 ihr Domizil in den Westen. Seit Oktober 1990 sind 14 dieser Corps in ihre Heimat zurückgekehrt oder dort rekon-stituiert worden. Zu erwähnen ist noch, dass 1995 in Frankfurt an der Oder, dem ersten SC in Deutschland (1786-1811) das Corps Borussia-Polonia gegründet wurde, welches seit Herbst 1997 dem KSCV angehört. In Bremen ist zudem das Corps Hansea gestiftet worden.

4. Corps in der Schweiz, Schweizer Corps in Deutschland

Auch in der Schweiz gab es Corps, von denen jedoch die meisten nur relativ kurze Zeit existierten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit (5) seien erwähnt die vier Kösener Corps Alamannia Basel (1865-1878), Rhenania Bern (1870-1880), Helvetia Zürich (sog. Grün-Helvetia, 1878-1885) und Tigurinia Zürich (1850-1923, von 1927 bis 1931 in Köln, 1932 als susp. Corps nach Zürich zurückverlegt). Zu den Mitgründern des WSC gehörten Helvetia (Schwarz-Helvetia, 1861-1865) und die bereits genannte Rhenania Zürich (1855-1880). Bei den schweizerischen KSCV und WSC Corps waren viele Deutsche aktiv, weshalb sie von einigen Autoren als «deutsche Corporationen» (6) oder «Ausländerverbindungen» (7) bezeichnet werden.

Corps eindeutig schweizerischer Prägung mit geringem Ausländeranteil waren diejenigen des Aarburger Seniorenconvents (ASC), der seine Kongresse, die meistens mit einem Pauktag verbunden waren, im Städtchen Aarburg abhielt. (8) Zum ASC gehörten die Corps Alt-Rhenania Basel (1876-1916), Tigurinia Bern (1883-1918), Teutonia Genf (1888-1917) und Alpigenia Zürich-Bern-Lausanne (1855-1927) und Alamannia Zürich (1874-1926). Als einer der letzten «Aarburger» war 1926 der frühere Generalstabschef der Schweizer Armee, Korpskommandant Paul Gygli, bei Alpigenia aktiv geworden, bevor er nach deren Suspension Berner Helveter wurde.

Schweizerische Corps im Ausland waren die meist kurzlebigen 13 «Helveten» in Freiburg im Breisgau (Helvetia I-IV, 1815-1843), Göttingen (1824-1829), Heidelberg (Helvetia I-V, 1811-1862), München (1827-1831), Tübingen (1811-1816) und Würzburg (1820-1824). (9)

Am 9. Oktober 1887 gründeten Alte Herren der vier Schweizer KSCV Corps mit in der Schweiz wohnenden Alten Herren deutscher und österreichischer Corps in Luzern den «Bezirksverband Schweiz der AHAH von Kösener Corps», aus welchem 1934 die «Vereinigung Alter Kösener Corpsstudenten in der Schweiz» wurde. Seit 1962 heisst der eher lose Zirkel «Vereinigung Alter Corpsstudenten in der Schweiz» (VACS). Mitglied kann jeder Corpsphilister des KSCV und WSC (früher auch ASC) werden. Der liberalen corpsstudentischen Haltung entsprechend wurden auch einige Alte Herren aus SWR-Korporationen aufgenommen. Nicht umsonst heisst es in Art. 6 der VACS-Statuten: «Dem gesunden Menschenverstand ist weitester Spielraum einzuräumen.» Die VACS hat etwa 75 Mitglieder.

5. Der Corpsbetrieb

Die meisten Veranstaltungen eines Corps finden auf dem eigenen Haus statt. Das Corpshaus, das sich bei vielen Verbindungen auch für grössere Veranstaltungen eignet, ist das Zentrum des Corpslebens, was viele Vorteile hat, jedoch auch die Gefahr der Abschottung in sich birgt. Das Verbindungshaus, sei es eine Etage, ein einfacher Zweckbau, ein Stadtpalais, eine Villa mit Park oder gar ein Schlösschen, dient nicht nur den Corpsangehörigen, sondern ermöglicht auch die Pflege grosszügiger Gastfreundschaft. In dieser Beziehung, vor allem bei der Gästebetreuung, können wir Schweizer von den Corps einiges lernen. Zum Abendschoppen trifft man sich vor allem in kleineren Universitätsstädten auch in einem öffentlichen Lokal wie zum Beispiel im berühmten «Seppl» zu Heidelberg. (10) Offizielle Kneipen finden aber nicht im Wirtshaus, sondern im eigenen Kneipsaal auf dem Hause statt. Dort sind auch ein Konventszimmer, gemütliche Aufenthaltsräume, ein mit modernen Kommunikations- und Bürogeräten ausgestattetes Chargiertenzimmer und eine Bibliothek vorhanden. Die Münchner Cisaren haben im kürzlich modern umgebauten Haus an der Münzstrasse 8 (Nähe Hofbräuhaus) sogar eine Bar eingerichtet, die sich beim Ausklang von Veranstaltungen grösster Beliebtheit erfreut. In den meisten Corpshäusern gibt es auch Zimmer, in denen Aktive zu günstigen Konditionen wohnen können. Viele Corps verfügen noch immer über fest angestelltes Hauspersonal («Corpsdiener»). Bei solchem Aufwand sind natürlich vierstellige Jahresbeiträge für die Alten Herren keine Seltenheit. Die finanzielle «Opferbereitschaft» als Zeichen der Verbundenheit mit dem Corps darf allgemein als hoch bezeichnet werden. Auch das gehört zum viel zitierten und gepriesenen «Corpsgeist».

Bei guten Corps kommt dem Fechten hohe Bedeutung zu. Einsatzfähige Corpsburschen haben auf Verlangen ihres CC jederzeit anzutreten. Die Corpshäuser verfügen über einen eigenen Pauksaal oder -keller, in welchem je nach Grösse nicht nur Paukstunden abgehalten, sondern auch Partien ausgetragen werden können. Die Fechtszene ist in Deutschland anders als im überblickbaren Schweizerischen Waffenring (SWR) leider sehr heterogen. Die meisten Hochschulorte haben einen eigenen Paukcomment mit teilweise recht erheblichen Unterschieden, vor allem bezüglich Auslage und Anhieb. Auch hinsichtlich der «Mensurauffassung» herrscht wenig erfreuliche Vielfalt. Vereinzelte Paukcomments erlauben zum Beispiel «Wangenleder» und ähnlichen Unfug oder verbieten das Schlagen von tiefen Hieben, was ? ohne dem «blutigen» Fechten das Wort zu reden ? die Mensur zur Farce werden lässt und sie damit entwertet. Auch die Tendenz zu weniger Partien ist ein Unding und schadet der Fechtkunst. Corps mit «prinzipieller» Haltung verlangen darum für die Inaktivierung mindestens vier bis fünf technisch und moralisch ziehende Partien, davon zwei bis drei Corpsburschenpartien. Bünde dieser Prägung fechten in der Regel auch persönliche Contrahagen (PC) und Pro Patria-Suiten (PPS). Die unbedingte Satisfaktion mit der Waffe wurde jedoch 1953 in Deutschland als Verbandsprinzip aufgegeben, auch um dem damaligen Widerstand staatlicher und universitärer Behörden gegen die Rekonstitution des 1935/1937 vom NS-Regime verbotenen Waffenstudententums Rechnung zu tragen. (11)

In Berlin, Dresden, Frankfurt/Oder, Freiberg, Greifswald, Halle, Leipzig und Tharandt (also nicht nur östlich der Elbe!) wird bei den Corps mit dem Glockenschläger gepaukt. An den übrigen deutschen Hochschulen und in Österreich bedient man sich des Korbschlägers. Die Säbel- und Pistolenmensuren wurden in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg abgeschafft, während in Österreich noch immer gelegentlich Säbelpartien vorkommen sollen. Es handelt sich dabei um eigentliche Duelle nach dem 1907 publizierten «Ritterlichen Ehrenschutz» von Felix Busson (Corps Joannea Graz und Schacht Leoben), ausgetragen bis zur Kampfunfähigkeit oder völligen Erschöpfung mit dem französischen Offizierssäbel, sehr geringen Schutzvorrichtungen und auf beweglicher Mensur, der sog. «Sprungmensur». (11a)

6. Die Corps einst und jetzt

Die deutschen Corps hatten vor allem in der Wilhelminischen Ära, aber auch noch in der Weimarer Republik, grosse gesellschaftliche Bedeutung, die sich auch auf die berufliche Karriere, insbesondere im Staatsdienst, günstig auswirkte. Neben dem Reserveoffizier galt der Corpsstudent als Idealbild des Kaiserreiches. Das hing auch damit zusammen, dass ausser Kaiser Wilhelm II. (Borussiae Bonn) und Reichskanzler Otto von Bismarck (Hannoverae Göttingen) zahlreiche Minister, Abgeordnete, Wirtschaftsführer, Gelehrte und Militärs Corpsstudenten waren und sich dazu bekannten. Das Wort «Corps» war gleichbedeutend mit «nobel» oder «feudal» und führte dementsprechend auch zu bissiger, teilweise berechtigter Kritik im «Simplicissimus» und anderen Blättern. Denn in der Tat war das damalige Corpsleben auch von Dünkelhaftigkeit und Auswüchsen gekennzeichnet, die mehrfach die Alten Herren zum mässigendem Eingreifen veranlassten. (12) Längst stellen aber die Corps keine Macht mehr da; sie sind wie alle anderen Studentenverbindungen eine Minderheit. Geblieben ist den Corps jedoch wegen des (meistens) noch immer beachteten Stils und Comments im weitesten Sinn des Wortes ein gewisser Nimbus als «Inbegriff des Corporationsstudentischen», auch in der Schweiz. (13)

 Wie die meisten anderen Korporationen haben auch die Corps Nachwuchssorgen. Sie verfügten allerdings nie über besonders grosse Bestände. Im Jahre 1898 gehörten von 31?655 männlichen Studenten deren 2752 oder 8,7% als Füchse oder Corpsburschen (1402) bzw. inaktive Corpsburschen (1350) einem der 86 Kösener Corps an. 1914 gab es in den 97 Corps des KSCV 1098 Aktive und 1816 Inaktive, was bei 58?735 Studenten noch knapp 5% entsprach. (14) Die Abwärtsbewegung bei den Mitgliederzahlen hat sich fortgesetzt; von Bestandeskrise zu sprechen, ist nicht übertrieben. In Deutschland studierten im WS 1996/97 rund 1,05 Millionen Männer. (15) Im Sommer 1996 zählte man in den 102 Corps des KSCV 763 Aktive (576 Burschen, 187 Füchse), und in den 62 WSC-Corps waren es 560 Aktive (419 Burschen, 141 Füchse), d.h. total 1323 oder nur 0,125% der männlichen Studentenschaft. (16) Im Durchschnitt hat daher ein Corps derzeit nur 5-6 Corpsburschen und 2 Füchse. Das ist zu wenig, um auf Dauer einen richtigen Corpsbetrieb aufrechterhalten zu können. Viele Corps mussten inaktive Corpsburschen reaktivieren, was bei den heutigen Studienanforderungen nicht ad infinitum möglich ist.

Patentrezepte, wie aus der Bestandeskrise herauszukommen sei, gibt es nicht. Die Zeitschrift «Der Corpsstudent» ist voll von Aufsätzen, Festreden und Berichten über Tagungen zum Thema «Nachwuchs». Die zum Teil brillanten Analysen und die Ergebnisse von Seminarien des KSCV und WSC in die Tat umzusetzen, erweist sich aber als schwierig. Bis jetzt sind Corps und andere Verbindungen mit hohen Anforderungen gut gefahren, wenn sie nicht dem sog. Zeitgeist folgend ihre Prinzipien verwässerten und populäre Konzessionen machten. Ich kenne keine Verbindung, welche durch radikalen Programmabbau oder das Überbordwerfen der das Farbenstudententum prägenden Bräuche das Nachwuchsproblem hätte wirklich lösen können. Wenn überhaupt als Folge solcher Massnahmen mehr Leute eintraten, dann waren es oft die Falschen, nämlich solche, die den schädlichen unverbindlichen «Club-Betrieb» schätzen. Traditionspflege allein genügt allerdings nicht, um aus der Krise herauszukommen. Wir müssen vielmehr ohne Überheblichkeit das dem Verbindungswesen innewohnende «Elitäre» (hohe Forderungen bezüglich Charakter, Auftreten, Einsatzbereitschaft und Studienerfolg der Mitglieder) und «Esoterische», wörtlich das nur dem Eingeweihten Bekannte (Rituale, Bräuche) den heutigen Lebensumständen angepasst an den Mann bringen und durch überzeugende Öffentlichkeitsarbeit Vorurteile abbauen. Aktive und Alte Herren sind dabei gleichermassen gefordert.

Anmerkungen (im Text in Klammern)

1 Erich Bauer, Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, 5. Auflage, Bochum 1991, S. 7 f.

2 Max Richter, Auf die Mensur!, Geschichte der schlagenden Korporationen der Schweiz, 3. Auflage, Zürich 1978, S. 81 f. und 190 Fn 96, nennt folgende Zahlen: Für die KSCV Corps in der Schweiz, Deutschland und Österreich sowie die 13 Helveten in Deutschland: ca. 780 Schweizer; in WSC Corps: 127; in Burschen-schaften der DB 30, in Landsmannschaften 12 und in deutschen Turnerschaften 11. Siehe auch Herbert Lüthy, Schweizer in Kösener Corps, Kösener Corps in der Schweiz, in: Documenta et Commentarii Nr. 2, S. 10 ff. mit Namenslisten. Besonders zahlreich waren die Schweizer in den KSCV Corps Franconia München (27) und Nassovia Würzburg (31). Zu den Stiftern des WSC Corps Cisaria München gehörten 1851 die Gebrüder Melchior und   Alphons Pfyffer von Altishofen (letzterer 1883-1890 Generalstabschef der Schweizer Armee). Anhand des Anschriftenverzeichnisses des KSCV und WSC beträgt die Zahl der lebenden Corpsstudenten schweizerischer Herkunft nur noch 5 (2 AH des Corps Obotritia Darmstadt, je 1 AH der Corps Hannovera Göttingen, Hubertia Freiburg und Cisaria München).

3 Vgl. «Der Corpsstudent», Nr. 4/94, S. 249 und 1/97, S. 20 f.: Die Deutsche Burschenschaft (DB) wird seit Jahren von einem tiefen Riss durchzogen. 10 Burschenschaften sind ausgetreten und haben 1995 die liberale «Neue Deutsche Burschenschaft» gegründet. Zudem hat sich 1996 innerhalb der DB als liberale Gruppierung der «Hambacher Kreis» gebildet, der aus 18 Korporationen besteht.

4 Fuchsmajor hiess ursprünglich derjenige Fuchs, der als Erster seines Jahrgangs gefochten hatte. Die Funktion des FM im heutigen Sinne entstand erst um 1860.

5 Siehe die Übersicht bei Richter, a.a.O., S. 109-120

6 Paul Ehinger, Abriss der Geschichte und der Struktur der couleurtragenden Corporationen in der Schweiz, in: Der Corpsstudent, Nr. 2/94, S. 105

7 Peter Platzer, Der Aarburger Seniorenconvent, in: Documenta et Commen-tarii, Nr. 15, S. 14

8 Platzer, a.a.O., S. 14

9 vgl. Richter, a.a.O., S. 121-124; Handbuch des Kösener Corpsstudenten, 6. Auflage 1985, Band I, S. 106 ff.

10 «Seppl» heisst das 1848 eröffnete Traditionslokal der Heidelberger Corps nach dem ersten Wirt, Joseph alias Seppl Ditteney, dessen Vater das nicht minder legendäre Fest- und Mensurlokal «Hirschgasse» (heute leider ein Nobelhotel) auf der rechten Seite des Neckars besass.

11 Zu diesem Zwecke gab der Erste Vorsitzende des Verbandes Alter Corpsstudenten (VAC), Justizrat Werner Ranz, am 8. April 1953 im Namen aller waffenstudentischen Verbände gegenüber Bundespräsident Theodor Heuss folgende Erklärung ab: «Die Korporationsverbände haben in ihren Satzungen die unbedingte Satisfaktion mit der Waffe nicht. Sie sehen vielmehr die unbedingte Satisfaktion darin, dass jeder Korporationsangehörige, der für sein Tun und Unterlassen verantwortlich gemacht wird, sich einem Schiedsgericht unterwerfen muss und bei unehrenhaftem Verhalten mit Bestrafung und Ausschluss zu rechnen hat.» In der Schweiz dagegen hält der Schweizerische Waffenring als Dachverband aller schlagender Verbindungen am Grundsatz der unbedingten Satisfaktion mit der Waffe fest.

11a vgl. Richter, a.a.O., S. 131, Abbildung 10, und S. 165 f. Fn 29

12 Manfred Studier, Der Corpsstudent als Idealbild der Wilheminischen Ära, Dissertation, Erlangen 1965, Neuauflage im SH-Verlag, Schernfeld 1990, S. 47 ff. mit detaillierten Schilderungen des Corpslebens im Kaiserreich. 

13 Platzer, a.a.O., S. 14

14 Studier, a.a.O., S. 47

15 Studentenkurier, Zeitschrift für Studentengeschichte, Hochschule und Korporationen, Nr. 1/97, S. 18

16 SC-Meldungen des KSCV und WSC für das SS 1996 (Beilage zur Zeitschrift «Der Corpsstudent», Nr. 1/97)