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Über den Farbencomment

Über den Farbencomment

Von Peter Hauser v/o Star

Am 30.9.2005 haben die Aktiven unter der Leitung des früheren AH-Präsidenten lic. iur. Andreas Oehler v/o Paris alle "Vito-Gesetze", darunter auch den Farbencomment, vollständig revidiert. Den Hintergründen und der Entwicklung dieses für das Selbstverständnis, aber auch die Wahrnehmung der Vitodurania von aussen wichtigen Regelwerkes sei deshalb dieser studentenhistorische Aufsatz gewidmet. Er basiert auf dem vom Verfasser beim AH-Nachtschoppen 2005 gehaltenen Referat.

Der Farbencomment, auch Couleurcomment oder Farbenordnung genannt, umfasst die meist althergebrachten Regeln, die beim Tragen der studentischen Farben zu beachten sind.[1] In der Frühzeit des Verbindungswesens gab und brauchte es noch keine solchen Regelwerke. Burschikoses Auftreten war vor allem in kleinen Universitätsstädten gleichbedeutend mit auffallender, unbürgerlicher, eben burschikoser Kleidung. So war es im bayerischen Landshut bis zur Übersiedlung der Universität in die Residenzstadt München anno 1826 Sitte, dass der Student als Ausdruck des freien Burschenlebens mit Vorliebe das Semesterhemd trug, welches erst am Schluss des Semesters gewaschen wurde. Alles Vornehme, Elegante und Gecken- oder Stutzerhafte war verpönt.[2] Randale und schweinemässiges Betragen waren an der Tagesordnung. Mit der Verlegung der alma mater ins gediegenere München verfeinerten sich jedoch auch die Sitten bei den heute noch bestehenden alten Landshuter Corps Suevia, Palatia, Bavaria und Isaria. Allerdings war das verbindungsstudentische Leben und Treiben in München nie ganz so feudal wie etwa in Heidelberg und Bonn, was auch eine 1906 in der satirischen Zeitschrift "Simplicissimus" erschienene Karikatur von Bruno Paul mit folgendem Kommentar zeigt: "Na, sei man froh, dass du nich in München aktiv geworden bist. Es soll dort Korps geben, die billiger sind als Burschenschaften." Und Hans von Hopfen, der von 1853 bis 1858 beim Corps Franconia München aktiv war, schreibt in seiner Novelle "Der letzte Hieb" von den gegenüber Heidelberg "derberen bayerischen Gepflogenheiten".

Aber auch an der Isar wurde später wie bei fast allen deutschen Verbindungen nach der Reichgründung im Jahre 1871, vor allem aber in der Ära von Kaiser Wilhelm II. (1888-1918) grösster Wert auf das Äussere gelegt. Auch in dieser Beziehung waren die sich damals mehrheitlich aus gehobenen Schichten rekrutierenden Corps führend. Man verkehrte nur in feinen Kreisen. Kleidung und Frisur spielten eine herausragende Rolle. Nach der ersten Fechtstunde am frühen Morgen ging man zum Friseur oder es kam der Friseur ins Corpshaus. Auch nach der zweiten Paukstunde gegen 11 Uhr oder am Nachmittag ordnete der "Haarkünstler das vom Fechten derangierte Lockenhaupt".[3] Nur er war in der Lage, den unerlässlichen, durchgezogenen Scheitel, der damals allgemein und durchaus salonfähig "Poposcheitel" hiess, kunstgerecht mit Pomade und anderen Essenzen festzukleben.[4] Wenn ein Student die Aufnahme ins Corps wünschte, hiess es häufig erst einmal: "Man führe den Mann zu einem Friseur und dann zu einem Schneider, dann werden wir sehen, ob durch Erziehung etwas aus ihm zu machen ist!" Bei der Kleidung war nur das Neueste und Modischste gut genug. So galt es als unfein, statt mit neuartigen, fest angenähten Hemdmanschetten mit altmodischen "Röllchen" herumzulaufen. In Freiburg i. Br. sollen sich Corpsstudenten geweigert haben, mit anderen Kommilitonen, die noch Röllchen trugen, gemeinsam die Vorlesungen zu besuchen. Auf die Strasse ging man selbstverständlich in einem vom besten Schneider gefertigten Anzug; Stehkragen, Spazierstock und Handschuhe gehörten dazu. Und wer in seiner Augengegend glücklich genug gebaut war, um ein Monokel einschnippen lassen zu können, nützte diese Naturgabe aus und trug wie viele preussische Gardeoffiziere ein Einglas. Spätestens in der Fuchsenstunde lernte der junge Aktive, was er wann anzuziehen hatte. Vorbei die Zeiten der verbeulten und beschmutzten Mützen als Zeugen des wilden Kommersierens und ausgelassener Spritzfahrten aufs Bierdorf. Blitzsauber und herausgeputzt musste alles sein. In einem Monat mehrere neue Mützen anzuschaffen, war gegen Ende des 19. Jahhunderts keine Seltenheit.[5] Die Chargierten und der Corpsburschenconvent (CC) wachten mit unbeugsamer Strenge über das Auftreten der Corpsmitglieder und überhaupt über die Manieren. Wer zu wenig Wert auf sein Äusseres legte, wurde "beigefahren" oder "beigeritten", d.h. mit einer Geldbusse bestraft.[6] Diese Zeiten sind längst vorbei, was nicht heisst, dass man in vielen Corps nach dem Erziehungs- und Gesellschaftsprinzip nicht immer noch auf tadelloses Benehmen und Auftreten mit und ohne Farben Wert legen würde. Beim gemeinsamen Mittag- oder Abendessen "auf" dem Corpshaus wird auch auf gute Tischsitten geachtet. Das ist in der Regel auch nötig, denn nur den wenigsten jungen Menschen werden gewisse Unsitten schon im Elternhaus ausgetrieben. Allzu oft haben sie es ja dort "gelernt". An Untugenden sind etwa zu nennen Ellbogen und/oder der ganze freie Unterarm auf dem Tisch, falsche Besteckhaltung, Fuchteln mit dem Besteck, falsches Ablegen der Gabel und des Messers (Klinge auf dem Tellerrand, Griff auf dem Tisch), das Sichstrecken, Gähnen mit offenem Mund und dergleichen.

Was man in Farben alles zu tun hatte bzw. nicht tun durfte, das stand im Farbencomment. Dieser ist ein Kind des späteren 19. Jahrhunderts und er hat sich bis heute, wenn auch mit starken Abschwächungen, bei zahlreichen Korporationen gehalten. "Schneidiges", d.h. forschelegantes Auftreten in allen Lagen war bis zum 2. Weltkrieg auch in vielen schweizerischen Studentenverbindungen mehr oder weniger üblich, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt wie in Deutschland zu Kaiser Wilhelms Zeiten. Auch in Vitodurania herrschten früher ziemlich strenge Bräuche. Repräsentation wurde gross geschrieben. So durften Kleingewachsene, die äusserlich nicht imponieren konnten, nicht in Farben ausgehen. Dies ergibt sich aus einem am 23.8.1893 gefassten Beschluss, "es solle in Zukunft geringe Körpergrösse keinen Grund mehr bilden, einem Mitglied das Tragen der Farben zu verbieten." Vorher war es Kleingewachsenen verwehrt gewesen, sich auf der Strasse in Farben zu zeigen. Der Autor wäre wohl damals mit seinen knapp 170 Centimetern Körperlänge von der Übernahme einer Charge ausgeschlossen gewesen und hätte später sicher nicht AH-Präsident, geschweige denn Ehrenpräsident der Alt-Vitodurania werden können...

Zur Entstehung der studentischen Farben oder Couleur sei hier lediglich gesagt, dass das farbige Brustband um etwa 1800 wahrscheinlich aus der dreifarbigen Schärpe, wie sie bei der Mensur um den Unterleib getragen wurde, hervorgegangen ist und sich ab 1820 von den bayerischen Universitäten Erlangen, Würzburg und Landshut aus verbreitet hat. In der Schweiz finden wir Couleurbänder erstmals 1830 bei der Zofingia Basel und 1835 bei der Helvetia Bern. Auch die Mütze hat ihren Ursprung in der gleichen Zeit, wobei die Form vor 1850 nicht so einheitlich war wie heute.

Anhand unseres revidierten Farbencomments sollen nachfolgend die wichtigsten Regeln des Farbentragens kurz erläutert werden. Wie aus dem zitierten Beschluss von 1893 hervorgeht, kannte die Vitodurania schon im 19. Jahrhundert Vorschriften über das Benehmen und Auftreten in Farben. Der erste schriftliche Farbencomment der Vito wurde jedoch erst 1919 aufgestellt und 1923 gedruckt. Er basierte auf Vorlagen befreundeter Mittelschulverbindungen[7] und von Hochschulkorporationen, denen früher zahlreiche Vitoduraner angehörten, und hielt das fest, was bisher mündlich überliefert worden war. Der Farbencomment vom 4.12.1919 ist mehrmals revidiert worden, letztmals partiell 1981 und 1995 sowie - wie eingans erwähnt - gesamthaft 2005. Fast unverändert blieb stets der § 1 welche lautet: "Die Vitodurania stellt zur Regelung des Benehmens in Farben einen eigenen Farbencomment auf, nach dem sich alle Mitglieder zu richten haben. Auf dem Lande sind kleinere Ausnahmen gestattet."

Der Allgemeine Teil des Farbencomments (§§ 2-9) beschreibt unsere Farben: Das blau-weiss-blaue Burschenband mit silberner Perkussion (seit 19.5.1864), das blau-weisse Fuchsenband (erst seit 11.11.1909) und die blaue Mütze (seit 3.5.1866, vorher weiss). § 3 betont, das Farbenband werde nie ohne Mütze getragen. Die so genannte "Halbcouleur"[8], bei welcher man sich nur das Band umhängt und die Kopfbedeckung zu Hause lässt, ist zwar häufig zu sehen, aber nicht korrekt. Das gleiche gilt für die "Mode", die Jubiläumskrawatte von 2002, welche einen diagonalen, blau-weiss-blauen Bandstreifen aufweist, als Bandersatz zu betrachten. Das ist Unfug, auch wenn das Blau des Farbenbandes und das Blau in der Krawatte (leider) nicht zusammenpassen. Zum Beitritt entschlossenen Spefüchsen ist es am Stamm und an offiziellen Anlässen gestattet, sich schon vor der Aufnahme mit der Mütze zu schmücken, nicht aber mit dem Band (§ 3). "Ständige Gäste" der Alt-Vitodurania tragen bei uns keine Farben, bei den Zürcher Singstudenten dagegen das Band.[9] Der silberne FM-Streifen an der Mütze entspricht dem breiten Galon ("Nudle") an der Ausgangs- und Feldmütze eines Majors gemäss Schweizer Armee-Ordonnanz von 1861 bis 1994 bzw. heute noch auf den Achselschlaufen des Waffenrocks. Die andernorts schon um 1890 feststellbaren gekreuzten Bänder beim FM finden wir in der Vito erst ab 1922; im Farbencomment erwähnt wird der Brauch sogar erst seit der Revision von 1962. Der Hintergrund dieser Sitte ist unklar. Angeblich sollte sie den FM in die Lage versetzen, bei einer überraschenden Aufnahme eines Fuchsen diesem sogleich ein Band übergeben zu können.[10] Wahrscheinlicher ist aber, dass die gekreuzten Bänder einfach ein weiteres Attribut sind, um den FM von den anderen Burschen unterscheiden zu können oder seine besondere Verbundenheit mit den Füchsen zu dokumentieren. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass in gewissen Verbindungen, z.B. in der Scaphusia, der Präsident oder Senior zwei Burschenbänder übers Kreuz trägt.

Das Farbenband wird immer über die rechte Schulter getragen (§ 3). Damit ist auch die weltbewegende, zuweilen umstrittene Frage, ob man zum Gesellschaftsanzug (Smoking, Frack) das Band diagonal oder waagrecht trage, für uns beantwortet. Waagrecht getragene Bänder zum Smoking (Weinzipfelband, ca. 14 mm breit) und zum Frack (Sektzipfelband, ca. 8 mm breit) sieht man vor allem in Österreich sehr häufig.[11] Und auch in München trug man früher zum Frack waagrecht über die Brust ein Weinzipfelband.[12] Der Farbencomment der Zürcher Singstudenten von 1985 besagt im § 12 Abs. 2, zu einer Fliege oder Schleife (schwarz zum Smoking, weiss zum Frack, im zivilen Dresscode als black tie bzw. white tie bezeichnet) sei das Couleurband waagrecht zu tragen. Wie dem auch sei: Sehr wichtig ist die Frage nicht mehr, denn man fühlt sich manchmal schon overdresst, wenn man nicht in Jeans und Birkenstock-Sandalen zu einem Ball erscheint. Anzumerken bleibt noch, dass das Band stets über der Weste, dem militärischen Waffenrock, dem Priesterrock und dem Bergkittel[13] getragen wird.[14]

Offizielle Kopfbedeckung in der Vito ist, abgesehen vom Cerevis und FM-Stürmer, die Mütze. Das etwa 1830 entstandene, bequeme Tönnchen, auch Sumpfhut[15] genannt, ist bereits auf der ältesten bekannten Gruppen-Photographie von 1866 zu sehen und deshalb Tradition. Es wird jedoch im § 2 des Farbencomments erst seit der Revision von 2005 erwähnt. Das Tönnchen ziert in der Regel ein aufgestickter Zirkel. Es wird so auf den Hinterkopf gesetzt, dass der Zirkel von hinten gelesen werden kann.[16] Unbekannt ist in der Vitodurania das in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg aufgekommene halbsteife "Prunktönnchen" oder "Strassencerevis", das seitlich und oben mit einer Stickerei aus Weinlaub (Corps) oder Eichenlaub (Burschenschaften) verziert ist. Das Tragen von Tönnchen ist bei uns Alten Herren vorbehalten, in Hochschulverbindungen auch den Inaktiven. Man sollte aber beachten, dass es in der Vito zwar Usus, aber streng genommen nicht korrekt ist, mit dem Tönnchen zu hochoffiziellen und feierlichen Anlässen (Stiftungskommers und dgl.) zu erscheinen.[17] Denn das Tönnchen ist, um einen militärischen Vergleich anzustellen, eine Art "Feldmütze", die zu tragen für Offiziere und Höhere Unteroffiziere in der alten Schweizer Armee bis 1994 bei offiziellen dienstlichen Anlässen oder im Ausgang untersagt war.[18]

Die Kartellbänder, die man von Kartellbrüdern dediziert bekommt, werden gemäss § 4 nur an Anlässen getragen, an welchen Vertreter der betreffenden Verbindungen anwesend sind, also z.B. bei Kartelltreffen oder bei einem Besuch eines Anlasses einer Kartellverbindung (Jubiläum etc.). Im Weiteren ist es Sitte, bei Kartelltagen mit einem Kartellfreund das Band zu tauschen und es während einer bestimmten Zeit anstelle des eigenen zu tragen. Bis 1909 hatten unsere Füchse Burschenbänder und konnten mit den Füchsen der Scaphusia, wo das Fuchsenband schon 1902 eingeführt worden war, keine Bänder tauschen. Das war der Grund, warum am 11.11.1909 auf Wunsch der Vitofüchse die Beschaffung blau-weisser Fuchsenbänder beschlossen wurde. In der Thurgovia kennt man das Fuchsenband sogar erst seit 1921.

Bis zur Revision von 1962 enthielt der Farbencomment im § 4 Bestimmungen über das Tragen der Farben der 1890 de facto und 1912 auch de jure eingegangenen Industria, der Verbindung an der Industrieschule (Vorläuferin des mathematischnaturwissenschaftlichen Gymnasiums). Beim Stiftungskommers hatten drei Vitoduraner die grün-weiss-roten Industriabänder mit Goldperkussion zu tragen, und der Cantusmagister führte die Fahne der Industria mit. Die Alten Herren der Industria gelten seit 1891 als Alte Herren der Vitodurania, was heute noch als Kuriosum in unseren Statuten steht (§ 41), obwohl keiner mehr lebt. 1912 hatten die Industrianer endgültig auf das Wiederaufleben ihrer Verbindung verzichtet und deren Insignien (Fahne, Schläger, Hörner) und Akten der Vitodurania zu treuen Handen übergeben. Bei der kürzlichen Revision liess man die "Industria-Bestimmungen" in den Statuten, da an alte Zeiten erinnernd, bewusst stehen.

Im Vito-Farbencomment § 2 ist jetzt auch der erstmals 1802 in Landshut bezeugte Bierzipfel erwähnt. Er wurde ursprünglich mit einer weiten Öse an den Bierkrug gehängt, um ihn beim Auffüllen vor Verwechslungen zu bewahren. Mitgeführt wurde er als Anhänger der Taschenuhr. Im Weiteren gibt es Wein- und Sektzipfel, die aber nie einen Gebrauchswert hatten. In der Vito ist der Bierzipfel seit 1870 üblich. Er wird mit oder ohne Zipfelhalter rechts am Hosenbund bzw. beim Vollwichs am obersten linken Knebelverschluss befestigt. Der Fuchs bekommt den Bierzipfel vom Leibburschen. Füchse haben ein Fuchsen- und nicht ein Burschenband im Zipfel zu tragen. Das blau-weiss-blaue Band ist in jeder Form den Burschen vorbehalten. Die Tatsache, dass man das seit einiger Zeit aus Unwissenheit nicht mehr beachtet hat, ist keine Rechtfertigung. Unsitte ist nicht mit Tradition gleichzusetzen.

Die §§ 5-8 des Farbencomments sind dem etwa 1830 aus den Uniformen der alten Landsmannschaften (später Corps genannt) entstandenen Wichs (von "wichsen" = blank machen, putzen) gewidmet. Die Vitodurania kennt den Vollwichs erst seit 1910. Er wurde damals in Jena bei der Firma Emil Lüdke, der berühmtesten "Studenten-Utensilien u. Couleurband-Fabrik", beschafft, um beim Fackelzug der Schule für Prof. Krebs am 7.4.1910 würdig und vor allem im Gegensatz zur Humanitas und den studentisch "Wilden" oder "Finken" genannten nichtkorporierten Schülern "scheissfein" auftreten zu können. Dazu passte auch, dass die Fackelzüge der Vito bei grossen Jubiläen und anderen Feierlichkeiten nach dem Beispiel der Zürcher Hochschulverbindungen von den Chargierten zu Pferd angeführt wurden, und zwar letztmals am 28. September 1949 beim Maturfeier-Fackelzug der Schule. Der Wichs (in Österreich die Wichs) ist heutzutage eine besonders auffallende, von Kritikern als "operettenhaft" belächelte Montur. Gerade deshalb sind alle mit dem Tragen des Wichses verbundenen Regeln ganz besonders streng zu beachten. Die ganze Wichsausrüstung muss stets tadellos gepflegt und vollständig sein. Zu den schwarzen Lederschäften ("Pappenheimer" oder "Kanonen" genannt), die bei uns statt Reitstiefeln üblich sind, sind nur schwarze Halbschuhe ohne andersfarbene Verzierungen und niemals braune Halbschuhe oder gar Turnschuhe zu tragen. Mit braunen Schuhen würde man, weil der Wichs meistens am Abend angezogen wird, auch gegen den an offiziellen oder feierlichen bürgerlichen Anlässen geltenden guten alten englischen Schuhcomment "no browns after six" verstossen. Zu beachten ist ferner, dass man sich im Wichs stets von zwei Mann abholen lässt, also nie allein auftritt (§ 7), was dem Schutz des Wichstragenden vor Anrempeleien dient. Und selbstredend wird im Wichs nicht Motorrad, Mofa, Velo, Trottinett oder Rollerblade gefahren, denn das ziemt sich in Farben überhaupt nicht.

Über das Tragen des Wichses entscheidet der Vorstand (§ 8). Früher stürzte man sich vor allem beim Besenbummel, Stiftungskommers, Grosskartell und beim Chargieren an Hochzeiten und Trauerfeiern in den Vollwichs. Seit 1999 lässt man ihn beim Besenbummel weg. Zu Recht, denn im Hochsommer im Wichs zu bummeln, ist Unsinn, vor allem weil die Hitze zu unschönen Tenueerleichterungen wie offenes Hemd, Fliege "auf Durst", Flaus über dem Arm und dergleichen Schrecklichkeiten verleitet. Der Vollwichs sollte nur bei ganz speziellen hochoffiziellen Feiern getragen werden (z.B. Stiftungskommers, Burschenschlag, Chargieren bei Begräbnissen und Hochzeiten). Bei der Fuchsentaufe ist er m.E. fraglich und beim Weihnachtskommers, der bei uns kein Kommers, sondern eine gemütliche Kneipe mit Gästen ist, nicht angemessen. Hier genügt dunkler Anzug, dunkelblauer Blazer oder der sehr gepflegt wirkende und bequeme Halbwichs. Dieser wird seit der Revision des § 6 von 2005 dem Beispiel der Zürcher Singstudenten folgend[19] etwas anders als früher umschrieben: Er besteht jetzt aus Mütze, geschlossenem Flaus, Band über dem Flaus, weissem Hemd, dezenter Krawatte oder Vitokrawatte, schwarzen[20] Hosen und schwarzen Halbschuhen.

Gemäss § 9 ist das Tragen von Farben am 1. Mai und an der Fasnacht verboten. Diese Bestimmung findet sich bereits im ersten gedruckten Farbencomment von 1919. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit mit einem Umzug der rote Maibändel tragenden Sozialdemokraten und Gewerkschafter wollte man durch den Verzicht auf das Farbentragen Reibereien oder unliebsame Auftritte zwischen den Umherziehenden und den damals meistens aus sehr bürgerlichen Kreisen stammenden Vitoduranern vermeiden. An der Fasnacht liess man die Farben zu Hause, um zu zeigen, dass die Farben nichts mit einem "Böögge-Gwändli" oder sonstigem Firlefanz zu tun haben. Der Farbencomment soll ja auch "das Ansehen der Farben bewahren und sie vor jeder Profanierung schützen".[21] Zwar war es in der Vitodurania vor dem 2. Weltkrieg der Brauch, kostümiert an die Fasnacht zu gehen[22] und verbindungsinterne Fasnachtskneipen und -tanzeten abzuhalten. Doch in Farben am öffentlichen närrischen Treiben teilzunehmen, wäre unpassend und in gewissen Lokalen auch nicht immer unproblematisch gewesen. Man wollte nicht für einen "Böögg" gehalten werden oder in die peinliche Lage kommen, der Mütze, die einem ein Maskierter entwendet hatte, nachrennen zu müssen.[23] Das Verbot des Farbentragens am 1. Mai und an der Fasnacht hat immer noch eine gewisse Berechtigung, zumal die Toleranz gegenüber Farbentragenden allgemein eher geringer ist als früher. Und das, obwohl in Schul- und Betriebsleitbildern unablässig gegenseitige Toleranz und Rücksichtnahme gepredigt werden.

Zu Beginn des Abschnitts über das Verhalten in Couleur (§§ 10-20) heisst es, dem Präsidenten bzw. dem FM stehe über das äussere Erscheinen der Mitglieder sowie über ihr Auftreten das Aufsichtsrecht zu (§ 10). Meines Erachtens handelt es sich nicht nur um ein Recht, sondern um eine Pflicht des Präsidenten bzw. Fuchsmajors. Das setzt jedoch voraus, dass sie den Farbencomment beherrschen, mit dem guten Beispiel vorangehen und zudem den Willen haben, als Vorgesetzte aufzutreten und nötigenfalls korrigierend einzugeifen. Letzteres ist im Zuge falsch verstandener Demokratisierung und wegen der schleichenden Verwischung der verbindungsinternen Hierarchien leider nicht immer oder zuwenig der Fall. Bei dieser Gelegenheit sei auch daran erinnert, dass Füchse gemäss ungeschriebener studentischer Gepflogenheit Veranstaltungen anderer Verbindungen nur in Begleitung eines Burschen oder Alten Herren besuchen dürfen.

Ein wichtiger Begriff des Farbencomments ist der im § 11 erwähnte "Commentgegenstand". Dessen Wurzeln müssen wir im Auftreten des gepflegten Herrn in der Zeit von etwa 1880 bis in die frühen 1950er Jahre suchen. Ein Herr ging damals nur mit Hut und mit Handschuhen aus, wobei er in der warmen Jahreszeit die Handschuhe in der Hand trug. Wichtig war ferner der Stock. Hut, Stock und Handschuhe waren in gehobenen Kreisen unabdingbar, wenn man auf die Strasse ging. Folgerichtig lesen wir im § 11 des Farbencomments der Vitodurania von 1919: "Wer in Farben ausgehen will, soll mit einem Spazierstock bzw. Buch bzw. Mantel bzw. Handschuhen versehen sein. Handschuhe allein müssen in der Hand getragen werden." Schon 20 Jahre vorher, in der Sitzung vom 23.5.1899, war im Protokoll festgehalten worden, es sei "wirklich geboten, nie in Couleurs zu erscheinen ohne mit einem Stock, Buch und dergleichen in der Hand".

Der Stock gehörte früher zur kompletten Herrengarderobe.[24] Der Mensch hatte sich während Jahrhunderten auf den Stock gestützt und ihn benutzt, um das Gleichgewicht zu halten, um seinem Schritt mehr Raum zu geben, um mit ihm an eine Türe zu klopfen, auf etwas (oder jemanden) einzuschlagen oder lediglich damit herumzufuchteln, zum Beispiel als Waffenstudent bei nächtlichen Fechtübungen gegen Laternenpfähle. In der Studentensprache heisst der Stock Bakel (von lat. baculum). Man benützt ihn heute nur noch beim Bummel über Land, bei uns vor allem beim 1992 erstmals durchgeführten "Bakel-Waggel". Die Idee zu diesem Anlass stammt vom vitoduranischen Maturjahrgang 1951, dessen Mitglieder jedem Aktiven beim Stiftungskommers 1991 einen schwarzen Bakel mit Silberknauf schenkten. Der erste Bakel-Waggel führte die Corona zu AH Andrea R. von Planta v/o Bonz nach Cham in dessen Landgut "Hammer".

Mantel und Buch als Commentgegenstand sind Konzessionen an den biederen Winterthurer Schulalltag. In Farben mit einem Buch in der Hand auf die Strasse zu gehen, wäre bei Borussia Bonn, dem feudalsten der feudalen Corps, unmöglich gewesen, was folgende Karikatur von E. Thöny in der Zeitschrift "Simplicissiumus" aus dem Jahre 1907 belegt:[25] Zwei Bonner Preussen tragen sich mit dem für damalige Corpsstudenten absurden Gedanken, das Universitätsgebäude wenigstens einmal zu betreten, und es entsteht folgender Dialog: A: "Eigentlich sollte man sich doch mal so 'n Kolleg ansehn." ? B: "Dann nimm dir aber den Corpsdiener mit. Du kannst doch nich mit 'm Buch unterm Arm über die Strasse gehn." Der Handschuh war früher Symbol der Zugehörigkeit zu den höheren Ständen, welche dadurch dokumentieren wollten, dass ihre Hände nicht dazu geschaffen sind, mit dem Schmutz der Welt in Berührung zu kommen.[26] Gemäss Dienstreglement der Schweizer Armee in der bis 1967 gültigen Fassung hatte der Offizier nicht nur im Ausgang, sondern auch bei der Arbeit ungeachtet der Jahreszeit Handschuhe zu tragen.

Am § 11 des Farbencomments ist immer wieder herumgeflickt worden. Seit der Commentrevision von 1995 lautet er: "Wer in Farben ausgeht, darf nur commentmässige Gegenstände wie z.B. Mappe, Handschuhe oder Stock tragen. Plastiktüten sind verpönt." Die Erwähnung der Mappe erinnert noch an die glückliche Zeit, als man in der Schule jeden Tag Farben trug. Selbst von einem Vitoduraner konnte man nicht erwarten, dass er auf dem Weg zur Schule oder im Schulhaus Handschuhe oder Stock bei sich hatte. Die Mappe auf dem Gang zur Schule genügte. Weil die studentischen Farben leider seit längerer Zeit aus dem Schulalltag verschwunden sind, kann die knifflige Frage offen gelassen werden, ob der modischpopuläre Rucksack, der die Mappe ersetzt hat, als Commentgegenstand gilt oder nicht.

Ausdrücklich verboten war bis 1981 in Couleur das Tragen von Regenschirm, Pelerinen und grösseren Paketen. Das sollte heute noch beachtet werden. Den Regenschirm kann man bei schlechtem Wetter nur tolerieren, wenn man mit ihm eine Dame vor dem Nasswerden schützt[27], nicht aber beim Bummeln unter Männern über Land. Will man bei solchen Anlässen seine schöne "Galamütze" schonen, so setze man sich eine "Ex-Mütze" auf. Der Autor räumt aber gerne ein, dass diese strenge Auffassung bei der Revisionsabstimmung von 2005 keine Gnade fand. Man will das Mitführen eines Regenschirmes zu den Farben weiterhin generell erlauben, denn sonst, so hiess es, müsste man ja zu einem Anlass immer eine Dame mitnehmen, wenn es regne...



Couleurbummel im Regen, 1908


Über Pelerinen (ärmelloser Regenschutz aus Plastik) in Farben sagt unser Farbencomment seit 1981 auch nichts mehr. Sie sind aber ebenso unmöglich wie das Tragen eines grösseren Paketes oder gar das Schleppen eines Koffers.[28] Was aber ist ein "grösseres" Paket? Darunter verstand man gemäss Strassencomment der Paedagogia Basel von 1912 ein Paket grösser als Zigarrenkistenformat.[29] Das ist auch heute noch ein brauchbarer Richtwert. Grössere Pakete zu tragen wurde früher wie das Stossen eines Kinderwagens oder gar das Tragen eines "Snugglys" für einen Herrn allgemein als unpassend empfunden. In der Zofingia gab es allerdings schon um 1910 Kreise (die so genannten "Idealzofinger"), welche das Pakettragverbot als "Diskreditierung der Arbeit" kritisierten. Wegen epidemiehaften Überhandnehmens des Plastiksackes als Traggerät war es unumgänglich, bei der Commentrevision von 1995 im § 11 das Mitführen von Plastiktüten in Farben zu verbieten. Daran wurde nicht gerüttelt. Das Verbot sollte auch beachtet werden, wenn man seine Farben, statt sie stolz zu zeigen, in einer Plastiktasche verschämt ins Kommershaus schmuggelt. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Couleurartikelhändler bis zum 2. Weltkrieg für den, der nicht in Farben zur Kneipe stolzieren wollte, gediegene Mützenköfferchen aus Leder im Angebot führten.

Der § 12 Abs. 1 unseres Farbencomments besagt, an offiziellen Anlässen seien die Farben mit Jacket und Hemd mit geschlossenem Kragen sowie Krawatte oder Schlips (Fliege) zu tragen. Die Vorschrift stammt aus der Zeit, als ein offenes Hemd (sog. Schillerhemd) als höchst unfein, ja proletarisch galt, und zwar auch in der Freizeit. Die Zeiten haben sich geändert. Heute kommt man sich selbst bei offiziellen Veranstaltungen mit Krawatte fast deplaziert vor. Die "Cervelatprominenz" und die "Kaviarsozis" (und leider nicht nur die) im dunklen Anzug und offenen Hemd beherrschen die Szene. Man muss das in der Vitodurania nicht unbedingt nachmachen. Auch das individuelle Ablegen des Jackets ohne Erlaubnis des Präsidierenden, d.h. ohne Verkündung von allgemeiner "Tenueerleichterung", ist ziemlich stillos. Rote Krawatten sind in der Vito gewohnheitsrechtlich verpönt und werden, meist nicht zur grossen Freude des Betroffenen, gelegentlich abgeschnitten. Der Hintergrund dieses eher fragwürdigen Brauches, den man auch in einigen anderen Verbindungen kennt, ist nicht sicher geklärt.

Wie aber steht es mit dem Tenue beim Bummeln über Land? Was erlaubt die oft zitierte, erst 1923 eingeführte Formel im § 1 Abs. 2 "Auf dem Lande sind kleinere Ausnahmen gestattet"? In der Thurgovia und in der Scaphusia geht man bedenkenlos in Farben ohne Krawatte auf einen Bummel über Land. Bei uns dagegen löst das Tragen der Farben ohne Jacket und Krawatte bei vielen noch immer etwas unangenehme Gefühle aus und gilt als entbehrliche Annäherung an die punkto Tenue eher lockeren Sitten der Fachhochschul- und von gewissen Mittelschulverbindungen. Diese Abneigung gegen die "Räubercouleur" ist erfreulich. Zu einem kurzen, nur etwa eine Stunde oder wenig länger dauernden Bummel auf die Mörsburg oder zur Riedmühle, durch den Lindberg, den Eschenberg, zum Bruderhaus oder zum Chlösterli Iberg usw. erscheint der Vitoduraner mit Krawatte und Jacket, und zum Besenbummel passt ein Sommeranzug. Dadurch, dass wir zu den Farben stets geschlossenes Hemd, Krawatte und Jacket, also formelle Kleidung tragen, bringen wir unsere besondere Wertschätzung den Farben gegenüber zum Ausdruck. Das Band ist ein Schmuckstück. Ausnahmen von dieser strengen Betrachtungsweise sind aber nicht völlig undenkbar. Die Kleiderordnung könnte, um es modern zu sagen, "situativ" oder "casual" gehandhabt werden. Das Tragen von Band und/oder Mütze ohne Krawatte etwa zur Bergsteigermontur, beim Wandern, Segeln (nicht aber Radfahren, Reiten), Fuss-, Handball- oder dem sicher bald unvermeidlichen Golfturnier der Vito, ferner beim nächtlichen Ernüchterungsbad einer ausgelassenen Corona ist wohl nicht zu beanstanden, sicher aber die Farben mit offenem Hemd bei Stamm, Kneipe, Kommers und Tanzanlass.[30] Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, vorübergehend Tenueerleichterungen zu erlauben, also zum Beispiel ohne Krawatte bummeln und am Ziel wieder in korrektem Tenue mit Krawatte, im Sommer allenfalls ohne Jacket, kneipen. Wichtig ist jedoch, dass solches angeordnet oder beschlossen wird und nicht jeder tut, was ihm passt. Der Auftritt der Verbindung soll stets einheitlich sein.

In einem studentenhistorischen Aufsatz darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass es auch weniger strenge Auffassungen gibt. Bei den ziemlich feudalen und meist alten Corps des "Grünen Kreises" im Kösener Senioren-Convents-Verbandes (KSCV) in Deutschland trägt man Band und Mütze als vom Anzug unabhängiges Zeichen der Verbundenheit[31] zu fast jeder Gelegenheit, dem Anlass entsprechend. Also sehr gediegen im Frack oder Smoking bei einem Ball, légère im Hemd beim Grillen im Corpshausgarten und ländlichlocker beim sog. Schnefter, der mehrstündigen oder gar mehrtägigen Wanderung durch Feld und Wald. Dass Angehörige dieser Corps manchmal mit allzu auffallender, vor allem schäbiger Kleidung provozieren und sich auch sonst nicht immer ganz tadellos benehmen, steht auf einem anderen Blatt. Auch in Tenuefragen durchaus strenge katholische Korporationen, die zu den Farben als Regel den schwarzen Anzug verlangen, kennen für Wanderungen, Waldkneipen und andere lockere Anlässe die so genannte "Räubercouleur", bestehend aus Freizeitkleidung, Band und Bierzipfel, aber ohne Kopfbedeckung.[32]

An dieser Stelle seien einige Worte über das Farbentragen in der Schule erlaubt. An den Hoch- und Mittelschulen werden seit vielen Jahren keine Farben mehr getragen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass der Farbencomment dem alltäglichen Bekleidungsstil der Schüler (und auch der meisten Lehrer) schon lange nicht mehr entspricht. Bis gegen 1970 war das kein Problem: Die meisten Gymnasiasten, auch wenn sie nicht einer Verbindung angehörten, gingen mit Jacket und Krawatte zur Schule, und Lehrer, die im Pullover unterrichteten (!), gab es glücklicherweise noch nicht. Seit rund 30 Jahren ist jedoch das Thema "Farbentragen in der Schule" ein Dauerbrenner. Was hat man nicht alles vesucht! Die etwas umständliche Regelung im § 12 Abs. 2 in der Fassung von 1995 blieb indessen toter Buchstabe. Sie lautete: "An Tagen offizieller Anlässe sind an der Schule Farben zu tragen. Dabei ist es gestattet, zu Jacket und Farben folgende Kleidungsstücke zu tragen: Poloshirt, Rollkragenpullover, Hemd mit oder ohne Krawatte oder ein Kurzarmhemd im Sommer. Bei brütender Hitze ist es erlaubt, anstelle der Farben das Vito-T-Shirt zu tragen, eventuell kombiniert mit kurzen Hosen. Das Tragen kurzer Hosen ist nur zum Vito-T-Shirt möglich." Derart komplizierte Tenueregeln können nicht erfolgreich sein. Die Lösung des Problems ist aber zugegebenermassen schwierig. Wie können die Aktiven an der Schule Farbe zeigen und sich damit zur Vitodurania bekennen? Eine andere Frage ist allerdings: Wollen sie überhaupt in der Schule Farben tragen oder wollen sie, sei es aus Bequemlichkeit oder gar aus Angst vor Anpöbeleien durch Mitschüler, lieber anonym in der Masse mitschwimmen? Es gibt keine Patentlösung, sondern man kann nur sagen, dass es wichtig wäre, die Frage des Farbentragens an der Schule wirksam zu lösen. Denn es ist vor allem für die Nachwuchswerbung bedeutungsvoll, dass man die Vitoduraner in der Schule als Mitglieder einer farbentragenden Verbindung wahrnimmt. Die Aktiven haben bei der Revision Ende September 2005 darüber eingehend debattiert und erfreulicherweise klar gestellt, dass auch an der Schule grundsätzlich Farben getragen werden sollen. Abs. 2 von § 12 des Farbencomments heisst neu: "An Tagen offizieller Anlässe werden an der Schule die Farben mit dem entsprechenden Tenue (siehe vorne) oder das vom Präsidenten bewilligte vitoduranische Tenue getragen. Es werden lederne Halbschuhe getragen, Turnschuhe sind verpönt."

Der § 13 des Farbencomments befasst sich mit dem Verhalten auf der Strasse. Hier blieb mit Ausnahme einer Präzisierung (Vitopfiff) alles beim Alten. Gemäss dieser Bestimmung sind auf der Strasse "Essen, Pfeifen, Lärmen und Laufschritt" untersagt. Dazu gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Auf der Strasse wird ? Albanifest, Jahrmärkte und andere Volksbelustigungen ausgenommen ? mit oder ohne Farben nicht gegessen, nicht getrunken und auch nicht geraucht. Auch das Pfeifen ist zu unterlassen, mit einer wichtigen Ausnahme. Erlaubt ist auf der Strasse (und nur dort) natürlich der Couleur- oder Verbindungspfiff, bei uns der aus vier Tönen (zweimal gleich hoch, einmal tiefer, einmal hoch wie zu Beginn) bestehende so genannte "Vitopfiff". Es handelt sich um das vielerorts übliche Pfeifzeichen, mit dem sich Verbindungsmitglieder draussen, ohne ordinär laut rufen zu müssen, aufeinander aufmerksam machen können. Meistens sind es die ersten Töne eines Studentenliedes, oft des Farbencantus. Der Brauch ist bereits in den 1860er Jahren nachgewiesen. Wann er in der Vitodurania eingeführt wurde, weiss ich leider ebenso wenig wie etwas über die Herkunft der Tonfolge.

Gemäss § 14 ist das Velo- und Motorradfahren in Farben verboten. Das gilt neuerdings ausdrücklich auch für das Rollerblade- und Trottinettfahren. Und auf die heikle Frage, ob man in Couleur in der Strassenbahn oder im Bus steht oder sitzt, weiss unser Farbencomment ebenfalls Rat: In diesen Verkehrsmitteln sind ausser in Begleitung von Damen die Stehplätze einzunehmen (§15). In Zürich war bis in die späten 1960er Jahre Tramfahren in Couleur nur knapp genehm. Und wenn es sich nicht vermeiden liess, dann hatte der Farbenstudent die hintere Plattform des Triebwagens zu benutzen, weil dort weniger Gedränge herrschte. Als ein naseweiser Fuchs der Akademischen Turnerschaft Utonia den FM fragte, ob man denn bei Trams ohne hintere Plattform, den "Elefanten", gar nicht mitfahren dürfe, war die Antwort des FM: "Ein Utone mischt sich nicht ins Gedränge der Mittelöffnung, und wenn's nicht anders geht, dann lässt er seine Farben eben diskret verschwinden."[33] In der Eisenbahn dürfen selbstverständlich die Sitzplätze benützt werden. Im Wichs muss 1. Klasse gefahren werden (§ 15). Obwohl auch dort das Benehmen der Reisenden nicht immer das beste ist, hat man im Wichs weniger mit Anpöbeleien zu rechnen als im Abteil 2. Klasse.

Der § 16 befasst sich mit Fragen der Gehordnung. Das mag angesichts der gesellschaftlichen Nivellierung anachronistisch erscheinen, und die ersatzlose Streichung der Bestimmung wäre kein Drama gewesen. Sie wurde jedoch erfreulicherweise diskussionslos beibehalten. Ob sie auch allgemein befolgt wird, ist eine andere Frage. Die erste Regel lautet, dass Farbentragende rechts von Begleitern gehen, ausgenommen Damen, Militär und Respektspersonen. Die Sitte, dem im Range höher Stehenden die rechte, die Respektsseite einzuräumen, entsprach ursprünglich der Verpflichtung, ihn zu schützen. Das Schwert, den Degen oder den Säbel trug man links, konnte also die Waffe bei Bedarf ungehindert ziehen. Rechts gehen zu dürfen, galt schon bei den alten Römern als Ehre. Und auch in Grimmelshausens im 17. Jahrhundert entstandenen Werk "Simplicissimus" lesen wir: "Die Ehrerbietung ward augenblicklich zwischen beiden so gross, dass der Kommissarius abstieg und zu Fuss mit meinem Herrn gegen sein Losament fortwanderte; da wollte jeder die linke Seite haben."[34]

Nach der zweiten Gehregel ist auf Symmetrie zu achten, wenn zwei oder drei Personen nebeneinander schreiten. Farbentragende sind in die Mitte zu nehmen. Und gemäss Regel 3 richtet man sich beim Gehen mit Angehörigen anderer Verbindungen nach der Anciennität, nach dem Alter der Verbindungen und dem Rang der Chargierten sowie nach der Stellung von Bursch und Fuchs. Hochschüler gehen rechts von Gymnasiasten. Diese Bestimmungen hatten zu Zeiten, als Alter und Renommee der Korporationen sowie Rang und Stellung von Personen noch eine wichtige Rolle spielten, eine grosse Bedeutung. Ein Auszug aus dem Protokoll der ausserordentlichen Sitzung der Vito vom 8.10.1917 soll das belegen: Dort heisst es. "Lurch liest einen Brief des Präsidenten der Humanitas zwecks Abänderung des Farbencomments zu Gunsten der Humanitas vor. Ihre Forderungen, dass ihre Chargierten rechts von unseren Burschen und ihre Burschen rechts von unseren Füxen gehen sollten, wurden nach längeren Erwägungen abgewiesen." Welch ein Ansinnen der Humanitas, dieser erst 1892 gegründeten (1968 eingegangenen) Verbindung für ihre Chargierten, die nicht einmal einen Vollwichs hatten, gegenüber den stolzen Vitoburschen bzw. für die "Humeleburschen" gegenüber den strammen Vitofüchsen beim Gehen die "Respektsseite" zu beanspruchen!

Ein ganz spezielles Thema war früher der Gruss unter Couleurstudenten. Der Schriftsteller Otto Julius Bierbaum, AH des Corps Thuringia Leipzig, hat der lebenswichtigen Frage des commentgerechten Abnehmens und Wiederaufsetzens der Kopfbedeckung zum Zwecke des Grüssens im 1897 publizierten Roman "Stilpe" ein höchst amüsantes Kapitel gewidmet.[35]



Grüssende Corpsstudenten um 1900


In Winterthur regelte noch 1944 ein Abkommen unter den damals drei Gymnasialverbindungen Vitodurani (1863), Humanitas (1892) und Fraternitas (1919) das gegenseitige Grüssen. Niemals hätte bis in die 1960er Jahre ein Vitoduraner als Erster einen Humanitaner oder gar einen Fraternitaner gegrüsst. Zum Gruss durch kurzes Abnehmen der Mütze sei erwähnt, dass das mit der vom Begrüssten abgewandten Hand zu geschehen hat.[36] Bei der Begrüssung durch Handschlag wird neuerlich leider vielfach die Mütze aufbehalten, wie das früher nur in den deutschbaltischen Corps der Brauch war.[37] Dass man einem viel Älteren oder als Mann einer Frau nicht als Erster die Hand hinstreckt, sondern abwartet, bis oder ob das Gegenüber einem die Hand reicht, müsste man hier eigentlich nicht besonders erwähnen, denn es hat mit dem Farbencomment nichts, wohl aber mit guten Manieren im Allgemeinen zu tun.

Für den Tanz besagt § 17 etwas seltsam, es dürfe in der Mütze getanzt werden. Mit dieser 1981 eingeführten Formulierung sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass das Tragen der Mütze beim Tanzen nicht mehr obligatorisch sei, wie das vorher gegolten hatte (alte Fassung des § 17: "Es wird in der Mütze getanzt"). Die Bestimmung hätte ersatzlos gestrichen werden können, denn ausser den im Comment genannten Fällen (§ 20), wozu das Tanzen nicht gehört, bleibt die Mütze stets auf.

§ 18 regelt das Vorstellen. Wohl wissend, dass das Sich-Vorstellen unter Jungen (wenn man sich nicht sogar nur mit dem unpersönlichen "Hallo" begnügt) höchstens noch mit Vornamen oder Vulgo geschieht, betrachte ich die Kenntnis der elementaren Regeln als nützlich. Das gilt auch innerhalb der Verbindung zwischen Aktiven bzw. jüngeren AH und älteren AH. Der Jüngere stellt sich mit deutlicher Sprache mit Vorname, Name und Vulgo vor. Bei einem Anlass der Scaphusia oder von anderen Verbindungen mit den gleichen Farben wie wir fügt man noch das Wort "Vitoduraniae" an. Das Hinstrecken der (schlaffen) Hand und das kaum hörbare Murmeln nur des Vulgos ist schlechter Comment und verrät zudem mangelndes Selbstbewusstsein. Das Nennen auch des bürgerlichen Namens gibt dem AH überdies oft einen guten Anknüpfungspunkt für den Beginn eines Gespräches mit einem neuen Farbenbruder, den er noch nicht kennt. Alte Herren, die mehr als fünf Jahre älter sind (§ 4 Biercomment), werden mit "Sie" angeredet, sofern sie dem Jüngeren nicht das Schmollis angeboten haben. Es wäre als Zeichen der vitoduranischen Verbundenheit begrüssenswert, wenn letzteres vermehrt vorkäme. Es braucht dazu keine schwülstigen Umarmungen und dergleichen, sondern es genügt vollkommen, z.B. den neuen Füchsen einzeln oder gesamthaft das Schmollis anzubieten und einen geziemenden Schluck zu trinken.

In Farben besucht man nur "honorige", oder wie man früher sagte, "couleurfähige" Wirtschaften und Lokale (§ 19). In unserem Farbencomment waren früher diese Lokale aufgezählt. Es waren 1981 deren 17, nämlich Bahnhofbuffet, Bruderhaus, Café Lutz, Chässtube, Casino, Eschenberg, Gartenhotel, Goldenberg, Feldschlösschen, Krone, Rheinfels, Rössli, Sonne, Strauss, Talgarten, Walliserkanne und Wartmann. Heute brauchen wir das Wort "honorige Lokale" und man verzichtet auf eine Liste. Was aber sind honorige oder couleurfähige Lokale? Das sind Lokale, in denen man vor allem nicht befürchten muss, als Farbentragender belästigt oder gar angepöbelt zu werden. Kurz: In Farben frequentiert man keine obskuren "Spunten", keine Bars, Discos, Nachtclubs, Bordelle und dergleichen. Das war offiziell schon früher so, wurde aber auch zu Kaiser Wilhelms Zeiten nicht immer eingehalten, was folgende im "Simplicissimus" abgedruckte Karikatur von Eduard Thöny unter dem Titel "Rechtfertigung" belegt: "Gehen wir in den schwarzen Hahn, Leibfuchs; couleurfähig ist das Lokal allerdings nicht, aber ich muss unbedingt die Kellnerin um zwanzig Mark anpumpen."[38]

Diskussionen entstehen immer wieder über das Abnehmen der Kopfbedeckung (§ 20). Hier gibt es zwischen den bürgerlichen und studentischen Sitten grosse Unterschiede. Traditionsgemäss behält der Couleurstudent als Ausdruck der "Burschenfreiheit" die Mütze als neben dem Band wichtigstes Kennzeichen für die Zugehörigkeit zu einer Verbindung in der Regel immer auf.[39] Dies gilt beim Betreten einer Wirtschaft und vor allem am Biertisch. Das dauernde Ablegen der Mütze auf dem Tisch ist ein Unding und sollte vom Präsidium geahndet werden. Oftmals hat man beim Betreten eines Kneiplokals den Eindruck, es sässen dort - weil ohne Mütze auf dem Haupt - lauter Bierschisser. Auch wer ein Tempus hat, legt die Mütze nicht ab, und ebenso behalten alle an einem Bierstreit Beteiligten die Kopfbedeckung auf. In der Vito gibt es auch keine Bestimmung, wonach beim Zu-, Vor- und Nachtrinken sowie bei der Annahme eines Quantums die Mütze kurz zu ziehen sei.[40] Die verbalen Formalien wie "Zutrunk!", "Einen Halben vor!", "Danke Prost!" usw. genügen vollauf.

Zu einer wirklich weltbewegenden Frage schwieg unser Farbencomment bislang: Nimmt man auf der Toilette die Kopfbedeckung ab? Meines Erachtens ist das, dem natürlichen Stilgefühl und dem Beispiel vieler anderer Verbindungen folgend,[41] zu bejahen. Kann man sie nicht an einem geeigneten Ort ablegen, klemmt man sie unter den Arm. Chargierte im Vollwichs, welche die Toilette aufsuchen müssen, legen vorher Cerevis, Handschuhe, Schläger und Schärpe ab.[42]

Sehr umstritten ist die Frage des Abnehmens des Tönnchens. Das Tönnchen ist aus dem steifen Cerevis enstanden[43], das mit einem Bändchen am Kopf befestigt wird und deswegen nicht ohne Weiteres abgenommen werden kann. Das Cerevis bleibt daher in der Regel auf dem Haupt und es wird mit Anlegen der rechten Hand am Cerevis militärisch gegrüsst (salutiert), wenn es die Situation erfordert (z.B. zum Gruss, bei Liedern, die von der Corona entblössten Hauptes gesungen werden etc.). Analog dazu legen viele Comments fest, das Tönnchen werde stets aufbehalten. Die Zürcher Singstudenten und die Mitglieder zahlreicher anderer Hochschulverbindungen nehmen es ausser auf der Toilette nie ab. Zum Gruss, beim Vor- und Nachtrinken sowie bei der Annahme von Quanten lassen sie "die rechte Hand gen Nacken schnellen".[44] Im deutschen Wingolf werden alle Tönnchenarten und das Cerevis "angestochen", d.h. mit den Fingerspitzen der flachen rechten Hand seitlich berührt.[45] In anderen Korporationen legt man zur Begrüssung, beim Zutrinken die linke Hand seitlich an das Tönnchen.[46] Beim Cerevis, das man nicht leicht abnehmen kann, haben diese Regeln durchaus einen Sinn. Nicht aber beim Tönnchen, das man ebenso rasch "lüften" oder in die Hand nehmen kann wie die Mütze und den Stürmer. Zudem besagte der frühere § 20 des Farbencomments der Vitodurania ganz allgemein, "das Haupt werde entblösst". Diese Formulierung umfasst auch das Tönnchen und den Stürmer. Und weil nur einfache Lösungen Bestand haben und alles Gespreizte zu vermeiden ist, sollte man in der Vitodurania Tönnchen und Stürmer in allen in den Comments für die Mütze genannten Fällen abnehmen. Mütze und Tönnchen werden mit dem Teller nach oben auf den Tisch gelegt.[47]

Diesen Überlegungen ist man bei der Revision von 2005 weitgehend gefolgt. Man wollte über das Abnehmen der Kopfbedeckung ein für allemal Klarheit schaffen und entschied sich für eine abschliessende Aufzählung: Die neue Fassung von § 20 Abs. 1 und 2 des Farbencomments lautet: Abs. 1: "Mütze, Tönnchen und der FM Stürmer werden nur abgenommen bei jedem Essen, Wortergreifen, offiziellen Päuken, Trauerfeiern, im Theater, Konzert und Kino, zum Gruss, auf der Toilette, beim Trinken aus dem Besentopf, während des Bierverschisses, beim Singen des Farbencantus, eigenen Familiencantus, eigenen Generationscantus und des Gaudeamus, Brüder reicht die Hand zum Bunde, Heisst ein Haus zum Schweizerdegen und der Landeshymne sowie beim Salamanderreiben."- Abs. 2: "Das zum Vollwichs gehörende Cerevis wird ausser beim Essen und auf der Toilette nie abgenommen. Zum Gruss wird durch Anlegen der rechten gestreckten und geschlossenen Hand halbseitlich am Cerevis salutiert." Die einleitende Wendung "... werden nur abgenommen ..." bedeutet e contrario, dass Mütze, Tönnchen und Stürmer in allen im § 20 Farbencomment nicht genannten Fällen auf dem Kopf bleiben. Sind wir Gäste einer anderen Korporation, so bemühen wir uns selbstverständlich, uns den dort geltenden Bräuchen auch bei den Couleurregeln möglichst anzupassen. Das gilt vor allem in Bereichen, wo unser anderes Verhalten besonders auffallen würde, zum Beispiel bei der Frage des Mützenablegens während eines gewöhnlichen Silentiums oder Liedes.

Die §§ 21 bis 24 unserer Farbencomments sind dem Verhalten in Trauer gewidmet. Sie regeln die Voll- und Halbtrauer, sind klar und bedürfen keiner Kommentierung. Das Chargieren bei einer Trauerfeier ist im § 23 sowie in einem Reglement des AH-Vorstandes vom 2.6.1987 beschrieben. Wichtig ist, dass alle Akteure genau instruiert werden. Denn der Grat zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen ist hier besonders schmal. Das gilt übrigens für alle feierlichen studentischen, bürgerlichen und militärischen Zeremonien: Entweder eingeübt mit allem, was dazu gehört und in jeder Beziehung richtig, oder gar nicht.

Damit bin ich am Schluss meines Streifzuges durch den Farbencomment angekommen. Wie beim Biercomment gibt es auch beim Farbencomment die sture Commentreiterei. Sie schadet mehr als sie nützt. Man muss also auch den Farbencomment vernünftig anwenden. Damit rede ich keineswegs dem allzu légèren Auftreten in Farben das Wort. Es gibt ein paar unverzichtbare Regeln beim Farbentragen, und an diesen sollten wir konsequent festhalten. Unnötige Konzessionen bringen nichts. Ohne Zweifel hat man früher hinsichtlich Formen und Äusserlichkeiten übertrieben. Wir wollen nicht zurück ins Jahr 1907, wo in der hwl. Scaphusia "Pumphosen" (Knickerbocker) zur Couleur als deplaziert galten und wo man im WS 1923/24 von "Verderbnis überall" sprach, nur weil ein durstiger Fuchs in Farben von der Brunnenröhre getrunken hatte.

Anderseits sollten wir nicht alles über Bord werfen, was dem Auftreten in Farben etwas Glanz und Stil verleiht. Heute laufen wir eher Gefahr, den Formen zuwenig Beachtung zu schenken. Ein vernünftig gehandhabter Farbencomment, der das tadellose und stilsichere (nicht hochnäsige!) Auftreten des Vitoduraners sicherstellt, hat noch immer seine Berechtigung, gerade weil das Farbentragen in der Öffentlichkeit eine besondere Aufmerksamkeit hervorruft, die beim "Farblosen" untergeht. Tragen wir also Sorge zu unseren Farben und beachten wir dabei den Farbencomment. Und zwar nicht nur die besonderen Bestimmungen über das Farbentragen, sondern auch die im Comment enthaltenen allgemeinen Hinweise auf Höflichkeit und Anstand. Anstand, Höflichkeit und gute Manieren sind das Öl menschlicher Gemeinschaften. Neben der Förderung der Sozialkompetenz (Ausdrucksfähigkeit, Kooperationswille, Selbstkritik, Toleranz, Fairness usw.) gilt es vermehrt, wieder auf gute, verbindliche Umgangsformen und gepflegte Manieren zu achten, zu Hause, in der Schule[48] und auch in der Vitodurania. Nicht umsonst hiess es früher von jemandem, der sich gut benahm, "er habe Comment".



Anmerkungen

[1] Golücke Friedhelm, Studentenwörterbuch, 4. Auflage, Graz Wien Köln 1987, Seite 102.

[2] Herzog Hans-Bernd, Geschichte des Corps Suevia zu Landshut und München, Teil I, 1803-1853, München 2003, Seite 422.

[3] Studier Manfred, Der Corpsstudent als Idealbild der Wilhelminischen Ära, Schernfeld 1990, Seite 63.

[4] Studier (Anm. 3), Seite 73.

[5] Herzog (Anm. 2), Seite 132. Das und überhaupt das Mitmachen im Corps kostete viel Geld. 1913 verlangten viele Corps von einem Aktiven einen Monatswechsel von mindestens 400 Mark. Das entsprach dem Monatsgehalt eines bei der damaligen Wertschätzung des Militärs bestimmt nicht schlecht bezahlten Hauptmanns, der oftmals Familie hatte. Eine Köchin verdiente 100 Mark im Monat, und das bei einer Wochenarbeitszeit von 72 Stunden.

[6] Studier (Anm. 3), Seite 75.

[7] Die Basler Paedagogia hatte, als Anhang zum Biercomment, schon 1912 einen schriftlich niedergelegten Farbencomment (Preiswerk Peter A., Paedagogia sey's Panier, Aus der Geschichte einer Basler Gymnasialverbindung, Basel 1995, Seite 71).

[8] Helfer Christian, Kösener Brauch und Sitte, Ein corpsstudentisches Wörterbuch, 2. Auflage, Saarbrücken 1991, Seite 105.

[9] § 7 Abs. 2 und § 8 Farbencomment StGVZ von 1985.

[10] So CC (Coburger Convent) Blätter 1/2001.

[11] Das Weinzipfelband wird zum Beispiel im österreichischen Mittelschülerkartellverband MKV auf der rechten Seite entsprechend der Richtung des normalen Farbenbandes etwas höher befestigt als auf der linken Seite; siehe "Der Comment", MKV, 2. Auflage, Innsbruck 1987, Seite 37.

[12] Fuchsenheft des Corps Suevia München, München 1996, Seite 22.

[13] Viele Studenten der Montanhochschulen in Clausthal, Freiberg (Sachsen) und Leoben (Steiermark) tragen, auch wenn sie nicht korporiert sind, zu festlichen Gelegenheiten den schwarzen, mit Metallknöpfen versehenen Bergkittel. In Leoben sieht man bei den Chargierten im Vollwichs statt des Flauses den sog. Biberstollen, eine kurz geschnittene, eng anliegende schwarze Samtjacke mit Schulterstücken und vergoldeten Knöpfen.

[14] Grün Bernhard/Weghorst Achim, Comment im CV, Würzburg 1993, Seiten 12 und 15; Der Comment (Anm. 11), Seite 257.

[15] Böcher Otto, Kleines Lexikon des studentischen Brauchtums, 2. Auflage, Hannover 2001, S. 159.

[16] Helfer (Anm. 8), Seite 207

[17] Helfer (Anm. 8), Seite 207; Böcher (Anm. 15), Seite 159; Fuchsenheft des Corps Suevia (Anm. 12), Seite 22.; Comment im CV (Anm. 14), Seite 13. Anders § 8 des Farbencomments der Thurgovia von 1996, der das Tragen des Tönnchens an allen Anlässen erlaubt. Bei der Revision 2005 des Vito- Farbencomments wurde eine Einschränkung des "Tönnli-Tragens" ausdrücklich abgelehnt. Das Recht, stets ein Tönnchen statt der Mütze zu verwenden, sei bei den Alten Herren seit jeher Brauch.

[18] Bis 1994 trugen Offiziere der Schweizer Armee statt wie jetzt das Beret im Ausgang und bei offiziellen Dienstanlässen eine steife Schildmütze mit Gradabzeichen in Form von Galons (Streifen).

[19] § 25 Farbencomment StGVZ von 1985.

[20] Dass es wie bei den Singstudenten auch dunkelblaue oder dunkelgraue Hosen sein könnten, wurde von den Aktiven verworfen. Sie beharrten auf schwarzen Hosen.

[21] Nägeli Ernst, 100 Jahre Thurgovia, Frauenfeld 1962, Seite 25. Deshalb sind auch "Mützentaufen" mit Bier und dergleichen, weil Unfug, abzulehnen.

[22] Die seit 1950 bei uns heute noch als Tauftalar verwendete rote Kardinalsrobe ist ein Fasnachtskostüm von AH Dr. med. Moritz Ganzoni v/o Chüngel, Gen. 1910, aus den 1930er Jahren.

[23] Ähnlich Böcher (Anm. 15), Seite 74 mit dem Hinweis, dass die Verbindungen in Universitätsstädten mit Karnevals- oder Faschingstreiben wie z.B. Aachen, Mainz, Köln, Bonn und München für die Fasnachtszeit das Couleurtragen in der Öffentlichkeit untersagten.

[24] Wagner Susanne, Ein treuer "Beschwinger" der Schritte. Der Spazierstock, einst modische Selbstverständlichkeit, heute praktisches Accessoire der Wanderer, in: Neue Zürcher Zeitung vom 18./19.9.1999, Seite 123.

[25] Reinoss Herbert, Bilder aus dem Simplicissiums, Hannover 1970, Seite 65. Prinz Wilhelm von Preussen, der spätere Kaiser Wilhelm II., war vom WS 1877/78 an beim Corps Borussia Bonn aktiv, zunächst allerdings nur als Conkneipant (CK) und ab 27.7.1878 als Inhaber der Corpsschleife (IdC), weil ihm die Hohenzollernschen Hausgesetze das Fechten verboten und nicht etwa wegen seiner Behinderung am linken Arm. 1885 erlaubte der Kösener Congress dem Corps Borussia, Wilhelm ausnahmsweise das Band zu verleihen. Es spricht für den "Kösener", dass der Beschluss nicht einstimmig erfolgte. Denn bei den Corps (KSCV und WSC) gilt heute noch, dass das Corpsburschenband nur tragen darf, wer auf die Farben des betreffenden Corps wenigstens einmal scharf gefochten hat.

[26] Guggenbühl Adolf, Der schweizerische Knigge, Zürich 1966, Seite 111.

[27] Vgl. § 15 Abs. 2 Farbencomment StGVZ von 1985.

[28] Beides ist laut § 39 lit. d des Farbencomments des StGVZ von 1985 noch immer ausdrücklich verboten.

[29] Preiswerk (Anm. 7), Seite 71.

[30] Vgl. Böcher (Anm. 15), Seite 261.

[31] Helfer (Anm. 8), Seite 179.

[32] Comment im CV (Anm. 14), Seite 13.

[33] Freundliche Mitteilung von Dipl. ing. ETH Raeto Conrad Utoniae, FM 1958/59 und 1960/61, AH x 1969-1987.

[34] Zitiert nach Transfeldt, Wort und Brauch in Heer und Flotte, 9. Auflage, Stuttgart 1986, Seite 44. "Losament", aus franz. Logement umgestaltet, heisst Wohnung, Unterkunft.

[35] Bierbaum Otto Julius, Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive, Knaur Taschenbuch, 1982, Seite 101 ff.

[36] Helfer (Anm. 8), Seite 104.

[37] Helfer (Anm. 8), Seite 104.

[38] Kulturbilder aus dem Simplicissimus, Band 1, Der Student, München 1905, Seite 45.

[39] Das sehr alte (1803) und stilsichere Münchner Corps Suevia hat eine ganz einfache Lösung: Immer Mütze auf ausser bei der Totenehrung, auf der Toilette und beim Essen; Fuchsenheft (Anm. 12), Seite 22.

[40] So aber z.B. § 46 Abs. 1 Farbencomment StGVZ von 1985.

[41] Zum Beispiel § 48 Abs. 1 Farbencomment StGVZ von 1985; § 25 Farbencomment der Thurgovia von 1996; Fuchsenheft Corps Suevia (Anm. 12), Seite 22; Comment im CV (Anm. 14), Seite 14. Bei der Teutonia Zürich dagegen soll das Abnehmen der Mütze auf der Toilette nicht üblich gewesen sein. Boshafte Spötter behaupteten, Teutonen würden eben vor einem "Kleinen" das Haupt nicht entblössen. Diese Redensart soll zu etlichen Forderungen auf Schläger oder gar Säbel, also zu einem "Scheisshaus-Ramsch" im wahrsten Sinn des Wortes geführt haben.

[42] Comment im CV (Anm. 14), Seite 20.

[43] Böcher (Anm. 15), Seite 159; Golücke Friedhelm, Studentenwörterbuch, 4. Auflage Graz Wien Köln 1987, Seite 92; Kluge Friedrich/Rust Werner, Deutsche Studentensprache, Band 2, in: Historia Academica, Heft 24, 1985, Seite 248.

[44] § 44 in Verbindung mit § 43 des Farbencomments der Zürcher Singstudenten von 1985.

[45] Böcher (Anm. 15), Seite 160.

[46] Comment im CV (Anm. 14), Seite 14.

[47] § 49 Abs. 1 Farbencomment StGVZ von 1985.

[48] Guggenbühl Allan, Fehlt es in den Schulen an Höflichkeit und Anstand? Statt des Begriffs Sozialkompetenz sollten verbindliche Umgangsformen in den Vordergrund rücken, in: Neue Zürcher Zeitung, 27.9.2005, Seite 61.