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Die Säbelmensur in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich
Die Säbelmensur in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich[1]

Von Dr. jur. Peter Hauser

Auf Säbel «losgegangen» zu sein, galt lange Zeit als das höchste aller waffenstudentischen Gefühle. Das ist mit ein Grund, weshalb sich um die Säbelmensur allerlei Mythen ranken. Sie ist ein im eigentlichen Sinne des Wortes esoterisches, d.h. nur dem Eingeweihten bekanntes Thema. Nachstehend wird versucht, eine sehr geraffte Darstellung der Säbelmensur in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich zu geben.

Die Säbelmensur war sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz und in Österreich stets ein Ehrenzweikampf, ein Duell auf blanke Waffe. Zum Säbel wurde nie ohne vorangegangene Beleidigung gegriffen. Es gab nie und nirgends Verabredungs- oder Bestimmungsmensuren auf Säbel. Synonyme für Säbelmensur sind Säbelpartie, Säbelkiste, Säbelskandal, in der Schweizer Mundart «Säblete», ferner Säbelei, Säbelkontrahage, Säbelduell und Säbelramsch.

Die Säbelmensur ist untrennbar mit dem Prinzip der unbedingten Satisfaktion mit der Waffe verbunden. Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man sagen, dass nach dem Grundsatz der unbedingten Satisfaktion mit der Waffe im Falle einer Beleidigung unbedingt eine Forderung erfolgen muss, wenn sie nicht vorher durch Revokation (Rücknahme) und Deprekation (Abbitte) oder Ehrenerklärung ausgeglichen wurde.

In Deutschland ist die unbedingte Satisfaktion mit der Waffe seit dem Wiederaufleben des Waffenstudententums 1949/50 offiziell abgeschafft. Das Prinzip der Genugtuung mit der Waffe wird dagegen noch in fast allen schlagenden Korporationen Österreichs zumindest de facto anerkannt. Der Schweizerische Waffenring ist der einzige Verband, in welchem die unbedingte Satisfaktion mit der Waffe offiziell, d.h. statutarisch festgehalten noch gilt. Und das, obwohl das Prinzip, anders als in Deutschland und in Österreich, wo es früher nicht nur vom Militär, sondern vom überwiegenden Teil aller Akademiker hochgehalten wurde, bei uns immer fast nur auf waffenstudentische Kreise beschränkt war.

Der aus dem Orient stammende Säbel ist ursprünglich eine militärische Waffe. Studenten duellierten sich mit dem Schläger oder mit Stosswaffen, während militärische Duelle entweder mit dem Säbel, dem Degen oder mit der Pistole ausgetragen wurden. Universitätsstädte waren aber meistens auch Garnisonsstädte und Studenten und Offiziere sich nicht immer wohl gesinnt. Und so kam es regelmässig zu Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Deshalb erstaunt nicht, dass wir in den ältesten Comments vom Säbel immer als Waffe für Duelle von Studenten mit Offizieren oder anderen Nichtakademikern lesen. Der Säbel war damals somit eine a.o. studentische Waffe. Den ältesten mir bekannten Beleg für die Verwendung des Säbels im studentischen Bereich habe ich im SC-Comment von Landshut von etwa 1809 gefunden. Als studentische Duellwaffe durchgesetzt hat sich der Säbel ungefähr ab 1825.

Der 2. Weltkrieg beendete den studentischen Fechtbetrieb in Deutschland fast völlig. Die Preisgabe der unbedingten Satisfaktion mit der Waffe und damit auch der Säbelmensur war Voraussetzung für das Wiederaufmachen der schlagenden Verbindungen ab 1949. Die Säbelmensur ist also in Deutschland längst Geschichte, der Säbel ward des Rostes Staub. Daran ändert nichts, dass in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg einige wenige Säbelpartien stattgefunden haben.

Für die Schweiz muss man wissen, dass das Mensurwesen wie die meisten anderen studentischen Sitten und Gebräuche erst gegen 1840 richtig aufgekommen ist. In der Schweiz ist die Säbelmensur jedoch heute noch im Comment verankert. Seit dem 5.12.1970 wurde allerdings bei uns keine Säbelpartie mehr ausgetragen.

In Österreich gab es bis 1848 wegen des Metternich'schen Verbotes so gut wie kein studentisches Korporationsleben, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Die ersten studentischen Schlägermensuren fanden erst nach 1860 statt. Wehrhafte österreichische Studenten schlugen sich aber schon vorher im Geheimen mit dem Säbel. In der k.u.k. Monarchie hatte der Säbelzweikampf eine sehr grosse Bedeutung. In Österreich wird auch nach dem 2. Weltkrieg an der Tradition der Säbelmensur festgehalten.

Nach Sinn und Zweck der Ehrenordnungen und/oder Paukcomments sollte seit jeher nur bei schwerwiegenden Anlässen auf Säbel gefordert werden. Darüber zu wachen war die Aufgabe der Ehrengerichte. In Deutschland und in der Schweiz bedurfte seit den späten 1870er Jahren jede Mensur auf schwere Waffen, d.h. auf Säbel oder Pistole, zwingend der Genehmigung durch ein Ehrengericht. Das Ehrengericht kann eine Forderung als nicht begründet erklären («abwischen»), ist aber nicht befugt, eine Forderung zu verschärfen. Möglich ist dagegen nach vielen Ehrenordnungen, auf eine mildere Form der Forderung zu erkennen, also z.B. auf Schläger statt Säbel. In Österreich herrschten lange Zeit klare und einfache Verhältnisse: es gab keine studentischen Ehrengerichte nach deutschem oder schweizerischem Vorbild, d.h. mit Schlichtungsfunktion. Seit Ende des 2. Weltkriegs haben sich aber auch in Österreich die Verhältnisse und Anschauungen gewandelt und es finden Ehrengerichtsverfahren statt.

Der so genannte point d'honneur lag früher nur wenig unter der Haut. Das galt auch für die Mitglieder der Ehrengerichte. Auch sie waren als Waffenstudenten «Kinder» ihrer Zeit. Und so verwundert nicht, welche nicht allzu gravierenden Worte, Taten oder Unterlassungen genügten, damit es erstens zu einer Säbelforderung und zweitens zur Genehmigung der Forderung durch das Ehrengericht kam. Ob in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz: Bis zum 2. Weltkrieg wurde manchmal aus nichtigem Anlass auf Säbel gefordert. Einige wenige Beispiele aus der besonders gut dokumentierten Praxis des Tübinger SC-Ehrengerichts in der Zeit von 1882-1889 sollen das untermauern. Genehmigt wurden Säbelforderungen bei folgenden Äusserungen oder Anlässen:

- «Ihr Verhalten macht einen traurigen Eindruck»
- «Sie sind ja doch ein Kneifer!»
- «Sie unverschämter Esel!»
- «Soll ich Sie ohrfeigen?»
- wegen Fixierens (= unverwandtes, provozierendes Anstarren) eines Anderen.

Nicht genehmigt wurden dagegen Säbelforderungen bei

- einem nicht erwiderten Gruss,
- einem Streit im Lokal, wer zuerst bedient wird,
- einem versehentlichen Tritt auf den Fuss.

«Säbelwürdig» waren ohne Ausnahme tätliche Angriffe (Realinjurien), wobei schon das Androhen von Schlägen oder die Feststellung «Betrachten Sie sich als geohrfeigt» genügte, vor allem, wenn Dritte Zeugen des Affronts wurden. Wer auf einen erhaltenen oder angedrohten Schlag vor Augenzeugen nicht Genugtuung mit der Waffe verlangte, war bis zum 1. Weltkrieg in Deutschland und Österreich als Kneifer gesellschaftlich abgeschrieben. Offizieren drohte die Degradierung oder gar der Abschied. Dabei war das Duell offiziell verboten!

Gemäss § 8 der Pauk-Ordnung des Schweizerischen Waffenrings SWR von 1946 gab es folgende Beleidigungsarten: «a) Die einfache Beleidigung, z.B. bewusste Verletzung der gesellschaftlichen Formen, bewusste Versagung eines Achtungsbeweises, herausfordernde Unhöflichkeit usw.; b) die Ehrverletzung durch Schimpfworte; c) die schwere Beschimpfung durch den Vorwurf schimpflicher Eigenschaften und Handlungen; d) der tätliche Angriff und seine Androhung; e) die Verletzung der Familienehre». Das gilt im Prinzip heute noch. Bei den letzten drei Schweizer Säbelmensuren (alle Säbel cum, d.h. «leichte» Partien) in den Jahren 1960, 1966 und 1970 war es wegen einer Tätlichkeit in einem öffentlichen Lokal (völlig grundlose Ohrfeige im Weinlokal «Öpfelchammer» in Zürich), wegen des Angriffs auf die Ehre der Ehefrau sowie wegen des Vorwurfs der Kneiferei verbunden mit einer Tätlichkeit (Ohrfeige) zur Genehmigung der Forderung und zur Austragung der Partie gekommen. Auch in Österreich waren die säbelwürdigen Anlässe dieselben wie in Deutschland und in der Schweiz. Zudem führten prinzipielle Differenzen zwischen Angehörigen von Corps, Burschenschaften, Landsmannschaften und wehrhaften Vereinen immer wieder zu Säbelforderungen. In Österreich lieferten sich vor 1914 Burschenschaften und Jüdische Akademische Vereinigungen wahre Säbelschlachten.

Grundsätzlich unterscheidet man seit jeher zwischen leichten und schweren Säbelmensuren. Die Worte «leicht» und «schwer» beziehen sich nicht etwa auf das Gewicht der Waffe, sondern auf die Art der Schutzvorrichtungen (Bandagen etc.). Der Ausdruck «jemanden auf schwere Säbel fordern» bedeutet also jemanden zu einer Säbelmensur mit geringen Bandagen und damit (beiderseits!) erhöhtem Verletzungsrisiko herausfordern.

In Deutschland und in der Schweiz ist die Schwere der Säbelmensur im Paukcomment geregelt. Der Comment sagt genau, welche Schutzvorrichtungen erlaubt sind. In Österreich dagegen ist es, abgesehen von ein paar Grundregeln in den Duell-Codices, Sache der Vertreter oder Sekundanten, die Bedingungen einschliesslich die Art der Schutzvorrichtungen (Bandagen, Brille etc.) zu vereinbaren.

Von etwa 1880 an unterschied man in Deutschland generell nur noch zwischen Säbelmensuren «mit Binden und Bandagen» (leichte Forderungen) und solchen «ohne Binden und Bandagen» (schwere Forderungen). In den schweizerischen Comments ist von leichten Säbelpartien (Säbel cum) und schweren Säbelpartien (Säbel sine und Säbel sine sine) die Rede.

Herausstechendstes Unterscheidungsmerkmal bei den Bandagen der verschiedenen Säbelgrade war neben der Grösse der Paukbrille die Breite der ungeschützten Stellen am fechtenden Unter- und Oberarm, nämlich in der Regel je 6, 8 oder (Säbel sine sine) 10 cm, der Schulterschutz und die obere Begrenzung des Paukschurzes als Schutz gegen Brusthiebe («Bruststreicher»).

Deutsche Säbelmensur (Prinzipskizze aus

Deutsche Säbelmensur (Prinzipskizze aus "Der Grosse Brockhaus" 1932)


Säbelmensuren in Deutschland und der Schweiz gingen bzw. gehen auf eine bestimmte Anzahl Gänge mit begrenzter Anzahl Hiebe pro Gang oder bis zur Abfuhr. In der Schweiz sind es 50 Gänge, der Gang zu mindestens 5 Hieben inkl. Anhieb. In Deutschland waren es in der Regel Forderungen auf 60 oder 80 Gänge, manchmal auch mehr.

In Österreich gibt der zur Anwendung gelangende Comment bzw. Duell-Codex nur einige Rahmenbedingungen, während die Einzelheiten von den Vertretern vereinbart werden. Generell kann gesagt werden, dass die Schutzvorkehren bei einem österreichischen Säbelzweikampf wesentlich geringer sind als bei deutschen und schweizerischen Säbelpartien. So wird oft mit blossem Oberkörper oder nur in einem ungestärkten Leinenhemd, zum Teil sogar ohne Brille und stets ohne Armschutz gefochten. Die österreichische Säbelmensur geht in der Regel nicht auf eine bestimmte Anzahl Gänge, sondern grundsätzlich bis zur Kampfunfähigkeit. Es gab schwere Säbelpartien, die erst nach mehreren hundert Gängen (550!) ihr Ende nahmen. Ein Gang ist die ungeachtet der Zahl geschlagener Hiebe zwischen den Kommandos «Los!» und «Halt!» verstrichene Fechtdauer. Die längste mir bekannte Säbelmensur in Österreich fand 1908 statt und endete mit Pausen erst nach 6 ½ Stunden!

Während früher oft im Freien gefochten wurde, finden österreichische Säbelduelle wie in Deutschland und in der Schweiz seit langer Zeit in einem geschlossenen Raum statt. Die für die Duellanten in Österreich reservierte Kampffläche sollte 15 Meter, keinesfalls weniger als 10 Meter lang und mindestens 7 Meter breit sein. Wird ein Kämpfer an die Wand gedrängt, so darf aus diesem Grund nicht Halt gerufen werden, denn es gibt Fechter, die fortwährend zurückweichen und keinem Angriff Stand halten. Die Sekundanten agieren ebenfalls beweglich.

Säbelmensuren sind meistens Individualpartien zwischen Angehörigen zweier Verbindungen oder zwischen einem Korporierten und einem Waffenbeleger oder zwischen zwei Waffenbelegern. Verglichen mit Schlägerkontrahagen war die Zahl der Beleger, die eine Säbelpartie fochten, recht hoch. Es kam durchaus vor, dass eine pflichtschlagende Verbindungen in einem Semester keine Säbelpartie eines eigenen Mitgliedes hatte, sondern nur einem oder mehreren Nichtkorporierten, oft aber auch Angehörigen von freischlagenden Korporationen, Waffenschutz gewährte. Es sind in der schweizerischen Mensurgeschichte etliche tüchtige Säbelfechter aus freischlagenden Bünden bekannt. Beleger hatten der ihnen Waffenschutz gewährenden Korporation eine Gebühr zu bezahlen oder eine Dedikation zu machen. Die Neuzofingia Zürich zum Beispiel verlangte 1931 als Belegergeld für eine Säbelpartie CHF 50.--, was in Bierkaufkraft ausgedrückt heute etwa CHF 800.-- (ca. 530 Euro) entspricht (3 dl Lagerbier kosteten 1931 25 Rappen, heute CHF 4.--).

Bei den Säbelchargenforderungen traten in Deutschland und Österreich in der Regel die drei Chargierten gegen die Chargierten des anderen Bundes an, während in der Schweiz die Chargierten (Vorstand) gegen einen Einzelnen fechten oder ein Einzelner bzw. Einzelne gegen die Chargierten losgehen. Die Chargenforderung war bei den Corps das klassische Mittel, um auf Beleidigungen seitens eines anderen Corps zu reagieren.

Auch in der Schweiz war die Säbel-Chargenforderung früher recht häufig. Ein ganz besonderes Beispiel sind die Chargenforderungen im Zusammenhang mit der so genannten «Josephine Baker Affäre» im Jahre 1932. In der Basler National Zeitung war ein Bild erschienen, das die wunderschöne schwarze Sängerin Josephine Baker mit Band und Mütze als Ehrenfuchs der Jurassia zeigte. Das störte in Bern zwei Rhenanen und zwei Helveter, unter anderem den späteren Generalstabschef der Schweizer Armee, Korpskommandant Paul Gygli Helvetiae. Die vier Berner schickten 16 Schlägerchargenforderungen nach Basel, und die Jurassen überstürzten auf Säbel sine. Das Ehrengericht bewilligte 15 Partien, ausgetragen wurden aber nur 10.

Mit dem Säbel wurden, wenn auch nicht in allen Verbänden, auch Pro Patria-Suiten (PP) ausgetragen. In Österreich heissen solche Säbel-Kollektivmensuren «Reigen». Was früher für eine Säbel PP genügte, sollen die folgenden zwei Beispiele zeigen:

- 1923 in Halle an der Saale zwischen S! Fridericiana und der L! Neoborussia. Grund: Die Neupreussen hatten in einer Gartenwirtschaft an der Saale gesungen «Wir sind doch kein Gesangverein», wodurch sich zufällig vorbeirudernde Fridericianer als Sängerschafter beleidigt fühlten. Folge: Eine 12-paarige PP-Suite Säbel sine.

- 1909 zu Zürich: Die Akademische Turnerschaft Utonia stürzte der Neuzofingia eine sechsspännige PP auf Säbel cum, weil die Neuzofinger die Utonen in der Tonhalle nicht gegrüsst hatten.

Die Waffe des studentischen Säbelzweikampfes in Deutschland und in der Schweiz ist der deutsche Studentensäbel, wegen des grossen Korbes auch Korbsäbel genannt. Merkmal jedes Säbels ist die gekrümmte Klinge. Zum Unterschied zwischen geraden und krummen Klingen ist zu sagen, dass eine gerade Klinge leichter trifft, während man mit der krummen Klinge einerseits die gegnerischen Hiebe wirksamer abwehren und anderseits den Gegner schwerer verwunden kann, denn der Säbel erhält durch die Krümmung einen Zug und schneidet tiefer. Anders als beim etwas leichteren Schläger ist die Säbelklinge nur an der Vorderseite und bis zur Mitte geschliffen, denn Hiebe mit der Rückschneide waren in Deutschland und sind in der Schweiz verboten. Das Gleiche gilt für den Stich.

Die Säbelkörbe sind in der Regel in den Farben der Korporation ausgeschlagen. Es gab aber auch schwarze Körbe, und zwar bei den so genannten «schwarzen» (nicht farbentragenden) schlagenden Verbindungen. Auch die Körbe der studentischen «Kavalierswaffen» waren schwarz. Sie kamen zur Anwendung, wenn eine Partie gegen einen «Wilden» oder einen zu einer nicht anerkannten Korporation gehörenden Gegner ausgetragen werden musste.

Die in Österreich bei Zweikämpfen, nicht nur den studentischen, sondern auch den militärischen und bürgerlichen Duellen, gebrauchte Waffe ist der österreichische Säbel, den man dort auch französischen Säbel nennt. Er ist mit etwa 600 Gramm Gewicht viel leichter und seine Klinge etwas weniger gekrümmt als die des deutschen Korbsäbels. Der Korb aus starkem Eisenblech lässt die Faust an beiden Seiten offen (Muschelkorb), schützt die Hand also weniger. Die Klinge ist auf beiden Seiten geschliffen, denn Hiebe mit der Rückschneide des Säbels sind in Österreich erlaubt und wegen ihrer Wirksamkeit beliebt.

Bezüglich der Säbeltechnik ist zu sagen, dass in der Schweiz die Mensur abgemessen wird, indem die Paukanten Grundstellung annehmen und mit seitwärts ausgestrecktem Arme solange aufrücken, bis die Spitze des Säbels den Korb des Gegenpaukanten berührt. Die deutsche und schweizerische Säbelmensur ist insofern beweglich, als man mit einem Fuss (bei Partien rechts gegen rechts mit dem linken) festbleiben muss, während man mit dem anderen Fuss einen Ausfall machen darf. Hinter dem Standfuss wird auf dem Boden ein Kreidestrich gezogen, über den hinaus unter keinen Umständen gewichen werden darf. Man spricht deshalb auch von gestrichener Mensur.

Die Auslage ist die steile Terzauslage. Typisch ist der gerade, aber nicht krampfhaft durchgedrückte Arm annähernd in Schulterhöhe. Man nennt diese Auslage auch «Säbel glacé». Der Angriffs- oder Anhieb konnte in Deutschland frei gewählt werden. In der Schweiz ist als Anhieb eine Terz auf den Korb vorgeschrieben. Um Kopf und Brust treffen zu können, muss mit dem freien Bein ein Ausfall gemacht werden.

In Österreich wird der Säbelzweikampf auf freier oder fliegender Mensur ausgetragen. Man kennt für diese Art von Mensur auch den Begriff «Sprungmensur». Beim österreichischen Säbelduell ist jede Auslage, jeder Hieb und jede Stellung gestattet. Die Paukanten können sich im Lokal fast völlig frei bewegen. Vor- und Zurückspringen ist erlaubt. Der Stich ist bei studentischen Säbelzweikämpfen verpönt, was nicht heisst, dass er gemäss Comment nicht vereinbart werden dürfte.

Dass die österreichische Säbelmensur eine gefährliche Sache sein kann, braucht nach den Ausführungen über die technischen Modalitäten des Säbelzweikampfes in Österreich nicht besonders hervorgehoben zu werden. Die Mensur mit dem deutschen Korbsäbel gilt dagegen als vergleichsweise «ungefährlicher Sport». Da früher in der Regel ohne Paukbrille gefochten wurde, waren in Österreich vor allem schwere Augenverletzungen oder gar der Verlust eines Auges nichts Aussergewöhnliches.

Bei der Mensur mit dem deutschen Studentensäbel gehen die Meinungen über die Gefährlichkeit auseinander. Die Tatsache, dass bei Säbelpartien überall nicht bloss ein Medizinstudent als Paukarzt wirken darf, sondern immer ein approbierter Arzt verlangt wird, zeigt aber ohne Weiteres, dass bei Säbelmensuren ernsthafte Verletzungen vorkommen können. Bekannt sind bei Säbelmensuren auch so genannte Klinikabfuhren, d.h. Abfuhren wegen so schwerer Verletzungen, die nicht wie sonst bei Mensuren üblich im Pauklokal vollständig behandelt werden konnten, sondern eine Überführung in ein Spital erforderten. Auch der berühmte Chirurg Sauerbruch, selber Waffenstudent, hat solche Klinikabfuhren behandelt. Trotzdem darf festgestellt werden, dass die Schutzmassnahmen selbst bei schweren Partien mit dem deutschen Korbsäbel tödliche Verletzungen ausschliessen.

Trefferflächen beim Fechten mit dem deutschen Korbsäbel sind der Kopf, die Brust und der fechtende Arm des Gegners, beim österreichischen Säbel grundsätzlich der ganze Körper. Schwere Brustschmisse heissen im Jargon «Ehebettrenommierer». Sauhiebe, d.h. Hiebe die den Körper unterhalb der Hüften treffen, auch Hiebe in den Genitalbereich gelten in Österreich als commentmässig, allerdings als nicht sehr ritterlich.

Armhiebe haben immer wieder zu schlimmen Verletzungen und Folgen auch beruflicher Art geführt. Für einen angehenden Arzt, Zahnarzt oder Musiker zum Beispiel konnte ein Armhieb das vorzeitige Ende der beruflichen Laufbahn bedeuten. Er musste vom Handwerk oder der Kunst auf Juristerei oder eine andere hochgeistige Wissenschaft umsatteln. Ein säbelerprobter Alter Herr einer Basler Korporation sagte mir, in den 1950er Jahren seien Armhiebe im SWR verpönt gewesen. Sie kamen aber trotzdem vor, mit zum Teil bösen Armabfuhren. Doch die Säbelmensur ist eben anders als das Waffenspiel der Bestimmungsmensur mit dem Schläger ein Duell, ein Waffenkrieg. Und es gab Zeiten, wo man beim Duellfechten jedes Risiko in Kauf nahm. Wer den rechten Arm nicht mehr gebrauchen konnte, paukte sich eben links ein. Ging auch das nicht mehr, wurde er den anderen Verbindungen als sog. Pistolenbursche gemeldet, d.h. als einer, der nur auf Pistole Satisfaktion gab und nahm.

In Deutschland gibt es noch heute keinen überall gültigen Schläger-Paukcomment. Die Paukcomments gelten in der Regel nur für einen bestimmten Hochschulort oder sogar nur für bestimmte Verbindungen am Ort. Nicht anders war es bis zum Abschluss des sog. Marburger-Abkommens von 1914 bei der Säbelmensur, das aber für die angeschlossenen Verbände auch nur einige Hauptprinzipien regelte.

Das führte zu häufigen Commentstreitigkeiten und Waffenverrufen. So war es auch in der Schweiz. Erst die 1930 in Kraft gesetzte Ehren- und Paukordnung des SWR brachte geordnete Verhältnisse. Sie wurde bis heute mehrfach, aber stets nur geringfügig revidiert. Auch der 1934 vereinbarte Pauk- und Ehrengerichts-Comment des Convents freischlagender Corporationen CFC enthielt Regeln über die Säbelmensur.

In Österreich regeln die lokalen oder regionalen Paukcomments den Säbelzweikampf nicht. Lange Zeit galten dort nur mündlich überlieferte Duellregeln. 1880 kam dann die erste Auflage der von Franz von Bolgar zusammengestellten «Regeln des Duells» heraus, die von 1907 an zum Teil vom «Ritterlichen Ehrenschutz» des Grazer und Leobener Corpsstudenten Felix Busson abgelöst wurden.

Im späten 19. Jahrhundert und bis zum 2. Weltkrieg war in Deutschland und in der Schweiz der Besuch des Säbelfechtbodens oder eines Säbelkurses beim Fechtmeister für Chargierte immer und für die übrigen Burschen meistens Pflicht. Chargierte mussten in Deutschland in der Lage sein, binnen dreimal 24 Stunden auf Schläger und Säbel anzutreten.

Säbelunterricht erteilten in der Schweiz die staatlichen, meistens aus Deutschland stammenden Universitätsfechtmeister. Das Einpauken auf bevorstehende Säbelkisten übernahmen dagegen oftmals Alte Herren mit Säbelerfahrung. Nach dem 2. Weltkrieg war es in der Schweiz bis in die späten 1950er Jahre, vereinzelt sogar etwas länger, üblich, dass Sekundanten mit dem Säbel vertraut sein mussten, denn Sekundantenkontrahagen wären in der Regel mit dem Säbel ausgetragen und bis 1992 vor die nächste Partie nach Tagesfechtplan eingeschoben worden. Sonst aber gab bzw. gibt es für Säbelmensuren überall eine Einpaukzeit. Sie betrug früher in der Regel sechs Wochen. Im SWR wurde sie auf zehn Wochen verlängert.
Besondere Verhältnisse herrschen in Österreich. Auch beim Säbelfechten gilt eben: «Tu felix austria...». Hier gibt es noch etwa 70 schlagende Pennalverbindungen, die mit stumpfen Duellsäbeln und Kopfschutz («Stierkopf») nach verschiedenen Paukordnungen Partien austragen. Viele Angehörige solcher Pennalien werden später bei schlagenden Hochschulverbindungen aktiv und bringen solide Grundkenntnisse im Säbelfechten mit.

Zum Schluss ein paar Bemerkungen zur Häufigkeit der Säbelmensur. Aus heroischen Schilderungen von Alten Herren, zum Teil auch aus der Literatur, könnte der Eindruck entstehen, als habe im 19. Jahrhundert und bis in die 1930er Jahre fast jeder Waffenstudent mindestens einmal auf Säbelmensur gestanden. Dieser Eindruck täuscht. Mehr als 90% aller seit 1890 aktiv gewesenen Corpsstudenten Deutschlands haben im scharfen Gang nie einen Säbel in der Hand gehabt. Es gab anderseits in Deutschland, Österreich und in der Schweiz Waffenstudenten, die mehrmals auf Säbel angetreten waren. Einer der prominentesten «Säbler» dürfte der frühere deutsche Reichskanzler Gustav Stresemann (1878-1929) gewesen sein, der während seiner Aktivzeit als Burschenschafter fünfmal Säbel gefochten hat.

In Deutschland lag die durchschnittliche Säbelquote, also die Zahl der Säbelpartien im Verhältnis zu allen geschlagenen Partien, in der Hochblüte der Säbeleien zwischen 1880 und 1914 bzw. 1918 und 1935 bei etwa 8 bis 10%, selten darüber. Am säbelfreudigsten war man eindeutig in Österreich. Etliche schlagende Verbindungen, vor allem Burschenschaften, brachten es auf Säbelquoten von 25 und mehr Prozent.

In der Schweiz waren die Verhältnisse von 1890 bis 1945 ähnlich denjenigen in Deutschland, d.h. 8-10% der Mensuren waren Säbelpartien. Am säbelfreudigsten war in der Schweiz eindeutig die Zeit von 1928 bis 1945. Die Waffenverrufe waren seit der Gründung des SWR im Jahre 1928 zwar vorbei, die Streitlust und der Hang zu schweren Waffen aber offensichtlich gestiegen. Eine «steile» Haltung prägte diese Zeit. Es gab Schweizer Waffenstudenten, die es auf vier oder fünf, vereinzelt sogar mehr Säbelpartien gebracht hatten. Nach dem 2. Weltkrieg setzte jedoch unter den Waffenstudenten in der Schweiz ein Mentalitätswandel ein. Es war nicht nur die folgenschwere Armabfuhr bei einer Säbel cum Partie zwischen einem Basler Alemannen und einem Zürcher Helveter im Sommer 1953, welche die Ehrengerichte zu grosser Zurückhaltung bei der Genehmigung von Säbelforderungen bewog. Auch die Renommiersucht sank deutlich, und der persönliche Ehrbegriff machte auch in waffenstudentischen Kreis eine Wandlung durch.

Heute gilt er so gut wie nichts mehr. Man kann sich manchmal sogar des Eindrucks nicht erwehren, der Wunsch nach Ausgleich sei etwas allzu stark, was sich auf den Umgangston unter den Waffenstudenten nicht nur positiv auswirkt, denn man braucht seine Zunge kaum mehr zu hüten. Und so erstaunt es nicht, dass in der Schweiz seit über 30 Jahren keine Säbelmensur mehr ausgetragen wurde. Heute lernt kein Aktiver die Kunst des Säbelfechtens mehr. Die Bestimmungen über die Säbelmensur sind toter Buchstabe und damit fast nur noch von historischem Interesse. Nicht viel anders ist es in Österreich: Obwohl dem Vernehmen nach in waffenstudentischen Kreisen auch jetzt noch ab und zu «Säbelkisten» steigen, sind auch die wackeren österreichischen Paukhähne sehr viel ruhiger geworden.

Anmerkungen
[1] Kurzfassung des am 9. Oktober 2004 bei der Dreiländer Studentenhistorikertagung Deutschland, Schweiz, Österreich in Wil/St. Gallen gehaltenen und im Jahrbuch 2005 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung «Einst und Jetzt», Seite 71 ff. publizierten Vortrags.