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"Schmisse, Lappen, Knochensplitter" | Teil1
"Schmisse, Lappen, Knochensplitter"[1]

Über das Paukarztwesen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
unter besonderer Berücksichtigung von Heidelberg

Von Dr. jur. Peter Hauser Cisariae

Teil 1:

Auch im Bereich der Medizin gibt es unzählige Kongresse, Seminarien und Fortbildungskurse zu allen möglichen Spezialgebieten, doch von einem Anlass über "Mensurmedizin" ist mir nichts bekannt. An den Universitäten fehlt ein Lehrstuhl für Mensurchirurgie, und auf Praxisschildern sucht man vergeblich nach dem Titel "Facharzt für Mensurmedizin" oder "Paukarzt FMH".[2] Zudem ist meines Wissens auch kein modernes Lehrbuch für den Paukarzt auf dem Markt.

Nicht so im 19. Jahrhundert: Zur Ausbildung und Anleitung der Paukärzte sind damals drei Schriften erschienen, die jedoch auch bei den auf Studentica spezialisierten Antiquariaten nicht mehr aufzutreiben sind. Einzig das allerdings erst 1926 verfasste und im renommierten Wissenschaftsverlag von Julius Springer in Berlin erschienene Werk von Purrucker, "Die Chirurgie des Mensurbodens", ist als Neudruck in jeder guten Buchhandlung erhältlich.[3]

Die drei wesentlich älteren, in der Literatur gelegentlich genannten Schriften habe ich im September 2003 bei einem Besuch der Bibliothek des Instituts für Hochschulkunde in der Universität Würzburg entdeckt. Es handelt sich um folgende Abhandlungen:

F. Immisch, Ueber das "Pauken" und die bei der Behandlung der "Schmisse" eintretenden sowie die schnelle Heilung der Wunden hindernden Störungen, 16 Seiten, Verlag Bangel & Schmitt (Otto Petters), Heidelberg 1885;

F. Eichholz, Der Paukarzt, Anleitung zur Behandlung von Mensurverletzungen, Für Studenten, 26 Seiten, Verlag Carl Doebereiner, Jena 1886 und

O. Vockinger, Chirurgisches Vademecum für den Paukboden, 60 Seiten, Verlag Seitz & Schauer, München 1893.

Von Immisch wird noch ausführlich die Rede sein. Über Dr. Franz Eichholz ist mir nur bekannt, dass er approbierter Arzt in Jena war. Dr. Otto Vockinger wirkte als zugelassener Arzt in München und war möglicherweise[4] AH des Corps Transrhenania München.

Bei der Materialsuche für diesen Aufsatz stiess ich ferner auf zwei kaum bekannte Erfahrungsberichte des Heidelberger Paukarztes Hoffacker, auf den ich weiter hinten nochmals zu sprechen komme. Es sind dies folgende Raritäten:

Wilhelm Hoffacker, Beobachtungen über die Anheilung abgehauener Stücke der Nase und Lippen, in: Heidelberger Klinische Annalen, Verlag Mohr, Heidelberg, Jahrgang 1828, Seite 232 ff., und

Hoffacker, Krankheitsgeschichte eines abgehauenen Nasenstückes, welches 25 Minuten lang vom Körper gänzlich getrennt war, in: Medicinische Annalen, Verlag Mohr, Heidelberg, Jahrgang 1836, Seite 149 ff.[5]

Nachstehend wird versucht, einen Einblick in das Paukarztwesen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu geben. Mediziner mögen bitte Nachsicht üben, dass sich ein Jurist an ein solches Thema wagt.

Schon bei den studentischen Duellen des ausgehenden [18]. und beginnenden 19. Jahrhunderts war vorgeschrieben, dass eine Medizinalperson anwesend sein müsse. So ist etwa im SC-Comment von Halle aus dem Jahre 1799 von "zwei Medizinern" und im SC-Comment von Heidelberg des Jahres 1803 vom "Chirurgen" die Rede. Im Comment von Rostock aus dem Jahr 1813 finden wir einen "Wundarzt" und im Comment des SC von Freiburg im Breisgau von 1818 ist einfach ein "Arzt" erwähnt.[6] In der Regel hatte jede Partei einen Mediziner mitzubringen, wobei es in Heidelberg schon 1818 einen für den ganzen SC arbeitenden Paukarzt gab.[7] Das Wort "Paukarzt" oder "Paukdoktor" - in Österreich "Bader" genannt[8] - finden wir in einem studentischen Wörterbuch erstmals 1831 mit der Definition: "Doctor, der bei einem Skandale erforderlich ist".[9] In früheren Zeiten wirkten bei Mensuren oft nur Kandidaten der Medizin (cand. med.) als Paukärzte. Heute "flicken" fast ausnahmslos nur fertig ausgebildete, zugelassene (approbierte) Ärzte, obwohl z.B. die geltende Paukordnung des Schweizerischen Waffenrings lediglich für Säbelpartien expressis verbis "patentierte Ärzte" verlangt. Fast alle Korporationen verfügen über Alte Herren, die regelmässig als Paukärzte wirken. Bei den Corps sind oftmals so genannte SC-Paukärzte tätig, die für verschiedene Corps arbeiten.[10] Beim Waldpauktag des Corps Silvania Tharandt im Juni 1996 sah ich die Ehefrau eines Alten Herrn der Silvania, eine Gynäkologin, als Paukärztin im Einsatz, die sich liebevoll um das Wohl der Paukanten kümmerte. Es war damals, nur wenige Jahre nach der Wiederaufnahme des Mensurbetriebs in der früheren DDR, schwierig, praktizierende Ärzte zu finden, die mit dem Waffenstudententum vertraut waren.

Es gab Paukärzte, die jahrzehntelang auf dem Mensurboden Gutes taten. Der Tübinger Arzt Dr. med. Dr. rer. nat. h.c. Krauß zum Beispiel war vom Wintersemester 1882/83 an während 55 Jahren Paukarzt des Tübinger SC. Er nähte nahezu jeden Tübinger Corpsstudenten mindestens zweimal pro Semester. Als Honorar erhielt er in den Jahren 1887 bis 1889 im Durchschnitt etwa 1'200 Mark pro Jahr (heute ca. 30'000 Franken oder 20'000 Euro).[11] Bei den Corps von Clausthal wirkte während mehr als 30 Jahren Sanitätsrat Dr. Wegener als Paukarzt, dessen teils lobende, teils spöttelnde Art, den Paukanten seine Meinung über die Mensur kund zu tun, berühmt-berüchtigt gewesen sein soll.[12] Über die Verhältnisse in Heidelberg, wo u.a. der legendäre Friedrich Immisch als Paukarzt fungierte, wird weiter hinten ausführlich berichtet.

Auch der berühmte Chirurg Ernst Ferdinand Sauerbruch (1875-1951), der zuerst bei einer Marburger Landsmannschaft und später in Jena bei der Turnerschaft Borussia aktiv war, betätigte sich als Student in höheren Semestern als Paukarzt. Aber auch später hatte er offenbar mit Mensurfällen zu tun. So beschreibt er in seinen Erinnerungen "Das war mein Leben", wie er eine sehr schwere Mensurverletzung, die zu einer "Klinik-Abfuhr" führte, behandelte. Bei einer Säbelpartie war einem Paukanten die Brustwand durch einen Hieb gespalten worden, der zwischen den Rippen verlief. Die Lunge war zum Glück nicht verletzt, aber es entwickelten sich bedrohlich alle Anzeichen eines offenen Pneumothorax. Der Paukarzt wurde der Verletzung nicht Herr, und der Patient musste in die Klinik, in der Sauerbruch arbeitete, gebracht werden. Dank Sauerbruchs Operationskunst konnte der Patient die Klinik bereits acht Tage später bei bester Gesundheit verlassen. Zurück blieb nur, wie Sauerbruch feststellt, "ein sehr bemerkenswerter Renommierschmiss auf der Brust"[13], ein so genannter "Ehebettrenommierer".[14]

Bild 1: Sauerbruch als Paukarzt in Jena, um 1900 (rechts vom Sekundanten mit Mütze und Schürze)


In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liess man die Paukanten nicht sehr lange stehen. Es galt der Grundsatz "Hat ein Schmiss gesessen ist der Tusch vergessen."[15] Allerdings gab es ausser den heute üblichen Schmissen auf den Kopf, auf die Wange und am Ohr auch bei Schlägerpartien solche am Bein, in die Hand auf den Oberarm, auf die Schulter, in den Rücken und häufig auf die Brust. Gefährdet waren, da noch ohne Paukbrille gefochten wurde, auch die Augen. Der Grund waren die im Vergleich zu später mangelhaften Bandagen und vor allem die bewegliche Fechtweise. Hierbei wurden vor Beginn der Partie eine Mensur, d.h. zwei Begrenzungsstriche hinter den Paukanten, gezogen, innerhalb welcher sie sich frei bewegen durften.[16]

Die Beendigung der Partie nach dem ersten oder zweiten "Anschiss"[17], d.h. nach einer blutenden, einen Zoll langen und durch drei Häute gehenden Verletzung, war auch deshalb angezeigt, weil sich die ärztliche Behandlung auf ziemlich niedriger Stufe befand. Die Mensurwunden wurden fortwährend mit Wasser ausgewaschen und notdürftig mit Seide zugenäht oder mit Heftpflaster beklebt. Als Verband benutzte man saubere Taschentücher, von denen jeder Paukant einige mitzubringen hatte.18 Eine der ältesten Schilderungen des Flickens bezieht sich auf Halle und das Jahr 1829:

"Schnabel drehte sich ? sein Gesicht war unkenntlich, die Hälfte der Nase, der untere Theil der linken Wange und die Oberlippe hingen blutend über dem Mund, fast bis an das Kinn. Mit Wohlgefallen betrachtete der Fleischschneider Alauda den repektablen "Schmiß", wusch ihn aus, unterband mehrere kleinere, durchhauene Gefäße, paßte die Theile zusammen und holte Nadel und Faden aus dem Besteck hervor. Fast eine Stunde sass der arme Schnabel, dem ganz erbärmlich zu Muthe war, und "käseweiß" unter den Händen des Arztes ..."[19]

Das Eitern selbst unbedeutender Schmisse war die Regel.[20] Eine anschauliche Schilderung über die Nachwehen bei Schmissen um 1850 besitzen wir für Hannover, wo Dr. Klingenberg Saxoniae Göttingen nicht nur Paukarzt war, sondern häufig auch als Unparteiischer amtete:

"Das antiseptische Verfahren der Neuzeit war damals noch unentdeckt; die weise Bestimmung des Paukkomments, dass die Schläger nicht unter Benutzung von Spucke auf dem Schleifstein nachgezogen werden durften, genügte nicht vollständig zum Schutze gegen Entzündungen. Mehrere Tage Betthaft, Berge von Eiskompressen, herangeschleppt und aufgelegt von den Füchsen, die Tag und Nacht als Krankenpfleger tätig waren und durch Kneipen, Rauchen und Kartenspiel sich die Zeit angenehm zu kürzen suchten, ohne dadurch wesentlich zur Gesundung des Patienten und Heilung der Wunden beizutragen, waren die Folgen einer Abfuhr."[21]

Ähnlich blumig wird die studentisch "Im-Korbe-Liegen"[22] genannte Bettlägerigkeit nach der Mensur für Stuttgart geschildert:

"Trotzdem die Besucher sich der anstrengenden Tätigkeit der Erneuerung und des Auflegens des Eisbeutels hingaben, um Eiterungen zu verhüten, unterliessen sie es doch nicht, zugleich auch ihr eigenes Leiden, den alten Studentendurst, zu behandeln und fühlten sich jedenfalls wohler als der Pflegling. Aber dafür konnte es ja das nächste Mal umgekehrt sein."[23]

Im SC zu München waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts Paukanten mit Schmissen, deren Heilung eine Kompresse oder einen Verband benötigte, verpflichtet, im "Korbe zu liegen" oder wenigstens zu Hause zu bleiben, denn ein Student durfte damit nicht auf die Strasse oder in öffentliche Lokale, wollte er nicht der Polizei in die Hände fallen[24]. Auch vom Schriftsteller Ludwig Thoma wissen wir aus einem Brief vom 11. Februar 1888, dass er als Münchner Schwabe nach einer Partie wegen mehrerer Schmisse und einer Sehnenscheidenentzündung der rechten Hand lange Zeit "im Korbe liegen" musste.[25]

Bild 2: "Im Korbe", Bonn um 1900


Eine wesentliche Besserung der Wundbehandlung führte der bereits erwähnte Dr. Klingenberg 1858 in Hannover durch Anwendung von Kollodium ein.[26] Kleine Blutige wurden 1863 durch Auflegen eines Schwamms behandelt.[27] Anfangs der 1860er Jahre hatte sich die 1857 in Heidelberg von F. Immisch erfundene Paukbrille überall durchgesetzt. Ohne Paukbrille stiegen nur noch schwere Säbelpartien ("Säbel sine-sine"). Wenn auf späteren Bildern von Schlägermensuren die Brille fehlt, dann nur aus ästhetischen Gründen und um die Paukanten leichter identifizieren zu können. Ca. 1870 wurde die Anwendung von Karbol[28] üblich und 1881 hören wir, es sei in Karlsruhe die Kompresse eingeführt worden. Das bis dahin trotz antiseptischer Behandlung vielfach vorkommende Eitern der Schmisse ("verbutterte Schmisse") und die noch unangenehmere Kopfrose[29] hörten fast ganz auf und damit auch das mit Aufwand vielen Alkohols mehr zur Freude der Ausübenden als der Leidenden corpsbrüderlich durchgeführte Kühlen der Wunden durch Auflegen von Eisbeuteln.[30] In den 1890er Jahren, als die Asepsis vollkommen eingeführt war, trat an die Stelle von Karbol "Sublimat"[31] oder man bestreute Wunden mit Jodoform.[32] Etwa zur gleichen Zeit kamen "Hefter" auf, eine Art Klammer, mit der die Wundränder zusammengeheftet wurden.[33] Kopfverbände ("Wickelköpfe") wurden beim Ausgehen mit Mensur- oder Paukmützen bzw. Paukhauben aus schwarzem Stoff bedeckt, die aber wegen der Gefahr des Auslaufens der Farbe im Regen nicht ungefährlich waren (Todesfall 1908) und deshalb abgeschafft wurden.[34]

Aber nicht nur die Fortschritte bei der Wundbehandlung und die Verbesserung der Bandagen führten ab etwa 1870 zu blutigeren Mensuren.[35] Früher war man der Ansicht, dass es bei der Mensur vor allem darauf ankomme. die Hiebe des Gegners zu parieren und diesen durch feines, kunstgerechtes Fechten zu verwunden, womöglich "abzustechen"[36]. Man hielt den Gegner und jede seiner Bewegungen im Auge, man zog Hiebe an, schlug Finten, trat zur Seite und nach vorn, kurz es galten alle Listen und Künste. Bis gegen 1880 verschwand der letzte Rest der Beweglichkeit aus der Mensur. Ohne Rücksicht auf das Parieren und etwaige Blössen, die man sich dabei gab, schlug man rasch hintereinander und möglichst kräftig seine eingeübte Hiebfolge ("Dessin"). Jeder Hieb musste erwidert werden, und wer es nicht tat, dessen Mensur wurde als ungenügend qualifiziert. Und vor allem hatte der Paukant ohne mit der Wimper zu zucken seinen Kopf der Klinge des Gegners auszusetzen.[37] Es wird angenommen, diese ungute Entwicklung des studentischen Fechtens sei auch eine Folge der Kriege gegen Österreich von 1866 und gegen Frankreich anno 1870/71. Den zahlreichen aus dem Krieg heimgekehrten korporierten Studenten kam eine Schlägermensur im Vergleich zu den im Kampf erlebten Gefahren wie eine Spielerei vor.[38] Es nahm nicht nur die Zahl schwerer Forderungen zu, sondern das Fechten wurde generell forscher und damit auch "blutiger".[39] Man wollte sich nicht nur im Draufgängertum, sondern auch im Ertragen von Wunden "schneidig" zeigen und lieber eine Abfuhr einstecken, als den Anschein des Kneifens oder Lauerns erwecken, gerade so, wie nach damaliger Auffassung und noch 1914 der Offizier ungern Deckung nahm.[40] Nicht nur bei persönlichen Kontrahagen, Chargenforderungen und Pro-Patria-Suiten, sondern auch bei Bestimmungspartien mussten die Paukanten fast bis zum Umfallen stehen. Das "ob fest und tapfer du wirst stehen"[41] wurde zum Hauptkriterium der Mensurbeurteilung.

Während heutzutage Gesichtsschmisse nicht mehr sehr häufig sind, waren sie einstmals die Regel. Nicht nur die früher weniger enge Mensur, sondern auch die Einstellung der Paukanten begünstigte Backenschmisse. Denn ein Durchzieher oder mehrere parallel verlaufende Wangenschmisse (auch "SC-Bahnhof" oder "Rangierbahnhof" genannt) galten über das Wilhelminische Zeitalter hinaus als chic und angeblich mitgiftfördernd[42]. Keinen Schmiss im Gesicht zu haben, empfanden gewisse Waffenstudenten jener Zeit als Makel. So lässt 1902 ein Karrikaturist in der satirischen Zeitschrift "Simplicissimus" einen endgültig durchs Examen gerasselten Studenten resigniert sagen: "Hätt' ich doch wenigstens n'en anständigen Durchzieher in der Fresse! Wenn ich jetzt Weinreisender werde, merkt mir kein Mensch meine akademische Bildung an."[43]

Bild 3: Beim Flicken, Bonn um 1900


Es gab auch Akademiker, die nicht gefochten hatten und die sich, um Dritten ihre vermeintliche Männlichkeit zu beweisen, künstliche Schmisse setzen liessen. Das ergibt sich unter anderem aus einer Zeitungsannonce von 1912, gemäss welcher für 25 bis 30 Mark "von Mediziner Mensurnarben auf chirurgischem Wege garantiert schmerzlos gemacht werden, selbstverständlich völlig gefahrlos". Ein ebenso verwerflicher Auswuchs war das so genannte "Schmisseziehen". Harmlose, wenig tiefe Gesichtsschmisse, die ohne sichtbare Narben abgeheilt wären, wurden durch Ziehen und andere Manipulationen verbreitert. Ferner gab es das "Präpapieren" der Schmisse mit Jod, Senf, Pfeffer, Essig oder verdünnter Säure.[44] All das wurde, wenn es auskam, verbindungsintern streng bestraft.

Niemals hätte sich ein seriöser Arzt oder gar Paukarzt für solchen Unfug hergegeben. Denn schon immer war der Paukdoktor eine Vertrauensperson und seine Aussagen gingen auf Ehrenwort. Daran hat sich nichts geändert. Sein Entscheid, ob weitergefochten werden kann oder ob abgeführt[45] werden soll, ist heute bindend.[46] Der Paukdoktor hat das Recht und die Pflicht, jederzeit von sich aus oder nach Aufforderung durch den Unparteiischen oder die Sekundanten "nachzusehen", ob die Partie fortgesetzt werden kann. Verboten ist aber auch ihm während der Mensur das sog. Komprimieren, d.h. das Stillen des fliessenden Blutes durch Druck. Erlaubt ist nur das Betupfen der Wunden. Das war vor 1850 anders: Schmisse durften während der Mensur behandelt, ja sogar genäht werden.[47]

Bild 4: "Paukarzt bitte nachsehen!", München um 1910


Über die Art der Mensurwunden lesen wir in einer medizinischen Dissertation aus dem Jahre 1936 was folgt:[48]

"In der Hauptsache kommen bei der Mensur fast immer scharfe Hiebwunden vor, die durch die glatten Wundränder und ihre starke Blutung gute Aussichten zur primären Heilung bieten. Die häufigsten Mensurverletzungen sind die Kopfschwartenschmisse, die, nachdem die Arterienblutung durch einfache und sicher wirkende Umstechung grösserer Gefässe am Ort der Wahl gestillt ist, dann meist durch eine einfache Kopfnaht geschlossen werden. Vom Paukarzt besonders sorgfältig behandelt werden müssen Lappen, Substanzverlust und Knochensplitter. Durch die gerne geschlagene Aussenquart wird der Schädel meist in der Gegend der Schläfe getroffen, wobei oft die Temporalis, jene grosse Schläfenarterie, durchschlagen wird. Neben der Kopfschwartenwunde kommt dann als häufigster Gesichtsschmiss die Wangenverletzung, der Klappenhieb in Frage. Sehr unangenehme Folgen dieser Klappenschmisse sind Parotisfisteln, Verletzungen des Drüsenkörpers der Parotis[49] und die Facialislähmung[50]. Glücklicherweise aber sehen wir diese komplizierenden Verletzungen nur sehr selten; sie sind fast immer heilbar. Schmisse an Nase, Ohren und Lippen sind immer unangenehme und äusserst schmerzhafte Verletzungen, die bei dem Flickarzt, in Bezug auf genaues, anatomisch richtiges Aneinanderlegen der Wundränder, grosses Können, eine sichere Hand und Erfahrung voraussetzen. Was Gebissschädigungen durch Mensurverletzungen anbetrifft, so hat Ritter[51] in einer Statistik, die er bei den 66 Burschenschaften anstellte, ermittelt, dass auf 29'940 Partien 98 Gebissschädigungen entfallen, das sind 0,47%. Dieser Prozentsatz ist somit sehr gering."

Heraus- oder lockergeschlagene Zähne und Verdacht auf Unterkieferbruch sind laut Purrucker[52] Sache des Facharztes, der den Patienten gleich nach der Wundversorgung untersuchen sollte. Interessant ist auch, was dieser Autor zu den Verletzungen bei Säbelmensuren sagt. Nach ihm unterscheiden sich die Säbelverletzungen des Kopfes von denen der Schlägerpartie nur insofern, als sie häufiger und schwerer seien. Eigentümlich für Säbelmensuren seien dagegen Brust- und Armhiebe. Die grosse Wunde eines "Bruststreichers", die selbstverständlich zur Abfuhr genüge, werde grundsätzlich genau so versorgt wie ein Klappenschmiss: Abklemmen der blutenden Gefässe, Unterbindung, schichtweise Muskelnaht in Abständen von 11/2 bis 2 mm mit Catgut[53] und grosser Nadel, sorgfältige Hautnaht. Verletzungen der Rippen seien selten und bräuchten keine besondere Behandlung.[54] Über die Armwunden äussert sich Purrucker wie folgt:[55]

"Schwieriger ist die Versorgung der Armhiebe. Der gespannte Muskel, der durch den Hieb mehr oder weniger getrennt wird, schnellt nach beiden Seiten zurück und lässt die Wunde weit klaffen, was übertrieben gefährlich aussieht. Oft merkt der Paukant kaum die Verletzung; wenn darin nicht ein grösseres Gefäss spritzt, kann man ihn ruhig weiterfechten lassen. Ist er jedoch in der Führung des Säbels behindert, dann muss sofort abgeführt werden. Vor dem Flicken ist bei jedem Armhieb die nervöse Funktion der Hand zu prüfen: wenn Faustschluss, Fingerstrecken und Fingerspreizen zwar behindert, aber ausführbar sind, dann ist mit Sicherheit keiner der drei wichtigsten Nerven des Vorderarmes verletzt, es wird sich also im wesentlichen um Muskel- und Sehnenwunden handeln. Fällt eine dieser wichtigen Funktionen aus, so muss sofortige Kliniküberführung[56] zur Nervennaht angeordnet werden."

Nach diesen allgemeinen, grösstenteils heute noch geltenden Ausführungen über die Art der Mensurverletzungen wollen wir wieder in die Frühzeit des Flickens bei Mensuren zurückkehren und uns den studentenhistorisch auch bezüglich des Paukarztwesens besonders ergiebigen Verhältnissen in Heidelberg zuwenden.

Von 1818 bis Ende 1821 wirkte in Heidelberg wohl als erster SC-Paukarzt überhaupt Ludwig Leo, der am 8. Oktober 1821 die Doktorprüfung ablegte und nach Mainz übersiedelte, wo er blieb und 1860 starb. Leo war in den höheren Semestern Assistent beim berühmten Heidelberger Chirurgen und Augenarzt Maximilian Joseph (von) Chelius (1794-1876),[57] der 1810 das Corps Suevia Heidelberg mitgestiftet hatte.

Auf Dr. Leo folgte von 1822 bis 1844 mit einem zu gleichen Teilen von den Corps und Burschenschaften bezahlten Semestergehalt von ansehnlichen 1'200 Gulden der Wundarzt Wilhelm Hoffacker,[59] der angeblich bei 20'000 Partien59 geflickt haben soll. Seine Erfahrungen bei der Behandlung von Mensurwunden, insbesondere über die Wiederanheilung abgehauener Nasen- und Lippenstücke, hat er 1828 und 1836 in den vorne erwähnten zwei Abhandlungen, die in anerkannten Fachzeitschriften erschienen, beschrieben. Nasenschmisse kamen seinerzeit wegen der weiten Mensur oft vor. Das damals in Heidelberg geltende und heute noch im § 5 des Kieler Paukkomments von 1982[60] verankerte Verbot, Hunde (und Pennäler) ins Pauklokal mitzunehmen, wurde darauf zurückgeführt, dass eine Dogge die abgehauene Nasenspitze ihres Herrn bei solcher Gelegenheit eiligst aufgeschnappt und mit besonderem Appetit verzehrt habe.[61] Dr. Hoffacker scheint an dem Treiben der Brüder Studio fröhlichen Anteil genommen zu haben. Das ergibt sich jedenfalls aus einem Kommersbild von 1828, wo er mit seinen bezechten Kumpanen auf dem Tisch steht.[62] Er war gemäss einer Schilderung aus dem Jahre 1835 aber auch ein guter Paukarzt:

"Fiel ein Hieb, so war der im Nähen und Unterbinden durch Uebung unvergleichlich geschickte Paukdoktor da, der die Wunde prächtig zusammenflickte und kaum eine Narbe sichtbar werden liess."[63]

Von 1845 bis Oktober 1849 wirkte zu Heidelberg Dr. Gallus Meyer als Paukarzt, dessen Anregung der Terzbügel am Schlägerkorb zu verdanken ist, durch welchen Hiebe in das Handgelenk ausgeschlossen werden.[64] Meyer war an der Revolution von 1848 beteiligt und musste vor den anrückenden preussischen Ordnungstruppen nach Amerika flüchten, so dass er der in contumaciam ausgesprochenen Todesstrafe entging. Meyer wird auch im Roman "Die Saxoborussen"[65] erwähnt:

"Nach kurzer Zeit trat der sogenannte Paukdoktor, Gallus Meier, in das Vorzimmer ein, aus dessen Wagen der Hausknecht der Hirschgasse ein grosses Paket herauftrug. Der Doktor Gallus Meier war ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit stark geröthetem, scharf geschnittenen Gesicht, dessen untere Hälfte durch einen starken dunklen Vollbart verdeckt war und aus welchem stechende schwarze Augen hinter einer runden Brille scharf und durchdringend hervorblickten. Er war ein geschickter Mediziner, dessen unruhiges Wesen ihn aber nicht zu einer festen Praxis hatte gelangen lassen; sein ungeregeltes Leben und seine bei jeder Gelegenheit laut kundgegebenen roth-demokratischen Gesinnungen hatten ihm seine Stellung unter seinen Kollegen und in der besseren Gesellschaft der Stadt verdorben, sein jovial burschikoses Wesen aber und besonders seine ausserordentliche Geschicklichkeit in der chirurgischen Wundbehandlung erhielten ihm die Gunst der Studenten und die einträgliche Stellung als Paukdoktor, welche ihm erlaubte, auf jede andere Praxis zu verzichten. Der Doktor öffnete sein Paket, nahm daraus grosse Stücke von altem, weichem Leinen in den verschiedensten Formen, Charpie[66] und ein grosses Etui mit Messern, Scheren und Fleischnadeln hervor; er breitete Alles auf einem Tische aus, indem er sorgfältig die Beschaffenheit jeden Stückes Leinen und die Schärfe der Messer prüfte, wobei er ebenso wie der rothe Schiffer[67] sich mit mehreren Schoppen vortrefflichen Affenthalers stärkte."

Der berühmteste Paukarzt aller Zeiten und weit über Heidelberg hinaus bekannt war sicher Friedrich Immisch.[68] In der sächsischen Stadt Zwickau am 27. April 1826 geboren, begann er Mitte der 1840er Jahre in Jena das Studium der Medizin und schloss sich dem Corps Guestphalia als Conkneipant an. Schon früh betätigte er sich im Jenenser SC als Paukarzt und sah darin bald seine Hauptaufgabe. Nachdem ihm die Guestphalia für seine Verdienste 1849[69] das Band verliehen hatte ging er nach Heidelberg, um dort seine Studien zu vollenden. Dazu kam es aber nicht. Der Heidelberger SC suchte gerade einen neuen Paukarzt, und Immisch liess sich ohne Examen als hauptamtlicher Paukdoktor anstellen. Vom 16. Oktober 1849 an hat er während 36 Jahren bei den damals fünf Corps[70] und zwei Burschenschaften[71] Heidelbergs über 12'000 Mensuren medizinisch betreut.

Um dem Leser eine Vorstellung von der Zahl der Schlägerpartien und deren Ausgang in früheren Zeiten zu geben, seien einige Zahlen aus Heidelberg[72] genannt, wo in der "Hirschgasse" während des Semesters an drei bis vier Tagen in der Woche gefochten wurde:

Semester Anzahl Zahl der Mensuren Abfuhren
  Studenten Corps (C)
  (inkl. Wilde) Burschenschaft (B)

SS 1865 764 C 137, B 31 C 15, B   3
SS 1870 822 C 126, B 37 C 33, B   4
SS 1875 725 C 136, B 34 C 46, B   5
SS 1880 809 C   84, B 11 C 47, B   5
SS 1890 1089 C 165, B 27 C 60, B 15
SS 1900 1553 C 117, B 67 C 60, B 44
SS 1905 1783 C 216, B 82 C 72, B 35
SS 1909 2171 C 105, B 75 C 55, B 28



Die Fortsetzung befindet sich hier


Anmerkungen
[1] Schmiss ist der seit Mitte des 19. Jahrhunderts übliche Ausdruck für eine frische oder vernarbte Mensurwunde. Das Wort kommt von "schmeissen" im Sinne von "einen schwungvollen Hieb führen". Wir finden es im studentischen Bereich schon bei August von Schlumb (recte August Jäger), Felix Schnabels Universitätsjahre oder Der deutsche Student, Stuttgart 1835, Nachdruck im Verlag für Sammler, Graz 1972, Seite 272. Ein Lappen ist ein Schmiss in Form eines nicht mehr oder nur noch teilweise an der Kopfhaut haftenden Hautlappens als Folge eines schräg treffenden Hiebes, z.B. einer Hakenquart. Unter einem Knochensplitter verstehen wir ein Knochenpartikel, das aus der Schädeldecke geschlagen wurde. Begründet oft das Recht, auf Mensur über der verletzten Stelle stets ein Leder ("Lebensleder") zu tragen.zurück

[2] Für deutsche und österreichische Leser: FMH = Foederatio Medicorum Helveticorum (Vereinigung schweizerischer Fachärzte).zurück

[3] Purrucker Konrad, Die Chirurgie des Mensurbodens, Bochum 1926, 80 Seiten, 6 Abbildungen, Neudruck im WJK-Verlag, D-40724 Hilden, 2001, ISBN 3-933892-31-7.zurück

[4] Kösener Corpslisten 1960, 115, Nr. 73: Vockinger Otto, rez. 1885, Dr., Arzt, Schaidt, Pfalz, gest. 10.10.1915. Gemäss freundlicher Mitteilung von Herrn Paul Peter Riedl Transrhenaniae kommt Otto Vockinger aufgrund seines Alters und des nicht sehr häufigen Namens als Autor durchaus in Frage, jedoch findet sich im Archiv der Transrhenania kein Hinweis.zurück

[5] Die Bibliotheksleiterin des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg, Frau Dipl. Bibl. Alexandra Veith, hat mir in höchst verdankenswerter Weise Fotokopien der beiden Abhandlungen zugestellt. Die Zeitschrift "Heidelberger Klinischen Annalen" erschien von 1825 bis 1834, die Nachfolgepublikation "Medicinische Annalen" von 1835 bis 1848.zurück

[6] Siehe Bauer Erich, Die ältesten SC Comments, in: Einst und Jetzt, Sonderheft 1967 des Jahrbuchs des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung.zurück

[7] In München wurde der "ständige" Paukarzt für den SC im Wintersemester 1842/43 auf Betreiben Franconias eingeführt; siehe Goebel Karl, Franconia München 1836-1896, München 1985, Seite 43.zurück

[8] 1997 hörte ich in Leoben bei der Annoncierung einer Mensur zwischen Corps die Formulierung "es badert Dr. NN". Die Bader stammten ursprünglich aus der Zunft der "Balneatoren", die im Mittelalter in ihren Badestuben ausser dem Rasieren, Haareschneiden, Schröpfen, Aderlassen auch äussere Verletzungen versorgten. Wie die Bader durften auch die Barbiere (Balbiere) die gleichen Verrichtungen ausüben und frische Wunden behandeln. Sie zählten wie die Wundärzte zu den nichtakademischen, handwerklichen Heilberufen.zurück

[9] von Ragotzky C.B., Der flotte Bursch oder Neueste durchaus vollständige Sammlung von sämmtlichen jetzt gebräuchlichen burschicosen Redensarten und Wörtern, Leipzig 1831, Seite 62. Ein anderer, etwas despektierlicher Ausdruck für Paukarzt ist "Schmisspflasterer" (Vollmann, Burschicoses Wörterbuch, 1846).zurück

[10] Zur Aktivzeit des Verfassers in München 1966/67 war es der hochgeachtete, vor wenigen Jahren verstorbene Facharzt für plastische Chirurgie Dr. med. Horst Eckert Palatiae, der von 1961 bis 1970 SC-Paukarzt und später Philistervorsitzender seines Corps war.zurück

[11] Biastoch Martin, Duell und Mensur im Kaiserreich am Beispiel der Tübinger Corps Franconia, Rhenania, Suevia und Borussia zwischen 1871 und 1895, Vierow 1995, Seite 34 mit Bild von Dr. Krauss auf Seite 35; derselbe, Bestimmungsmensuren, pro patria-Suiten und Zweikämpfe im Tübinger SC zwischen 1880 und 1890, in: Einst und Jetzt, Jahrbuch 1990 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Seite 23 mit Bild von Dr. Krauss.zurück

[12] Schüler Hans, Weinheimer SC Chronik, Darmstadt 1927, Seite 615.zurück

[13] Kays Heinz Kurt, O goldne Academia, Korporationsstudenten in der Literatur, in: Historia Academica, Band 35/1996, Seite 160 ff.zurück

[14] In Wien (auch anderswo?) gebräuchlicher Ausdruck für einen Säbelhieb über die ganze Brustseite; vgl. Des Burschen Herrlichkeit, Geschichte und Gegenwart der studentischen Korporationen, in: Historica Academica Band 36/1998, Seite 452.zurück

[15] Aus dem vor 1845 gedichteten Lied "S'gibt kein schöner Leben als Studentenleben", Strophe 3.zurück

[16] Goebel (Anm. 7), Seite 42.zurück

[17] Das Wort "anscheissen" für jemandem beim Duell einen Hieb oder Stich versetzen finden wir bereits im Studenten-Lexikon von C.W. Kindleben aus dem Jahre 1781.zurück

[18] Goebel (Anm. 7), Seite 122.zurück

[19] Felix Schnabels Universitätsjahre (Anm. 1), Seite 272 f.; Schnabel (recte Jäger) war im Sommersemester 1829 an der Universität von Halle immatrikuliert und beim Corps Marchia aktiv.zurück

[20] Schüler (Anm. 12), Seite 214 für Karlsruhe.zurück

[21] Schüler (Anm. 12), Seite 314.zurück

[22] Die Wendung "im Korb liegen" findet sich bereits 1846 im Burschicosen Wörterbuch von Vollmann.zurück

[23] Schüler (Anm. 12), Seite 370.zurück

[24] Schüler (Anm. 12), Seite 652.zurück

[25] Paschke Robert, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 159: Gottwald Wolfgang, Der Corpsstudent Ludwig Thoma, in: Einst und Jetzt, Jahrbuch 1983 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Seiten 148 und 150. zurück

[26] Zähflüssige Lösung von Nitrozellulose in Äther und Alkohol zum Verschluss kleiner Wunden.zurück

[27] Schüler (Anm. 12), Seite 314.zurück

[28] Desinfizierendes, braunrotes, wasserunlösliches Gemisch aus Steinkohlenteerprodukten. Weil fäulnishemmend auch als Holzschutzmittel (Karbolineum) angewendet. In den 1830er Jahren entwickelt und 1865 vom geistigen Vater der Antisepsis, dem englischen Chirurgen Joseph Lister, erstmals angewendet; vgl. Glaser Hugo, Aufstieg der Heilkunde, Zürich 1958, Seite 39 f.zurück

[29] Kopfrose = Wundrose (Wunderysipel) am Kopf, eine ansteckende Entzündung der Haut und des Unterhautgewebes.zurück

[30] Schüler (Anm. 12), Seite 239.zurück

[31] Nach Roche Lexikon Medizin (veralteter) Ausdruck für die Verbindung Hydrargyrum bichloratum (corrosivum) = Quecksilber (II)-chlorid = HgCl2. Das toxische Sublimat wurde früher therapeutisch als äusserliches (!) Antisepticum (rosa zu färben!) verwendet.zurück

[32] Schüler (Anm. 12), Seite 261; Jodoform ist die dem Chloroform entsprechende Jodverbindung, eine durchdringend riechende, gelbe kristalline Substanz, die früher als Antiseptikum bei der Wundbehandlung verwendet wurde.zurück

[33] Paschke (Anm. 25), Seite 132.zurück

[34] Helfer Christian, Kösener Brauch und Sitte, ein corpsstudentisches Wörterbuch, 2. Auflage, Saarbrücken 1991, Seite 146; Paukmützen sieht man heute noch ab und zu in Österreich.zurück

[35] Fabricius Wilhelm, Die deutschen Corps, 2. Auflage Frankfurt 1926, Seite 449; Bauer Erich, Entwicklung der Tübinger Mensur 1808-1890, in: Einst und Jetzt, Jahrbuch 1982 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Seite 24.zurück

[36] Das Wort "abstechen" stammt aus der Zeit des studentischen Duells mit einer Stichwaffe, dem Stossdegen ("Pariser"), das allgemein etwa 1840 abgeschafft wurde. Nur Theologen, die wegen Gesichtsschmissen später im Amt Schwierigkeiten befürchteten, gingen in Erlangen, Würzburg, München und Jena auch nachher noch auf Pariser los und nahmen statt der meist harmlosen Hiebwunden gefährliche Stichverletzungen wie z.B. in die Lungengegend ("Lungenfuchser") in Kauf. zurück

[37] Schulze Friedrich/Ssymank Paul, Das deutsche Studententum von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, 4. Auflage, München 1931, Seite 442 f.zurück

[38] Chronik der Hirschgasse, Verlag Otto Petters, Heidelberg 1910, Seite 68.zurück

[39] Bauer, Tübinger Mensur (Anm. 35), Seite 24 f.zurück

[40] Schüler (Anm. 12), Seite 72.zurück

[41] Strophe 4 des Liedes "Student sein, wenn die Veilchen blühen...".zurück

[42] Studier Manfred, Der Corpsstudent als Idealbild der Wilhelminischen Ära, Schernfeld 1990, S. 74.zurück

[43] Zitiert nach Schulze/Ssymank (Anm. 37), Seite 435.zurück

[44] Paschke (Anm. 25), Seite 236, Studier (Anm. 42), Seite 74; ferner Purrucker (Anm. 3), Seite 71, der sich vehement gegen das nicht nur törichte, sondern wegen der Infektionsgefahr auch nicht ungefährliche "Schmisspräparieren" wendet.zurück

[45] Das Wort "Abführen" kommt daher, dass der durch die Verwundung geschwächte Paukant einst vom Sekundanten am Arm gestützt und abgeführt wurde.zurück

[46] Ältere Comments, wie etwa der Paukcomment der Schweizerischen Akademischen Turnerschaft von 1910, § 108, erlaubten noch das Weiterfechten auf eigene Verantwortung.zurück

[47] Schüler (Anm. 12), Seite 501 für Freiberg/Sachsen.zurück

[48] Schüllenbach Ernst, Die Gefährdung der Gesundheit durch die studentische Mensur im Vergleich zu anderen Sportarten, Dissertation Münster/Düsseldorf, 1936, Seite 8. Der Autor betrachtet die Mensurverletzungen in der Regel als "ungefährlich und die Gesundheit nicht wesentlich gefährdend".

Mit Mensurverletzungen befassen sich auch folgende medizinische Dissertationen: Engelbrecht Richard, Mensurverletzungen der Nase, Würzburg 1934; Nolting Hans von, Über Mensurverletzungen der Kiefer und Zähne, Marburg 1940; Stutz Adolf, Mensurverletzungen, Marburg 1938.
Neben zahlreichen straf- gibt es auch einige haftpflichtrechtliche Doktorarbeiten zum Thema wie z.B. Blüthgen Fritz, Schadenersatzansprüche aus Verletzungen in studentischen Schlägermensuren, Jena 1905; Alten Ernst von, Die zivilrechtlichen Ansprüche aus durch Zweikampf entstandenen Verletzungen, Rostock 1911.
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[49] Ohrspeicheldrüse, grösste Mundspeicheldrüse.zurück

[50] Lähmung des Nervus facialis = Gesichtslähmung.zurück

[51] Ritter Reinhold, Gebissschädigungen durch Mensurverletzungen, Dissertation Breslau 1928, Seite 4. Ritter hat als Burschenschafter einschlägige Erfahrung, durchschlug ihm doch ein "äusserst kräftiger, unparierter Durchzieher die linke Wange und Unterlippe und beschädigte elf Zähne. (...) Den Hieb hatte ich nicht gespürt, erst die im Munde liegenden Frakturstücke liessen mich den Verlust merken" (a.a.O., Seite 7).zurück

[52] Purrucker (Anm. 3), Seite 59.zurück

[53] Chirurgischer Nähfaden, früher aus Schafdarm, heute synthetisch hergestellt, der während der Wundheilung vom Körper abgebaut wird und sich auflöst.zurück

[54] Purrucker (Anm. 3), Seite 60.zurück

[55] Purrucker (Anm. 3), Seite 61 f.zurück

[56] Allgemein ist aber Purrucker kein Freund der Kliniküberführung: "....einmal, weil der Laie darin immer einen Beweis für die Lebensgefahr der Mensur sieht, besonders aber, weil jede Klinikbehandlung die grosse Infektionsgefahr des Transportes und oft erhebliche Kosten mit sich bringt" (a.a.O., Seite 58).zurück

[57] Chronik der Hirschgasse (Anm. 38), Seite 31; Graebke Hans Dietrich, Der Heidelberger Seniorenconvent (SC) vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute, in: Weiland Bursch zu Heidelberg..., Festschrift der Heidelberger Korporationen zur 600-Jahr-Feier der Ruperto Carola, Heidelberg 1986, Seite 21 und 24 mit einem Mensurbild von ca. 1820, auf welchem Paukarzt Dr. Leo mit Mantel und Hut abgebildet ist. Laut Graebke war Leo Mitglied des Corps Hassia Heidelberg, während er in der Chronik der Hirschgasse als Rhenane bezeichnet wird. Möglicherweise war er zuerst Hesse und später Rheinländer, denn aus der im Juli 1818 gestifteten Hassia ging im November 1820 eine Rhenania hervor; vgl. Assmann Rainer, Constitutionen der Corps und ihrer Vorläufer 1810-1820, in: Einst und Jetzt, Sonderheft 1983 des Jahrbuches für corpsstudentische Geschichtsforschung, Seite 127. zurück

[58] In der Literatur wird er auch Dr. Hoffacker genannt. In seinen eigenen Publikationen verwendet er jedoch keinen Doktortitel, sondern nennt sich "ausübender Wundarzt" oder einfach "Herr Hoffacker". Wundärzte gehörten wie die Bader und Barbiere (siehe vorne Anm. 8) zu den nichtakademischen, sondern handwerklichen Heilberufen. Wäre Hoffacker zum Führen des medizinischen Doktortitels berechtigt gewesen, hätte er das gewiss getan, um sich von den Wundärzten abzuheben.zurück

[59] Kussmaul Adolf (ex Sueviae Heidelberg, rez. 1841, später B! Allemannia), Jugenderinnerungen eines alten Arztes, Stuttgart 1899, Seite 142. Diese Zahl dürfte übertrieben sein. Das in der Hirschgasse vom Eigentümer Ditteney geführte Paukbuch verzeichnet für die Jahre 1823 bis 1838 nur rund 6'000 Mensuren der Corps und Burschenschaften; vgl. Chronik der Hirschgasse (Anm. 38), S. 75.zurück

[60] Setter Jürgen, Paukkomments - eine Materialsammlung - in: Historia Academica, Heft 25/1986, Seite 222: "Pennäler und Hunde dürfen nicht ins Mensurlokal gebracht werden." Der Paukkomment des Stuttgarter Waffenrings verbietet in § 14 Ziffer 7 allgemein das "Mitbringen von Tieren". Auch § 39 Abs. 2 des Paukcomments der Schweizerischen Akademischen Turnerschaft, Ausgabe 1910, untersagte das Mitnehmen von Hunden ins Mensurlokal.zurück

[61] Kussmaul (Anm. 59), Seite 143. In diesem Zusammenhang ist auch die in den "Fliegenden Blättern", Band 83/1885, publizierte und bei Paul Ssymank, Bruder Studio in Karikatur und Satire, Stuttgart 1929 (Nachdruck 1990 im SH-Verlag), Bildtafel LXI, abgedruckte Zeichnung von Reinike zu verstehen, deren Text lautet: "Was ist denn gestern bei Eurer Paukerei herausgekommen?" - "Herausgekommen ? nichts; weggekommen ? eine Nasenspitze!" ? "Wo blieb sie denn?" ? "Nicht zu eruieren; waren fünf Korpshunde im Lokal!" zurück

[62] Chronik der Hirschgasse (Anm. 38), Seiten 15 (Kommersbild), 30 (Mensurbild 1827) und 74. zurück

[63] Felix Schnabels Universitätsjahre (Anm 1), Seite 334. Schnabel (recte Jäger) hatte vom WS 1833/34 an während zwei Semestern in Heidelberg studiert. Er erwähnt zwar Hoffacker nicht namentlich, doch gab es damals in Heidelberg keinen anderen Paukarzt.zurück

[64] Graebke (Anm. 57), Seite 30.zurück

[65] Samarow Gregor (recte Oskar Meding Saxo Borussiae, rez. 1850), Die Saxoborussen, Stuttgart und Leipzig 1885, Seite 161 f.zurück

[66] Charpie oder Scharpie = zerzupfte Leinwand (anstelle von Watte).zurück

[67] Übername für den bis zu seinem Tode 1856 als SC-Diener amtenden Georg Ackermann, einem Hünen mit rotem Antlitz, rotem Haar und rotem Bart, der auch Fährmann auf dem Neckar war.zurück

[68] Ein Porträt von Immisch findet sich in Einst und Jetzt, Jahrbuch 1957 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Seite 117 ff. Am ausführlichsten schildert uns das Wirken von Immisch die Chronik der Hirschgasse (Anm. 38), Seite 75 ff.zurück

[69] Kösener Corpslisten 1960, 70 Nr. 97; gemäss Corpsliste der Guestphalia Jena von 1911/12 fand die Bandverleihung am 16. Juni 1849 statt. Paschke (Anm. 25), Seite 142, nennt als Datum der Bandverleihung irrtümlich den 27. April 1846.zurück

[70] Suevia (1810), Guestphalia (1818), Saxo-Borussia (1820), Vandalia (1842) und Rhenania (1849).zurück

[71] Allemannia (1856), Frankonia (1856).zurück

[72] Chronik der Hirschgasse (Anm. 38), Seite 88 ff.; bis 1870, wenn nicht gar bis ca. 1880, dürfte die Statistik für alle in Heidelberg ausgetragenen Mensuren vollständig sein. Für die Zeit nachher fehlen in ihr die Mensuren der Landsmannschaften und Turnerschaften, die dazugezählt werden müssten, dem Autor aber leider nicht bekannt sind.zurück