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Vom Kommers- zum Corpshaus - Zur Geschichte der Verbindungshäuser
Zur Geschichte der Verbindungshäuser

Von Dr. Peter Hauser

Die ersten Studentenverbindungen im heutigen Sinne sind Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland als Landsmannschaften, später Corps genannt, entstanden. Deren Mitglieder kamen regelmässig in einem bestimmten Wirtshaus zum fröhlichen Kommers zusammen. Unter einem Kommers oder «Commersch» verstand man damals die Zusammenkunft der Verbindung, bei der getrunken, gesungen und diskutiert wurde. Das betreffende Wirtshaus wurde deshalb «Kommershaus» genannt. So heisst es etwa im § 21 der Constitution des 1803 als Bayereuthische Landsmannschaft gestifteten Corps Baruthia Erlangen: «Auf dem Commerce Haus kommen alle Mitglieder der Gesell-schaft, wenn es ihnen möglich ist, des Abends einige Stunden zusammen und können sich daselbst durch Unterredung und Gesang unterhalten. Dadurch wird die genaue Bekannt-schaft der Mitglieder untereinander und das gemeinschaftliche Vergnügen bewirkt.»[1]

Der Ausdruck «Kommershaus» begegnet uns auch in der 4. Strophe des um 1822 in Landshut von Carl Graf, einem Mitglied des Corps Bavaria gedichteten Cantus «Ich war Brandfuchs noch an Jahren». Und dieses wunderschöne, die «Fuchsenherrlichkeit» be-singende Lied beweist, dass das Kommershaus die «fette Weide» einer Verbindung war. Der Wirt des Kommershauses der Landshuter Bayern war zu jener Zeit ein gewisser Michael Schweindl, und deshalb heisst es in der ältesten bekannten Fassung des Textes auch «Schweindl gab uns fette Weide und bediente unseren Bund», womit das Wort «bedient» eine realistische Bedeutung bekommt.[2] Die «Sonne», der «Falken» oder wie immer das Wirtshaus heisst, in welchem die Verbindung kneipt, kann ja nicht bedienen, sondern nur der Wirt oder die Hebe.

Neben dem «Kommershaus» als dem offiziellen und ständigen, deshalb auch «Konstante» genannten Lokal einer Verbindung, gab es die «Kneipe», wo man sich ungezwungen zu einem Umtrunk, zum Abendschoppen oder «Stamm» traf. Das Wort «Kneipe» wird im Studentenlexikon von Magister Kindleben aus dem Jahre 1781 definiert als «schlechte Bier-schenke». Wer in der Kneipe trank, der kneipte, und so bekam das Wort «Kneipe» von etwa 1800 an auch die Bedeutung des studentischen Trinkgelages selbst.

Doch zurück zum Kommershaus, der Urform des offiziellen Verbindungslokals. Wie ange-tönt, wurde früher im Kommershaus nicht nur getrunken, sondern auch debattiert. Um Kneipen und Konvente von «Philistern» und anderen gewöhnlichen Wirtshausgästen unge-stört abhalten zu können, mietete sich die Verbindung im Kommershaus einen separaten Raum, wo auch das Verbindungsmaterial gelagert werden konnte. Für die Unterkunft des Studenten hatte sich nach 1850 von Leipzig aus das Wort «Bude» verbreitet, und bald finden wir es vor allem in Süddeutschland und Österreich, vereinzelt auch in der Schweiz («Bude» der Scaphusia im Falken) auch für den separaten Kneipraum in einer Gaststätte.

Weil sich aber die «Bude» oder der Kneipraum in einem nicht der Verbindung gehörenden Wirtshaus befand, war man vom Wohlwollen des Wirtes abhängig und deshalb gegen Reibereien oder gar Lokalwechsel nicht gefeit. Entweder war es der Wirt, der die Studenten des Hauses verwies, oder dann zog die Verbindung aus, wie es zum Beispiel 1896 die Vitodurania Winterthur wegen «unliebsamer Auftritte mit der Sonnenwirtin» tat und das Lokal vorübergehend in den Verschiss steckte.

Als nach der Gründung des Deutschen Reiches anno 1871 die äusserlichen, repräsentativen Ansprüche vor allem bei den nördlich des Mains domizilierten Corps sehr stark stiegen, wollte man den Corpsbetrieb in jeder Beziehung «standesgemäss» gestalten. Dazu gehörte auch der Besitz einer eigenen, von Dritten unabhängigen Kneipe. Finanziert von den etwa zur gleichen Zeit gebildeten Altherrenschaften, entstanden die ersten Corpshäuser.

Bei der Verwirklichung der Corpshausidee lassen sich zwei Hauptarten des Vorgehens unterscheiden: Erstens der Kauf eines bestehenden Wohn- und/oder Gasthauses mit Umbau zum Corpshaus, und zweitens der Erwerb eines nicht überbauten Grundstücks zwecks Errichtung eines Corpshauses darauf.

Das 1825 gestiftete Corps Teutonia Marburg kann für sich in Anspruch nehmen, als erste Studentenverbindung überhaupt ein eigenes Haus besessen zu haben.[3] Der Marburger Teutone Karl Freiherr Schenck zu Schweinsberg (rez. 1857) kaufte 1862 für sein Corps am heutigen Hainweg, auf halber Höhe zwischen den Elisabethskirche und dem Marburger Schloss, ein Grundstück mit Wohnhaus, Garten und Kegelbahn. 1887 wurde das Gebäude abgerissen und ein neues Corpshaus erstellt, das jedoch bereits 1905 durch einen Neubau, das jetzige Haus, ersetzt wurde. Mit der Kegelbahn und den darüber liegenden Räumen ist bis heute ein Teil des Gebäudes von 1862 erhalten geblieben.[4]

Als nächste Verbindung mit eigenem Haus folgt das Corps Saxo-Borussia Heidelberg. Seit 1825 hatte das Corps seine Kneipe in der am Berghang des Riesensteins gelegenen, etwa 1802 erbauten Gastwirtschaft «Zu den drei Königen», nach dem Namen des Gastwirtes Sattler-Müller im Volksmund als «Sattlermüllerey» bekannt, aber wegen der Lage auch Haus «Riesenstein» genannt. In diesem Hause war 1817 die Allgemeine Burschenschaft zu Heidelberg gegründet worden. 1874 erwarb der Sachsenpreusse Arthur Graf Strachwitz von Groß-Zauche und Camminetz (rez. 1867) den «Riesenstein» und schenkte ihn seinem Corps. Die unter Denkmalschutz stehende, unter Wahrung der alten Bausubstanz moderni-sierte Liegenschaft ist heute noch das in seiner ursprünglichen Art einmalige Corpshaus der Sachsenpreussen.[5]

An dritter Stelle in der Rangliste der Hauseigentümer steht das 1852 gegründete Weinheimer Corps Saxonia Hannover. Wie damals üblich, hatte Saxonia seine Konstante in einem Wirtshaus, und mehrfach musste umgezogen werden. Seit 1869 kneipten die Sachsen im «Bella Rosa». Leider verstand der Wirt «den Humor des Pumpanlegens nicht, und so führte der aufgelaufene Pump zur Kündigung». Ein Alter Herr namens Wallbrecht beantragte daher beim 25. Stiftungsfest am 27.5.1877 unter Vorlage von Plänen den Kauf eines eigenen Hauses. In kurzer Zeit kamen die Mittel zusammen. Als Kaufobjekt wählte man das ur-sprünglich zum Marstall der früheren hannoverschen Königsfamilie gehörende Haus Am Marstall 5 (später Am hohen Ufer 5) und baute es in Etappen für die Zwecke des Corps um. Am 9. November 1878 konnte bereits das obere Stockwerk bezogen werden. Vollständig fertig war das Corpshaus im Februar 1879, und ist damit das erste Haus eines WSC Corps und das drittälteste Verbindungshaus überhaupt.[6]

Die drei ältesten Corpshäuser waren also keine Neubauten, sondern Umbauten bestehender Liegenschaften. Die 1827 gestiftete Rhenania Tübingen war das erste Corps, das 1882 von Grund auf ein Corpshaus projektieren und 1885/86 erstellen liess. Die Einweihung erfolgte am 11. Juni 1886. [7] In der Folge fanden mehrere Um- und Anbauten statt, und das Grund-stück wurde 1904 auf 8740 m2 arrondiert. Das heute noch bestehende Rhenanenhaus an der Stauffenbergstrasse 4 ist eines der schönsten und imposantesten Corpshäuser. Den Weg des Neubaues hatte auch das Heidelberger Corps Guestphalia (gestiftet 1818) be-schritten; es weihte nur einen Monat nach den Tübinger Rhenanen Mitte Juli 1886 sein burgartiges Haus an der Schlossstrasse 4 ein.[8]

Haus des Corps Rhenania Tübingen

Haus des Corps Rhenania Tübingen


In der Folge brach ein regelrechter Corpshaus-Boom aus, und mancherorts gab es einen Wettlauf um die besten und schönsten Lagen. Aber nicht nur die Corps, sondern auch andere Korporationen begannen, Häuser zu kaufen oder zu bauen. Schon im Sommer 1893 hatten neun von fünfzehn Heidelberger Verbindungen ein eigenes Haus. Eine Umfrage an den Reichsuniversitäten (ohne Technische Hochschulen) zeigte Ende 1904, dass es damals im ganzen 128 Verbindungshäuser gab, von denen 60 Corps gehörten.[9]

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit [10] sollen nachstehend die ältesten, d.h. die vor 1900 entstandenen Verbindungshäuser der wichtigsten Verbände genannt werden. Die Jahreszahl bezieht sich auf den Bezug oder die Einweihung des Hauses und nicht auf den meist etwa ein bis zwei Jahre vorher erfolgten Kauf der Liegenschaft oder des Grundstücks.

Kösener-Senioren-Convents-Verband KSCV: [11] 1862 Teutonia Marburg; 1874 Saxo-Borussia Heidelberg; 1882 Vandalia Heidelberg [12] , Rhenania Heidelberg; 1885 Rhenania Würzburg, Suevia Tübingen [13] , Palatia Bonn [14] , 1886 Rhenania Tübingen, Suevia Heidelberg, Guestphalia Heidelberg [15] , Borussia Halle; 1887 Franconia Tübingen, Borussia Bonn; 1888 Saxonia Bonn, Saxonia Göttingen; Suevia Freiburg i. Br., 1889 Franconia Tübingen; 1890/91 Bremensia Göttingen [16] ; 1892 Rhenania Freiburg i. Br., Hassia Giesser; 1894 Guestphalia Bonn, Starkenburgia Giessen, Teutonia Giessen; 1895 Franconia Jena [17] , Nassovia Würzburg; 1896 Rhenania Bonn, Suevia München; 1897 Borussia Breslau, Moenania Würzburg, Bavaria Würzburg; 1898 Onoldia Erlangen, Hannovera Göttingen, Saxonia Jena, Hasso-Borussia Freiburg i.Br.; 1898/99 Hansea Bonn; 1899 Franconia München, Makaria München.

«Huttenschlösschen» des Corps Rhenania Würzburg, erbaut ca. 1720

«Huttenschlösschen» des Corps Rhenania Würzburg, erbaut ca. 1720


Weinheimer Senioren-Convent WSC: [18] 1879 Saxonia Hannover; 1887 Bavaria Karlsruhe, Saxonia Karlsruhe; 1890 Franconia Karlsruhe; 1891 Slesvico-Holsatia Hannover; 1895 Hercynia Clausthal; 1897 Rhenania Darmstadt, Pomerania Berlin; 1898 Rheno-Guestphalia Berlin, Montania Freiberg; 1899 Stauffia Stuttgart, Alemannia Hannover, Ostfalia Hannover, Rheno-Palatia München. [19]

Deutsche Burschenschaft DB: [20] 1884 Alemannia Bonn; 1887 Frankonia Bonn, Germania Jena; 1888 Germania Erlangen; 1889 Teutonia Jena, Bubenreuther Erlangen, Alemannia Heidelberg; 1891 Teutonia Kiel; 1893 Arminia auf dem Burgkeller Jena [21] , Frankonia Heidel-berg; 1896 Germania Tübingen; 1897/98 Brunsviga Göttingen; 1899 Alemannia Marburg, Bruna-Sudetia Wien. [22]

Coburger Convent Akademischer Landsmannschaften und Turnerschaften CC: [23] 1887 Landsmannschaft Hasso-Borussia Marburg; 1895/96 Landsmannschaft Ghibellinia Tü-bingen; 1898 Turnerschaft Normannia Jena.

Wingolf: [24] 1888 Marburg; 1889 Greifswald, Heidelberg; 1892 Erlangen; 1893 Halle; 1894: Tübingen, Giessen, Bonn; 1896 Berlin.

Cartellverband der kath. deutschen Studentenverbindungen CV: [25] 1891 Bavaria Bonn.

Verschiedene: [26] 1890 Akademischer Gesangverein AGV München; [27] 1892 Leonensia Heidelberg, [28] 1895 Stuttgardia Tübingen [29] 1896 Rupertia Heidelberg. [30]

Von den vorstehend genannten 82 Verbindungen, die bereits vor 1900 ein Haus besassen, sind deren 51 oder rund 62% Corps, wobei die Kösener Corps mit 37 Bündern oder rund 45% eine dominierende Stellung einnehmen. Um ein Haus kaufen oder bauen zu können, brauchte es wegen der nicht unbeträchtlichen Kosten eine relativ grosse und finanziell starke Altherrenschaft. Das war bei den Corps als dem ältesten Verbindungstypus am meisten der Fall. Hinzu kam, dass die Corps seit der Reichsgründung 1871 immer grösseren Wert auf Repräsentation legten, wozu nicht nur die Abhaltung pompöser Stiftungsfeste, [31] sondern auch das eigene Haus gehörte.

In örtlicher Hinsicht fällt auf, dass Hochburgen des frühen Hausbaues oder -kaufes kleine und mittelgrosse Universitätsstädte wie Tübingen, Heidelberg, Marburg und Bonn waren. In grossen Hochschulstädten wie Berlin und München setzte der Bau von Verbindungshäusern in der Regel erst kurz vor oder nach 1900 ein.

Viele Verbindungshäuser befinden sich an begehrten Lagen. Man legte auch diesbezüglich Wert auf Stil und liess sich nicht «irgendwo» nieder. In Tübingen ist es der Österberg mit Blick auf die Stadt, in Heidelberg finden wir zahlreiche Korporationshäuser am Schlossberg, während in Bonn etliche am Rhein liegen oder wenigstens Sicht auf den Rhein bieten.

Als Altem Herrn des Corps Cisaria sei mir erlaubt, die Verhältnisse in München etwas genauer zu beleuchten. Das Platzl und seine nächste Umgebung war einst bei den Corps-studenten sehr beliebt und eine durchaus honorige Gegend. Dort entstanden Ende des 19. Jahrhunderts repräsentative Bauten im Neorenaissance-Stil wie etwa das 1897 umgebaute Hofbräuhaus am Platzl 9, das 1899 abgebrochene und wieder aufgebaute Orlandohaus sowie im gleichen Jahr eine Reihe von Corpshäusern. Ein Corpshaus am Platzl war das höchste der Gefühle, was folgendes Zitat aus der Geschichte des 1836 gestifteten Corps Franconia, das nach 39 Lokalwechseln von 1884 an ein Stockwerk im Haus Münzstrasse 7 mit zwei Räumen als Kneipe und Fechtboden gemietet hatte, [32] belegt: «Unsere kühnsten Wünsche schienen überflügelt. Hier, am alten Platzl, (...), hier im Zentrum der Altstadt, der Hochburg des Münchner SC, wer hätte es je für möglich gehalten, dass gerade hier das zukünftige Frankenhaus entstehen sollte!» [33]

In der Tat war die Gegend des Platzl früher ein Verbindungs-Eldorado. Hier hatten in der Zeit um 1910 folgende Corps ein Haus, ein Heim [34] oder eine feste (meist gemietete) Kneipe: Corps Bavaria (Haus Platzl 5 seit 1900) [35] , Corps Franconia (Haus Platzl 7 seit 1899), Corps Makaria (Haus Platzl 6 seit 1899), Corps Rheno-Palatia (Haus Platzl 8 seit 1899, im Erdgeschoss das Weinlokal «Torggelstube»), Corps Ratisbonia (Haus Orlandostrasse 3), Corps Guestphalia (Heim Orlandostrasse 3), Corps Cisaria (Haus Münzstrasse 2, seit der Umnummerierung von 1988 Nr. 8, seit 1909/10). Im ersten Stock des «Restaurant Platzl» an der Münzstrasse 8/9 hatten die Corps Vitruvia und Normannia ihre Corpsheime. [36] Die Vitruven waren 1895 dort eingezogen und hatten sich 1909 durch «Hinzunahme weiterer Räume im gleichen Stockwerk ein elegant ausgestattetes Corpsheim geschaffen, ohne dass man jedoch dabei das Endziel eines eigenen Hauses aus dem Auge verlor». [37]

Corpshäuser am Platzl in München, ca. 1910, rechts das Hofbräuhaus, links in der Reihe das alte Bayernhaus

Corpshäuser am Platzl in München, ca. 1910, rechts das Hofbräuhaus, links in der Reihe das alte Bayernhaus


Aber nicht nur Corps wussten die Platzl-Gegend zu schätzen. [38] An der Münzstrasse 8/9 hatte die Freie schlagende Verbindung Thuringia ihre Kneipe. An der Bräuhausstrasse waren die Burschenschaft Guelfia (Nr. 5/I) und die Sängerschaft Altwittelsbach (Nr. 4/I) daheim. Die Münchner Burschenschaft Rhenania (heute Arminia-Rhenania) hatte 1921 den «Pfisterhof» an der Pfisterstrasse 3 gekauft, während der Akademische Gesangverein seit 1890 in der im gehörenden Gaststätte «Scholastika» residierte.

Die ganze Platzl-Gegend war also, wie der Chronist des Weinheimer SC für die Zeit nach dem 1. Weltkrieg begeistert schreibt [39] «mit Corps- und anderen Verbindungshäusern oder mit Wirtschaften, in denen Studentenverbindungen hausen, gespickt. Zusammen mag es dort deren fünfzehn geben. Und wie hier Studententum und Bürgertum miteinander ver-woben sind, das zeigt recht deutlich ein Blick in das Restaurant Platzl, ein grosses, mehrstöckiges Haus, unten mit Wirtschaft, in der schon morgens um 10 Uhr frohe tiroler und ober-bayerische Weisen ertönen, oben mit einer Anzahl von prächtig und wohnlich aus-gestatteten Verbindungsheimen und dazwischen einige Klassen einer Bürgerschule. Wer diese Gegend kennt, wird verstehen, welch' magische Anziehungskraft München, namentlich auf jüngere Semester und Norddeutsche ausübt.» Am Platzl traf man sich vor über hundert Jahren auch in öffentlichen Lokalen zum Abend- oder Frühschoppen und am Stammtisch. Nach dem Abbruch des legendären Kneiplokals «Zum grünen Baum» [40] an der Isar neben der alten Ludwigsbrücke im Jahre 1886 «wurde der "ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht" für viele Waffenstudenten die Regensburger Wurstküche [41] in der Münzstrasse 2 ¾ heute Corpshaus der Cisaria ¾, wo sich alles an seinem Stammtisch einfand: Franken, Pfälzer [42] , Schwaben [43] und Isaren [44] , regelmässig die Vitruven [45] neben biederen Bürgern, Offizieren, Beamten.» [46]

Während der Weimarer Republik und nach 1945 dislozierten einige Münchner Corps vom Platzl nach Schwabing oder in den vornehmen und ruhigeren Stadtteil Bogenhausen. Nicht mehr am Platzl sind die Corps Bavaria, Franconia und Makaria. Die Bayern erwarben 1931 die Kaulbach-Villa, die sie aber schon 1937 unter politischem Druck wieder verkaufen mussten. Die Franken überliessen 1929 das Haus am Platzl 7 dem Corps Hercynia [47] und zogen in ihr neues Haus an der Widenmayerstrasse 15, während die Makaren nach dem 2. Weltkrieg zuerst eine Etage am Platzl 5 benutzten und 1968 in ihr Haus an der Ungerer-strasse 23 wechselten. Die Vitruven kauften sich 1921 an der Gabelsbergerstrasse 4 ein grosses Haus mit Garten, weil das Corpsheim im «Restaurant Platz»l an der Münzstrasse 8/9 «trotz seiner schönen Räume und seiner eleganten Einrichtung nicht allen An-forderungen, vor allem nicht dem Ansehen des Corps entsprach». [48] Vitruvia war nach dem 2. Weltkrieg an der Nibelungenstrasse 84 und teilt sich jetzt seit ein paar Jahren mit den Corps Hercynia und Rheno-Palatia etagenweise das alte Bayernhaus am Platzl 5. Im Herzen Münchens geblieben sind die Cisaren. Sie haben ihr 1944/45 im Krieg zerstörtes Haus an der Münzstrasse 8 (bis 1988 als Nummer 2 geführt) 1958/59 wieder aufgebaut und 1995/96 zu einem der modernsten Corpshäuser umgestaltet. Seit Oktober 2003 befindet sich im Erdgeschoss und im 1.OG mit dem «Augustiner am Platzl» eine schöne bayerische Wirt-schaft.

Von den Verhältnissen an der Isar nun zu den Kosten. Häuser an guten Lagen hatten seit jeher ihren Preis. Um den Erwerb eines Hauses finanzieren zu können, wurden von den Alten Herren besondere Kassen oder Fonds geäufnet und gleichzeitig oder etwas später ein «Hausbauverein» oder eine Aktiengesellschaft gegründet. Um 1900 betrugen die Kosten für das Grundstück, den Bau oder Umbau eines Corpshauses im Durchschnitt 80'000 Mark. [49] Für den Unterhalt kamen jährlich 4'000 Mark, für Personalkosten 2'000 Mark und als Servicezuschuss 500 Mark dazu. [50] Ergänzend zu diesen allgemeinen Angaben über die Land- und Baukosten seien ein paar Beispiele erwähnt:

Die Kosten des Hauses des Corps Rhenania Tübingen betrugen 1886 für die erste Bau-phase 30'000 Mark, für die 2. Etappe 1892 weitere 39'000 Mark und für die Vergrösserung und Neueinrichtung des Hauses 1911/12 zusätzliche 198'702.93 Mark. Ausserdem war 1898 für 18'000 Mark und 1904 für 11'000 Mark Land dazugekauft worden, um das Grundstück auf 8740 m2 zu arrondieren. [51] Das grosse, mehrstöckige Haus des Corps Franconia Karlsruhe an bester Lage im Stadtzentrum hatte 1890 stolze 310'000 Mark gekostet. [52] Das 1899 am Platzl 7 erstellte erste Haus des Corps Franconia München verursachte Kosten von rund 190'000 Mark, nämlich 61'000 Mark für das Grundstück, 100'000 Mark für den Bau und 28'000 Mark für die Inneneinrichtung. [53] Die Münchner Cisaren liessen sich 1908/09 ihr schräg gegenüber dem Hofbräuhauses gelegenes Corpshaus an der Münzstrasse 2 (heute Nr. 8) rund 265'000 Mark kosten, wovon 80'000 Mark auf das nur etwa 270 m2 grosse Grundstück entfielen. Man hatte aber Einnahmen, denn im Erdgeschoss wurde das schon vor dem Corpshausbau dort befindliche Wirtshaus «Regensburger Wurstküche» betrieben, und das 1.OG war an die Gesellschaft der Niederländer vermietet. [54]

Nicht nur der Kauf oder Bau, sondern auch der Betrieb eines Verbindungshauses verursacht erhebliche Kosten. So war und ist zur Betreuung der zum Teil grossen und mit Umschwung versehenen Korporationshäuser Personal nötig. Bei den Corps ist es der Corpsdiener, andere Verbände sprechen vom Couleurdiener oder Fax. [55] Er und seine Frau wohnen üblicherweise auf dem Haus und sorgen für dessen Instandhaltung, für Speis und Trank sowie für den Service bei Anlässen. Ausserdem bandagiert der Couleurdiener bei vielen schlagenden Verbindungen die Paukanten auf dem Mensurboden an und hält unter der Aufsicht des Fechtchargierten das Paukzeug in Ordnung. Die Corps-, Couleurdiener oder Faxe traten früher bzw. treten zum Teil immer noch bei Anlässen in einer besonderen Uniform mit spezieller hoher Mütze auf. Sie bildeten eine geachtete Gruppierung, und manche Korporation hatte während Jahrzehnten denselben Fax. Nach dem 1. Weltkrieg entstand in Berlin, München und Erlangen der Brauch, dass die Couleurdiener der grösseren Verbände einmal pro Jahr zusammen einen Ball veranstalteten, der zur Aufbesserung ihrer Einkünfte dienen sollte. Der Ball galt als inoffiziell, wurde ohne Couleur und oft als Maskenball abgehalten. [56] Von 1920 an gab es in Deutschland den Bund der Couleurdiener. Er diente der Alters- und Invalidenversicherung und wurde von den AH-Verbänden finanziert. Denselben Zweck verfolgte die auf Anregung der Deutschen Burschenschaft 1927 ins Leben gerufene «Couleurdiener-Unterstützungskasse.» [57]

Nach der Selbstauflösung der studentischen Verbände Deutschlands gegen Ende 1935 sind zahlreiche Verbindungshäuser vom NS-Regime entschädigungslos enteignet worden oder sie mussten unter politischem Druck verkauft werden. Im 2. Weltkrieges wurden viele Häuser stark beschädigt oder gar zerstört. Der Opferwilligkeit der Alten Herren, die mit wahrem «Corpsgeist» zusammenhielten, ist es zu verdanken, dass zahlreiche Korporationen nach dem Krieg recht bald wieder in ihr altes Haus zurückkehren oder sich ein neues Haus kaufen oder bauen konnten. Heute besitzt fast jede deutsche Hochschulverbindung entweder ein eigenes Haus oder, vor allem in Österreich, wenigstens eine Etage im Stockwerkeigentum («Corps- oder Verbindungsheim» genannt). Mancherorts sorgt noch immer fest angestelltes Personal für die Betreuung des Hauses und das Wohl der Aktiven und Alten Herren. Dass dies und der Betrieb eines Corpshauses überhaupt mit hohen Kosten verbunden ist, steht auf einem anderen Blatt. Jahresbeiträge für die Alten Herren von 600 Euro und mehr sind keine Seltenheit. Eigentümer der Häuser sind in Deutschland in der Regel nicht die Ver-bindungen selbst, sondern meistens die als eingetragene Vereine (e.V.) firmierenden Altherrenverbände, ein besonderer Trägerverein (z.B. Corpshausverein Cisaria e.V.) oder eine Aktiengesellschaft.

Der Bau von Verbindungshäusern hat das studentische Leben verändert. Mit dem Einzug in eigene Häuser spielte sich das Leben der Korporationen immer weniger in der Öffentlichkeit ab. Nur in kleineren Universitätsstädten gibt es noch Lokale, in denen sich Couleurstudenten zu eher lockeren Zusammenkünften wie Früh- oder Abendschoppen bzw. zum Stamm treffen. Das berühmteste ist wohl der «Seppl» in Heidelberg, der den Corpsstudenten schon seit etwa 1850 als Treffpunkt dient und wo jedes Corps seinen exklusiven Stammtisch hat. Sonst aber finden bei den deutschen und österreichischen Verbindungen die grösseren Anlässe «auf dem Haus» statt, das dafür auch eingerichtet ist. Und auch nach Jubiläums- Stiftungsfest-Kommersen, die aus Platzgründen oftmals auswärts in einem grossen Saal abgehalten werden, geht man zum Ausklang «aufs Haus».

Ein Verbindungshaus folgt einem bestimmten Plan, Grundriss und Raumgestaltung sind auf seine Funktion ausgerichtet. Man unterscheidet Tages- und Festräume, Erholungsräume, Verwaltungs- und Zweckräume sowie Wirtschafts- und Wohnräume. [58] Wir finden also eine Eingangshalle oder geräumige Diele für Stehempfänge, eine Kneipe (oft eine grosse und eine kleine Kneipe), einen Raum für das Karten- und Billardspiel («Spielkneipe»), ein Altherrenzimmer, ein Konventszimmer, einen Wohnraum, eine Bibliothek, oft auch ein Rauchzimmer und in neueren oder modernisierten Häusern wie demjenigen meines Münchner Corps Cisaria auch eine Bar, die sich hervorragend eignet, um bis zum frühen Morgengrauen dem «leisen Abtrinken» zu frönen. Bekannt sind auch Corpshäuser mit einer Kegelbahn. Terrassen, Gärten oder gar Pärke ermöglichen das Abhalten von Sommerfesten. Manche Corps verfügten früher über einen eigenen Tennisplatz, so zum Beispiel das Corps Bavaria Würzburg im 4'600 m2 grossen Garten seines früheren Hauses. [59] Der in ver-gangenen Zeiten als ausgesprochen nobel geltende Tennissport war bei Corpsstudenten sehr beliebt. Den Chargierten stand schon immer ein «Chargenzimmer» zur Verfügung, das heute mit den modernsten Büro- und Kommunikationsgeräten ausgestattet ist. In den Häusern von schlagenden Verbindungen gibt es natürlich auch einen Pauksaal, in welchem, je nach Grösse des Raumes, nicht nur «gepaukt» (geübt), sondern auch scharf gefochten werden kann. Neben der Wohnung für den «Corpsdiener» sind oft auch Zimmer vorhanden, welche die Aktiven zu günstigen Bedingungen mieten können. 1984/85 unterhielten 90 Prozent der Kösener Corps ein Haus mit durchschnittlich neun Wohnplätzen. [60] Vor dem zweiten Weltkrieg waren Aktivenzimmer auf dem Haus selten und auch nicht nötig, denn es gab keine Wohnungsnot und am Ort genügend Studentenzimmer («Buden») mit verständnis-vollen «Schlummermüttern».

Durch die Verlagerung fast des ganzen Betriebes «auf's Haus» wurde einerseits eine Vertiefung des Zusammenhalts unter den Korporationsmitgliedern gewonnen. Der Besitz einer eigenen «Bude» oder gar eines Hauses wirkt gemeinschaftsfördernd. Anderseits ging die frühere Verbindung zwischen den Farbenstudenten und den Bürgern einer Stadt schrittweise verloren, und das umso mehr, als sich die Studenten nicht mehr in Farben in der Öffentlichkeit zeigten. In jeder Beziehung ideal ist es, wenn eine Korporation beides hat: Ein Haus, Heim oder eine «Bude» für offizielle, grössere Anlässe (Kommerse, Kneipen, Tanzfeste etc.) und ein öffentliches Lokal für den Abendschoppen oder Stamm. Das Corps Cisaria München schätzt sich glücklich, diese Kombination zu besitzen: Das sechsstöckige Haus an der Münzstrasse 8 und darin seit Oktober 2003 im Parterre und im ersten Stock ein gepflegtes bayerisches Bierlokal, den «Augustiner am Platzl» (vorher seit 1963 den «Haxn-bauer») mit einer Cisarenecke.

In der Schweiz ist das Verbindungshaus nicht in gleichem Masse verbreitet wie in Deutsch-land. Das hängt mit dem unterschiedlichen Verbindungsverständnis zusammen. Der teil-weise etwas weniger ausgeprägte «Corpsgeist» und die darum nicht so grosse Opfer-bereitschaft sind der eine, der weniger starke Hang zur Repräsentation in der Schweiz der andere Grund. Man gab sich zwar früher bei uns auch «schneidig», aber in der Regel nicht so extrem und ohne die Auswüchse wie im wilhelminischen Kaiserreich.

Aber trotzdem hat auch bei uns der Wunsch, vom Stammtischwirt unabhängiger zu sein und nicht alle paar Jahre das Lokal wechseln zu müssen («Beizen-Odyssee»), dazu geführt, dass Hoch- und Fachhochschulschulverbindungen, vereinzelt auch Gymnasialverbindungen, eigene Häuser oder Räumlichkeiten erworben haben. Diese lassen sich jedoch punkto Raumangebot und Ausstattung nicht mit einem deutschen Verbindungshaus vergleichen. Es sind keine Repräsentations- und Wohnbauten, sondern eher nüchterne Zweckbauten. Typisch für viele Schweizer Verbindungshäuser ist, dass sie über ein zur Liegenschaft gehörendes Restaurant, zum Teil auch einige Studentenzimmer, oder gar Wohnungen verfügen, was Pacht- oder Mieteinnahmen bringt und die Tragung der mit dem Hausbesitz verbundenen finanziellen Lasten erträglicher macht.

Leider gibt es noch keine umfassende Untersuchung zum Thema «Verbindungshäuser in der Schweiz». Die nachfolgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll nur einen Überblick geben. [61] Bloss gemietete Objekte sind darin nicht erwähnt. Von den in der 2. Auflage des «Schweizer Commersbuches» aufgeführten 269 Verbindungen sind folgende 49 Korporationen ¾ in der Regel über eine für den Kauf und den Betrieb eigens gegründete Trägerschaft ¾ Eigentümer einer Liegenschaft:

Ort Verbindung Liegenschaft
_________________________________________________________________________

Basel Alemannia Rest. Löwenzorn, Gemsberg 2/4
Basel Schwizerhüsli Verbindungskeller, Socinstrasse 8
Basel Rauracia Rest. Löwenzorn, Gemsberg 2/4
Basel Zofingia Haus zum Breo, Nadelberg 12

Bern Berna Bernanerhaus, Gerechtigkeitsgasse 11
Bern Burgundia Rest. Burgunder, Speichergasse 15
Bern Concordia Studentenheim Concordia, Postgasse 47
Bern Halleriana Kneipraum im Haus Rathausgasse 70,
Bern Helvetia Helveterhaus, Gerechtigkeitsgasse 29
Bern Singstudenten Rest. Krone, Postgasse 59
Bern Zähringia Zähringerheim, Postgasse 4
Bern Zofingia Zofingerhaus «La Blanche», Alpeneggstr. 8

Biel Industria Industriahaus, Untergasse

Burgdorf Amicitia Amicitiaheim, Gysnauweg 12
Burgdorf Bertholdia Rest. zur Geduldt, Metzgergasse 12
Burgdorf Gesangsverbind. GVTB-Heim, Kronenhalde 96
Burgdorf Technica Technikanerheim, Kronenhalde 6
Burgdorf Turnverein TTB-Heim, Oberstadt, Casinorein

Fribourg Alemannia Alemannenhaus, Rue de Lausanne 25
Fribourg Staufer Stauferheim, Av. du Guintzet 15
Fribourg Teutonia (CV) Schmiede, Galsterngraben 99, Tafers

Genf Zofingia Centre Universitaire Zofingien, 6 rue des Voisins

Lausanne Helvetia Maison Helvétienne, Av. Pierre-Viret 6
Lausanne Stella Maison de Stella, Av. J.-J. Mercier
Lausanne Zofingia Maison La Blanche, Lausanne

Neuenburg Industria Maison Industria, Rue de Neubourg 15

St. Gallen Bodania Rest. Papagei, Hinterlauben 4
St. Gallen Corona* . Rest. Papagei, Hinterlauben 4
St. Gallen Emporia-Alemannia Emporia Haus, Dufourstr. 50,
St. Gallen Mercuria Mercuriaheim, Speicherstrasse 62
St. Gallen Minerva* Weinstube z. Bäumli, Schmiedgasse 18
St. Gallen Rhetorika* Rhetorikerhaus, Mühlenenschlucht
St. Gallen Steinacher Steinacherhaus, Rosenbergstr. 6
St. Gallen Zofingia HSG Zofingerhaus, Rest. Neueck, Brühlgasse 26

Solothurn Wengia* Rest. Misteli, Friedhofplatz 14
Solothurn Dornachia* Kneipkeller im Rest. Roter Turm

Winterthur Kyburgia Rest. Walliserkanne, Steinberggasse 25
Winterthur Vitodurania* Vito-Haus zur Sonne, Marktgasse 13-15


Zürich ALV . Studentenhaus, Wehntalerstr. 41
Zürich Amicitia Rest. Hofwiesen, Hofwiesenstr. 265
Zürich Helvetia Rest. Hirschberg, Seilergraben 9
Zürich Kyburger Kyburgerhaus Linde Oberstrass, Universitätsstr. 91
Zürich Manessia Rest. Oberhof, Zürichbergstr. 26
Zürich SSS Rest. Zun Drei Stuben, Beckenhofstr. 5
Zürich Singstudenten Rest. Kantorei, Neumarkt 2
Zürich Turicia Rest. Turicer, Schmidgasse 3
Zürich Utonia Hotel-Rest. Plattenhof, Zürichbergstr. 19
Zürich Welfen Rest. Palmhof, Universitätsstr.21/23
Zürich Zofingia Wirtschaft Vorderberg, Zürichbergstr. 71

Von diesen Verbindungen sind 35 Hochschulverbindungen, 8 Fachhochschulkorporationen und (in der Liste mit * versehen) 6 Gymnasialverbindungen. Das erste schweizerische Ver-bindungshaus war dasjenige der Zofingia Lausanne, eingeweiht am 22.12.1905, [62] gefolgt von den Helveterhäusern in Lausanne 1925 und Bern 1926. Erste Pläne für ein Ver-bindungshaus «wilhelminischer Prägung vermischt mit Elementen des frühen Berner Heimat-stils» entstanden in der Berner Helvetia jedoch schon 1911. [63]

Im Weiteren gibt es manche Schweizer Verbindung, die in einem nicht ihr gehörenden Haus mit oder ohne Wirtschaft, gegen Bezahlung einer Miete oder unentgeltlich, über einen Kneipraum, Kneipkeller oder eine «Bude» verfügt, wo die Mitglieder unter sich sind, Konvente und feucht-fröhliche Kneipen abhalten sowie andere Anlässe durchführen können.
Die Rodensteiner in Freiburg i.Ue. hatten an der route Neuve 37 ein schön gelegenes Châlet, das sie aber 1968 wegen «des Treibens der Aktivitas auf dem Haus» und des damals fraglichen Fortbestandes der Aktivitas wieder verkauften. Statt dessen wurde im gleichen Jahr eine Kneipe an der Metzgergasse 1 gemietet und eingerichtet. [64] Kostenlos kann die Burgdorfer Zähringia seit 1938 ihren schönen Zähringia-Keller an der Rütschelen-gasse 17 benützen. Ein anderes bekanntes, nicht der Verbindung gehörendes Kneiplokal ist die im Herbst 2002 renovierte, sehr gemütlich-studentisch wirkende «Falkenbude» der Scaphusia im ersten Stock des Rest. Falken, wo die Scaphusianer seit 1912 Gastrecht geniessen. Zu nennen ist schliesslich meine liebe Vitodurania, die neben dem 1999 erworbenen «Vito-Haus zur Sonne» (Rest. Sonne) seit 1978 in der einem Alten Herrn gehörenden Altstadtliegenschaft Technikumstrasse 38 über das Kellerlokal «Diogenes» verfügt, dessen Benützung mittels einer Dienstbarkeit rechtlich gesichert ist.

In einem Aufsatz zum Thema «Verbindungshaus» dürfen auch die mit dem Hausbesitz verbundenen Probleme nicht verschwiegen werden. Verwaltung, Betrieb und Unterhalt erfordern ständigen Einsatz der Hausverantwortlichen und sorgfältige Finanzplanung. Grosse Häuser mit vermieteten Teilen werden, wenn in der Trägerschaft niemand ein-schlägige Erfahrung hat, mit Vorteil professionell verwaltet [65] Ein Dauerbrenner ist vielerorts das nicht immer ganz einfache und harmonische Verhältnis zwischen der Verbindung und dem Wirt. Mit dem Herr-im-Haus-Standpunkt kommt man nicht weit, es braucht neben Beharrlichkeit etwas Diplomatie, um die nicht automatisch deckungsgleichen Interessen der fröhlichen, zuweilen überbordenden Zecher und des Gastwirts auf einen Nenner zu bringen.
Trotzdem: Der Besitz eines Korporationshauses, eines Verbindungsheims oder auch nur einer eigenen Kneipe ist gemeinschaftsfördernd und stärkt den Bund. Die Freude und der Stolz überwiegen die mit dem Hausbesitz verbundenen Probleme bei weitem. Und so stimmt eben, was uns Joseph von Eichendorff in der dritten Strophe des wunderschönen Cantus «Nach Süden nun sich lenken...» singen lässt: «Beatus ille homo, qui sedet in sua domo.»


«Vito-Haus zur Sonne» an der Marktgasse 13-15, Winterthur

«Vito-Haus zur Sonne» an der Marktgasse 13-15, Winterthur


Anmerkungen


[1] Einst und Jetzt, Sonderheft des Jahrbuches 1981 des Vereins für corpsstudentische Geschichts-forschung, Seite 27

[2] Raimund Lang, Intonas II, Von studentischen Texten und Weisen, Wien 1998, Seite 141

[3] Paschke Robert, Studentenhistorisches Lexikon, Köln 1999, Seite 79; Assmann Rainer, 100 Jahre Corpshaus Rhenania Tübingen, in: Einst und Jetzt, Jahrbuch 1984 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Seite 133

[4] von Spindler H., Unser Corpshaus am Hainweg, in: 150. Stiftungsfest des Corps Teutonia, 1975, Seite 127 ff.; Assmann, a.a.O. (Anm. 3), Seite 133; Doeberl Michael et al. (Hrsg.),Das akademische Deutschland, Band II, Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger, Berlin 1931, Seite 943

[5] Grathwol Herbert, Heidelberger Korporationshäuser, in: Weiland Bursch zu Heidelberg, Eine Fest-schrift der Heidelberger Korporationen zur 600-Jahr-Feier der Ruperto Carola, Heidelberg 1986, Seite 267 f.; Assmann, a.a.O. (Anm. 3), Seite 133.

[6] Schüler Hans, Weinheimer SC Chronik, Darmstadt 1927, Seite 325

[7] Assmann, a.a.O. (Anm. 3), Seite 133 ff.

[8] Grathwol, a.a.O. (Anm. 5), Seite 294

[9] Schulze Friedrich/Ssymank Paul, Das deutsche Studententum, 4. Auflage München 1932, Nach-druck 1991, Seite 438

[10] Die Aufstellung beruht nur auf der Durchsicht der bei den einzelnen Verbänden genannten Literatur und nur in wenigen Fällen auf Anfragen bei den Verbänden oder Korporationen. Genannt werden nur Häuser, die im Eigentum der Verbindung sind, sei es direkt oder indirekt über eine besondere Trägerschaft. Bloss gemietete Objekte bleiben unerwähnt oder sind als solche bezeichnet.

[11] Das akademische Deutschland (Anm. 4), Seite 611 ff.; Grathwol, a.a.O. (Anm.3), Seite 264 ff.; Studier Manfred, Der Corpsstudent als Idealbild der Wilhelminischen Àra, Schernfeld 1990, Seite 78 ff.; Gerhardt Hans, Hundert Jahre Bonner Corps, Frankfurt a.M., 1926; Büdingen Wolfgang, Der Freiburger Senioren Convent, Frankfurt a.M. 1931, diverse Corpsgeschichten.

[12] 1950 Fusion mit Guestphalia zur Vandalo-Guestphalia, diese wegen Aufgabe des Mensurprinzips am 14.2.1972 aus dem KSCV ausgetreten.

[13] Wegen Aufgabe des Mensurprinzips aus dem KSCV ausgetreten am 30.4.1971

[14] Wegen Aufgabe des Mensurprinzips aus dem KSCV ausgeschlossen am 22.5.1958

[15] Siehe Fussnote 12.

[16] Wegen Aufgabe des Mensurprinzips aus dem KSCV ausgetreten am 1.5.1971.

[17] Seit 4.11.1967 in Regensburg als Franconia Jena zu Regensburg

[18] Schüler, a.a.O. (Anm.6); Das akademische Deutschland (Anm. 4)

[19] Damals im WSC, erst seit 1.5.1954 im KSCV

[20] Das akademische Deutschland (Anm. 4); Kopien diverser Aufsätze und Berichte in den Burschen-schaftlichen Blättern, die mir freundlicherweise Herr Dr. Harald Lönnecker, Bundesarchiv Koblenz, zur Verfügung gestellt hat. Von 1881 bis 1902 hiess der Zusammenschluss der Burschenschaften an den reichdeutschen Universitäten Allgemeiner Deputierten-Convent (ADC); 1902 erfolgte die Umbenenn-ung in Deutsche Burschenschaft (DB).

[21] Die u.a. auch bei Schulze/Ssymank, a.a.O. (Anm. 9), Seite 438, anklingende Auffassung, die 1815 gegründete Burschenschaft Arminia Jena habe mit dem berühmten Burgkeller als erste Verbindung überhaupt schon 1823 ein Haus besessen, ist nicht zutreffend. Arminia kneipte zwar seit 1823 im Burgkeller und nannte sich deshalb «Arminia auf dem Burgkeller», kaufte diesen aber erst viel später am 3.10.1893; siehe Das akademische Deutschland (Anm. 4), Seite 872.

[22] Burschenschaftliche Blätter, XIV. Jahrgang, Nr. 6, Seite 146. Es handelt sich bei diesem an der Strozzigasse 11 erbauten Haus sicher um das erste Burschenschaftshaus in Österreich und ver-mutlich um das erste österreichische Verbindungshaus überhaupt.

[23] Das akademische Deutschland (Anm. 4); Handbuch der deutschen Landsmannschaft, 12. Auflage 1932; Turnerschafterbuch, 1933; Hölcke Theodor/Kraus Heinz, Die Landsmannschaften und Turner-schaften des Coburger Convents, in: Historia Academica, Heft 17, 1978

[24] Das akademische Deutschland (Anm. 4); schriftliche Auskunft des Geschäftsführers des Wingolfs, Herrn Wulf-Dieter Buescher, dem ich dafür herzlich danke.

[25] Schieweck-Mauk Siegfried, Lexikon der CV- und ÖCV-Verbindungen, Würzburg 1997; Das akade-mische Deutschland (Anm. 4)

[26] Das akademische Deutschland (Anm. 4)

[27] Im Sondershäuser Verband Akademisch-Musikalischer Verbindungen SV; es handelt sich um die Liegenschaft «Scholastika» an der Lederer/Sparkassenstrasse in München, deren Eingang früher an der Münzstrasse 5 war. Der AGV ist die erste studentische Vereinigung Münchens mit eigenem Haus.

[28] Schwarze Verbindung im Miltenberger-Ring MR, bis zum 2. Weltkrieg mit unbedingter Satisfaktion.

[29] Freie schwarze Verbindung, vor dem 2. Weltkrieg mit unbedingter Satisfaktion auf schwere Waffen.

[30] Schwarze Verbindung im Miltenberger-Ring MR, bis zum 2. Weltkrieg mit unbedingter Satisfaktion.

[31] Das 50-Jahr-Jubiläum des Corps Borussia Bonn im Jahre 1878 soll 30'000 Mark verschlungen haben; siehe Gerhardt Hans, a.a.O. (Anm. 11), Seite 264.

[32] Goebel Karl, Franconia München von 1836 bis 1896, München 1985, Seite 212 ff., mit je einem Bild des Hauses Münzstrasse 7 und des Kneipraumes.

[33] Goebel Karl, Franconia München von 1896-1950, Seite 2, zum Bau des ersten Frankenhauses 1899 am Platzl 7 (1929-1939 Eigentum des Corps Hercynia, dessen Zirkel jetzt noch über dem Eingang prangt).

[34] Corps- oder Verbindungsheim = «ein über längere Zeit gemietetes Stockwerk mit vollständiger eigener Einrichtung»; so Schüler Hans, Weinheimer SC Chronik, Darmstadt 1927, Seite 78. Heute handelt es sich meistens um Stockwerkeigentum.

[35] Vor dem Bezug des Corpshauses am 19.5.1900 befand sich die Kneipe der 1806 gestifteten Bavaria von Ende WS 1862/63 bis 31.10.1889 im 1. Stock des «Sterneckerbräus» im Tal, hernach im «Rappen» an der Dienerstrasse 17 und von 1895 bis 1900 im «Pfisterhof» (vormals Baumgärtl) an der Pfisterstrasse 3. Die Miete betrug dort 1'000 Mark im Jahr; siehe Kurz Ferdinand, Die Geschichte des Corps Bavaria zu Landshut und München, München 1909, Seite 199 f.

[36] Schüler. a.a.O., Seite 110 f.

[37] Schüler, a.a.O., Seite 641

[38] Angaben aus Doeberl Michael et. al. (Hrsg.), Das Akademische Deutschland, Band II, Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger, Berlin 1931, Seite 961 ff.

[39] Schüler, a.a.O., Seite 622

[40] Unter anderem Exkneipe des Corps Franconia und Stammlokal des Corps Vitruvia. Der Sohn des Wirts war Vitruve.

[41] Vulgo «Wurstbüchse» (Kurz, a.a.O. (Anm. 35), Seite 197

[42] Bevor das 1813 gestiftete Corps Palatia am 6.12.1902 sein Haus an der Reitmorstrasse 28 bezog, hatte es zwischen 1868 und 1895 die Kneipe unter anderem im Hotel «Leberwurst» (Platzl 3), im «Orlando di Lasso» (jetzt Orlandohaus am Platzl), in einer Wirtschaft im Haus Platzl 1, an der Münzstrasse 9/I (Restaurant Platzl) und von 1895 bis 1902 im Hotel «Roth» an der Neuturmstrasse; siehe Kuhnt Joachim, Geschichte des Corps Palatia zu München 1813-1987, München 1987, Seite 64 f.

[43] Das Corps Suevia kneipte 1875-1877 im Platzl, dann bis 1889 in der Gaststätte «Zum lachenden Wirt» und von 1889 bis 1925 in einem Haus an der Adelgundenstrasse (Nr. 33 ?) das es 1896 kaufte. Die Schwaben sind damit nicht nur das älteste (gestiftet 1803), sondern auch das erste Münchner Corps mit eigenem Haus ist.

[44] Das Corps Isaria bezog sein erstes Haus 1901.

[45] Der Name dieses 1863 gegründeten WSC Corps leitet sich vom römischen Baumeister und Ingenieur Pollio Vitruvius ab.

[46] Goebel Karl, a.a.O. (Anm. 32), Seite 184

[47] Das es unter politischem Druck 1939 wieder verkaufen musste.

[48] Schüler, a.a.O., Seite 641/642 mit 2 Bildern des Vitruvenhauses

[49] 80'000 Mark (Goldmark) im Jahre 1900/1910 entsprachen 2001 gestützt auf den im deutschen Gebäudeversicherungswesen geltenden mittleren Baukostenindex etwa 1,6 Mio DM (Faktor 20) oder seit 2002 ca. 0,8 Mio Euro (Faktor 10).

[50] Studier, a.a.O. (Anm. 11), Seiten 83 und 88, der zudem folgende Beispiele für Baulandpreise nennt: Corps Suevia Tübingen 1895 Bauplatz am Neckar 40'000 Mark, Corps Hansea Bonn 1908 Grund-stück an bester Lage 90'000 Mark. Laut Presseberichten über das 200-Jahr-Jubiläum des Erlanger Corps Baruthia hat dessen 1903 gebaute Haus einschliesslich Grundstück 150'000 Mark gekostet.

[51] Assmann, a.a.O. (Anm. 3), Seite 141 ff.

[52] Schüler, a.a.O. (Anm. 6), Seite 272

[53] Goebel, a.a.O. (Anm. 32), Seite 2

[54] Cisarenblätter Nr. 162/WS 2001, Seite 37 f.

[55] Fax von lat. fac totum = mache alles. Der Ausdruck Fax ist vor allem in Norddeutschland und in der Schweiz üblich, während man in Süddeutschland eher Couleur- oder bei den Corps Corpsdiener sagt. Empfindlichere Seelen sprechen heute «politisch korrekt» vom Hausmeister, doch wird dieser Aus-druck den Aufgaben nicht gerecht. Ein richtiger Corpsdiener besorgt eben nicht nur das Haus. Corpsdiener gab es bereits, als die Corps noch keine Häuser besassen und sich in gemieteten Kneip-lokalen versammelten, so z.B. bei Franconia München seit 1836 ; vgl. Goebel, a.a.O. (Anm. 32), Seite 36. Zum Faxentum in der Schweiz siehe Brändli Christian, Diener der Verbindung, in: 125 Jahre Turnerschaft Utonia zu Zürich 1873-1998, Seite 121 ff.

[56] Paschke, a.a.O. (Anm. 3), Seite 81

[57] Handbuch für den Deutschen Burschenschafter, 5. Auflage 1929, Seite 260 f.

[58] Haas Ulrike, Die Raumgestaltung der Heidelberger Korporationshäuser, in: Weiland Bursch zu Heidelberg (Anm. 5), Seite 298

[59] Studier, a.a.O. (Anm. 11), Seite 83

[60] Handbuch des Kösener Corpsstudenten, 6. Auflage, Band I, Würzburg 1985, Seite 145

[61] Der Verfasser nimmt Ergänzungen und Korrekturen mit gewöhnlicher Post oder mit e-mail über die Adresse p.hauser@gmx.ch gerne entgegen.

[62] Herrn Dr. Paul Ehinger Zofingiae sei für die Auskünfte über die Zofingerhäuser herzlich gedankt.

[63] Helvetia 1832-1982, Festschrift zum 150-Jahr Jubiläum der Schweizerischen Studentenverbindung Helvetia, Bern 1982, Seite 63 f., 172 und 517

[64] Haegi Klaus, Die Genossenschaft Rodensteinerhaus, in: Studentische Vereinigung «Die Roden-steiner» 1898-1998, Festschrift zum 100. Stiftungsfest, Freiburg i.Ue. 1998, Seite 82 ff.

[65] Der 1999 von AH der Winterthurer Gymnasialverbindung Vitodurania gegründete «Verein Vito-Haus zur Sonne» zum Beispiel, dem das etwa 1557 gebaute Haus mit einer Grundfläche von 949 m2, einem grossen Ladengeschäft im Parterre, der Wirtschaft im 1. OG und zwölf Wohnungen und zwei Büros im 2. und 3. OG, gehört, hat die Verwaltung einem Liegenschaften-Treuhänder anvertraut.