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Studentische Umzüge und Fackelzüge
Von Dr. Peter Hauser v/o Star



Fackeln wurden schon in der Antike im kultischen Bereich etwa beim Dionysos-Kult und bei Hochzeits- und Begräbnisfeiern verwendet. Das Feuer der Fackeln hatte symbolische, apotropäische (unheilabwehrende) Bedeutung. Die Fackel gilt aber seit der Neuzeit auch als Freiheitssymbol.

Studentische Fackelzüge sind bereits für 1743 in der Universitätsstadt Erlangen bei Nürnberg bildlich nachgewiesen. Sie wurden aus den verschiedensten Gründen veranstaltet, so z.B. aus Protest gegen die Universitätsbehörden («Pereat»), bei studentischen Begräbnissen und vom 19. Jahrhundert auch zu Ehren des Rektors und von Professoren aus Anlass der Ernennung, Emeritierung oder Ablehnung eines Rufes an eine andere Hochschule («Vivat»). Die Fackelzüge endeten mit dem Zusammenwerfen der Fackeln und dem Absingen des Liedes «Gaudeamus igitur». Auch an schweizerischen Hochschulen wurden bis in die späten 1960er Jahre am «Dies academicus» von der ganzen Studentenschaft unter Führung der Verbindungen Fackelzüge organisiert. In Zürich zog man auf den Lindenhof, wo der Präsident des Corporationen-Verbandes (CV) die «Brandrede» hielt. Der Fackelzug oder «Cortège» (eigentlich Gefolge, Ehrengeleit) war Teil des akademischen Lebens und Gedankenguts.

Gelegentliche Umzüge mit Fackeln gehörten auch zum allgemeinen Winterthurer Schulleben. Am 11.8.1868 fand auf Initiative der Vito zu Ehren des scheidenden Rektors Georg Geilfus ein Fackelzug der Schüler des Gymnasiums und der Industrieschule statt, bei welchem der Präsident, Georg Volkart v/o Ulix, eine formvollendete Laudatio hielt. Besondere Beachtung fand auch der von der Vitodurania für die ganze Schülerschaft vorbereitete Fackelzug für den in Pension gehenden, sehr beliebten Mathematikprofessor Friedrich Krebs am 7.4.1910. Für dieses Ereignis hatten die Blau-weiss-blauen bei der Firma E. Lüdke in Jena kurz vorher zum Preis von total Fr. 232.— für die drei Chargierten, den FM und zwei Hornfüchse erstmals sechs Vollwichse beschafft. Cerevismützen, den FM Stürmer, Schärpen und Rapiere besassen sie schon lange. Jenen Cortège führten vier Vitoduraner hoch zu Ross an, die laut Protokoll «Vollwichs selbst anschaffen und die Pferde selbst stellen» mussten. Bei den Reitern handelte es sich um die Aktiven Karl Egli v/o Büffel, Oskar Früh v/o Rugel, Otto Sulzer v/o Mops und Hans Ziegler v/o Sprenzel. Hinter ihnen schritt die Stadtmusik, gefolgt vom Rest der grossen Vitoduranerschar, der Humanitas und der übrigen Schülerschaft. Das Protokoll schildert das Hochgefühl der Vitoduraner an diesem Anlass sehr anschaulich: «Wohl keiner hat früher gedacht, dass er schon am Gymnasium vollen studentischen Wichs tragen würde!» Es gab sie eben damals noch, die strammen Burschen, die «vom Breiten Stein nicht wankten und nicht wichen» und «den Herr'n der Erde glichen». Einen Fackelzug der ganzen Schülerschaft erlebte Winterthur ferner am 27. Oktober 1928 aus Anlass der Einweihung des neuen Kantonsschulgebäudes «Im Lee». Die Vitodurania, mit sechs Reitern im Vollwichs voraus, führte den Zug an.

Die Tradition der vitointernen Fackelzüge scheint nicht sehr alt zu sein. Für das 25. Stiftungsfest anno 1888 ist kein Fackelzug überliefert. Auch beim 50-jährigen Jubiläum der Vitodurania im Jahre 1912, das mit der 50. Jubelfeier des Gymnasiums zusammengelegt wurde und deshalb ein Jahr zu früh in Szene ging, fand kein Fackelzug statt. Der Cortège beim 75-jährigen Jubiläum der Vito am 25.6.1938, an dessen Spitze zum letzten Mal berittene Chargierte auftraten, war ebenfalls kein Fackelzug. In der Einladung zum Fest wurden die Alten Herren aber speziell zur Teilnahme am Cortège aufgefordert, «um damit eine wirkliche Propaganda für die Vitodurania zu verbinden». Der Cortège an den glanzvollen Jubiläen von 1963 (100 Jahre Vitodurania), 1977 (75 Jahre Alt-Vitodurania) und 1988 (125 Jahre Vitodurania) wurde dagegen als Fackelzug mit jeweils über 300 Teilnehmern — hochbetagte Alte Herren in Kutschen — durchgeführt.

In der Vitodurania sind vereinsinterne Umzüge ohne Fackeln ab etwa 1870 überliefert. Seit jener Zeit zogen die Vitoduraner singend, mit wehender Fahne und in Marschformation durch die Stadt, wenn sie sich vom Stamm- ins Kommerslokal begaben oder am Bahnhof die Kartellbrüder abholten. Keine Verbindung, die etwas auf sich hielt, schlenderte bei offiziellen Anlässen ungeordnet durch die Strassen. Umzüge der Blauen erregten auch ohne Fackelschein Aufsehen, was etwa aus dem Bericht über das Stiftungsfest von 1918 hervorgeht: «Unter dröhnendem Gesang, bestaunt und begafft von allen Seiten, teils hämisch, teils bewundernd, gelangten wir zum Casino.»

Wann der erste Fackelzug vor dem Stiftungskommers stattgefunden hat, konnte ich nicht ganz genau eruieren. Im Kommersbericht von 1925 ist von bengalischem Feuer entlang des Weges zum «Casino» bzw. in den Jahren 1926 und 1928 von bengalischem, durch die Spefüchse angezündetem Licht vor dem Gymnasium an der Stadthausstrasse (heute Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten) die Rede. Dagegen fehlen in den meistens sehr detaillierten Kommers-Protokollen bis 1946 Hinweise auf das Mitführen und Zusammenwerfen von Fackeln. Deshalb und gestützt auf eine Umfrage bei Alten Herren der Generationen 1918-1951 vermute ich, dass die Tradition des Fackel-Cortèges vor dem Stiftungskommers erst Ende der 1940er Jahre begründet worden ist und somit nicht zu den «uralten» Vito-Bräuchen zählt. Die Sitte des Blumenwerfens durch die Besen kam bei uns etwa 1916 auf. Leider sind es nur noch wenige besonders treue Damen, welche diesen Brauch pflegen. Im Ostschweizer Kartell führt ausser der Vito nur noch die Scaphusia einen jährlichen Fackelzug durch, und zwar vor dem Weihnachtskommers.

Heutzutage kann ein Fackelzug nicht mehr als Allgemeingut des akademischen Lebens oder im Denken und Fühlen der Studenten- und Schülerschaft bezeichnet werden. Grund dafür ist der Wertewandel und möglicherweise — wie schon zwischen 1933 und 1945 — der Missbrauch, den das Naziregime mit den Aufmärschen fackelbewehrter SA- und SS-Kolonnen getrieben hat und dessen man sich derzeit (1997) im Zuge der Holocaust-Diskussionen wieder zu erinnern scheint. In Formation und im Schritt zu marschieren fällt zudem jungen Menschen sichtlich schwer und wird im Turnunterricht der Kantonsschule seit Ende der 1960er Jahre auch nicht mehr geübt. Es gilt für den heutigen Cortège in der Regel der alte Spruch «Zum Teufel, sprach der Erstchargierte, als das Corps vorbeimarschierte; und er hatte recht, denn das Corps marschierte schlecht.» Zweimal ist der Cortège vor dem Stiftungskommers auch gestört worden. So wurden 1984 einige jüngere Alte Herren (u.a. Globi und Slalom) tätlich angegriffen. Sie setzten sich aber erfolgreich zur Wehr, und einer der Störefriede wurde, wie sogar die NZZ am 1.11.1984 und 19.8.1985 berichtete, wegen Tätlichkeit mit Fr. 100.— gebüsst. Am Fackelzug von 1995 wollten einige üble «Chaoten» die Vorbeimarschierenden beim Justitia-Brunnen abspritzen, wurden jedoch dank des beherzten Eingreifens von AH Thomas Ruzek v/o Obelix selber Opfer des gewöhnlichen Nasses.

Wie steht es um die Zukunft des Fackelzuges? Der Vorstand der Alt-Vitodurania war 1997 mehrheitlich der Auffassung, er passe nicht mehr in die heutige Zeit und sei geeignet, die Vito zum Nachteil der Nachwuchswerbung als «reaktionären» oder gar «rechtsextremen» (!) Verein erscheinen zu lassen. Etliche Alte Herren würden nur mit gemischten Gefühlen und «hochgeschlagenem Kragen» mitmarschieren, um von Patienten oder Klienten nicht erkannt zu werden. Zudem sei das Interesse der Öffentlichkeit praktisch null. Deshalb wolle man höchstens noch bei «grossen» Jubiläen einen Fackel-Cortège durchführen.

Die im Oktober 1997 in einem Rundschreiben des AH-Präsidenten verbreitete Idee erregte den Widerspruch zahlreicher Alter Herren. Sie vertraten die zutreffende Ansicht, es sei höchst fraglich, ob die Abschaffung des Fackelzuges vor jedem Stiftungskommers wirklich geeignet sei, das angeblich antiquierte Erscheinungsbild der Vitodurania effektvoll zu modernisieren und so einen Beitrag zur Überwindung der Nachwuchskrise zu leisten. Zudem dürfe mit dem allfälligen Abschied vom Fackelzug niemals ein Kahlschlag beim studentischen Brauchtum der Vito eingeleitet werden. Die Alt-Vitodurania sei nach ihren Statuten nicht die Zerstörerin, sondern die Hüterin der Traditionen, was selbstverständlich Reformen nicht grundsätzlich ausschliesse. — Die Konsultativabstimmung an der Generalversammlung 1997 ergab erfreulicherweise ein klares Resultat: Mit grosser Mehrheit wurde beschlossen, den Fackelzug weiterhin jedes Jahr durchzuführen, sofern Aktive vorhanden sind.