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Zum Lied "Ich war Brandfuchs noch an Jahren"
Von Dr. Peter Hauser v/o Star



Dieser schmissige Kantus wurde um 1821/22 in Landshut/Niederbayern gedichtet. Verfasser ist der spätere königliche Obermedizinaldirektor Dr. Carl von Graf (1801-1883), der es schon im Alter von 27 Jahren "vermöge seiner hervorragenden Kenntnisse und persönlichen Eigenschaften" in München zum Leibarzt der bayerischen Königinwitwe Caroline brachte.

Es handelt sich beim Lied um eine Parodie der ersten zwei Strophen der deutschen Textfassung der Oper "Joseph von Ägypten", deren Anfänge lauten "Ich war Jüngling noch an Jahren..." und "Wo drei Palmen einsam stehen...". Komponist ist Etienne Nicolas Méhul (1763 - 1817). Die deutschsprachige Premiere der Oper fand 1809 in Wien statt, und in der Folge eroberte das Werk ganz Europa.

In der Wittelsbacherstadt Landshut befand sich von 1800 bis 1826 die anno 1492 in Ingolstadt gegründete bayerische Landesuniversität. 1826 liess sie König Ludwig I. in die Residenzstadt München verlegen. In Landshut gab es damals vier studentische Verbindungen, darunter das 1806 gestiftete Corps Bavaria mit den Farben weiss-blau-weiss. Carl Graf immatrikulierte sich 1819 als cand. phil. und wurde 1821 als Corpsbursche der Bavaria rezipiert (Aufnahme in das "engere" Corps = Burschifizierung). Er bekleidete zunächst als Sekretär die dritte und im SS 1822 als Senior die erste Charge. Seine rechte Wange zierte ein sich über das Kinn hinziehender Schmiss, auf welchen er noch als Alter Herr sehr stolz gewesen sein soll. Im Tagebuch seines Corpsbruders Anton Lori ist er auch als Paukarzt bei einer Mensur erwähnt.

"Brandfuchs" hiess der Fuchs im 2. Aktivsemester, während er vorher Krassfuchs genannt wurde. Die "Beförderung" erfolgte durch das Fuchsbrennen, einen schon 1606 nachgewiesenen Übergangsritus (Initiation). Der Fuchs musste durch das Spalier der Burschen laufen, die versuchten, ihm die Kopfhaare zu versengen. Der Ausdruck "fette Weide" in der 1. Strophe bedeutet "reichlich Nahrung" und bezog sich auf einen gewissen Schweindl, den Kneipwirt der Bavaria zu jener Zeit. Im Urtext hiess es daher "Schweindl gab uns fette Weide, er bediente unsern Bund". Die studiosi nahmen "alles auf die Kreide", d.h. sie lebten auf Kredit und waren "immer auf dem Hund", will burschikos heissen, ohne Geld. Die "drei Tische" standen damals noch einsam auf dem Klausenberg, einer Anhöhe südöstlich des Stadtkerns mit prächtigem Blick auf die Altstadt, die Burg Trausnitz und die einst weinumlaubten Höhen des Hofbergs. Auf dem Klausenberg befand sich die sog. Ex-Kneipe des Corps Bavaria, welches 1826 die ihm gehörenden Tische zusammen mit anderen Gerätschaften dem Wirt verkaufte und damit auch die Zechschulden regelte. Heute lädt ein Ausflugslokal (Panorama-Restaurant mit Aussichtsterrasse) zum Verweilen auf dem Klausenberg ein. Wir erreichen ihn mit dem Auto oder zu Fuss (40 Minuten) vom Stadtzentrum aus.

Im Museum der Landshuter Stadtresidenz erinnert ein besonderer Ausstellungsraum an die biedermeierliche Universitätszeit und das Leben der vier heute in München domizilierten Landshuter Corps Suevia (1803), Bavaria (1806), Palatia (1813) und Isaria (1821). Deren Gründungsstätten sind im Ort mit Tafeln markiert. Auch auf dem Klausenberg finden wir zwei Gedenktafeln an die Zeit, als der Platz bei den Studenten des Corps Bavaria, die sich dort versammelten und gütlich taten, noch "Bayernruh" hiess.

Landshut (60'000 Einwohner) zählt mit seinem von unzerstörter Gotik beherrschten Stadtbild zu den schönsten Städten Deutschlands. Allein die sog. Altstadt, ein platzartig verbreiterter Strassenzug und laut Knaurs Kulturführer "schönste Strasse in Deutschland" ist eine Reise wert. Und wer auf des Brandfuchsen Spuren wandelt und, wie es im Urtext des Liedes heisst, "flott der Burschen Spur" folgt, sollte nicht versäumen, auch Regensburg und Passau, zwei weiteren Perlen deutscher Städtebaukunst, einen Besuch abzustatten.