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Zum Lied "Wohlauf die Luft geht frisch und rein..."
Von Dr. iur. Peter Hauser v/o Star



Im Sommer 1859 weilte der Dichter Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) in Banz am Obermain zu einem mehrmonatigen Kuraufenthalt. Er litt an Depressionen und körperlichen Gebrechen. Die fränkische Landschaft, die in höheren Lagen an den Randen erinnert, sollte ihm Erholung sein, und er unternahm ausgedehnte Wanderungen zur Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen, in die Fränkische Schweiz, nach Thüringen sowie nach Staffelstein und auf den Staffelberg.

Das Städtchen Staffelstein liegt 25 km nordöstlich von Bamberg auf 274 m Höhe und zählt heute etwa 10'000 Einwohner. Hier wurde im Jahre 1492 der legendäre Rechenmeister Adam Riese geboren. Oberhalb von Staffelstein befindet sich der 539 m hohe Staffelberg, ein von weitem sichtbarer, markanter Bergrücken mit einer Felskrone aus Weissjurakalk. Man erreicht den Staffelberg zu Fuss in etwa einer Stunde vom Rathaus Staffelstein oder in einer guten halben Stunde vom Parkplatz am Dorfende von Romansthal aus. Auf dem Hochplateau erwartet den Wanderer neben der 1653 erbauten Adelgundiskapelle eine kleine Gaststätte (Dienstag Ruhetag).

Als Scheffel den Staffelberg besuchte, lebte dort in einer Klause als "Einsiedelmann" Ivo (bürgerlich Johann) Hennemann (1823-1900). Dieser blieb 40 Jahre lang auf dem Staffelberg. Zwischen Dichter und Klausner, einem Franziskaner, entstand eine freundschaftliche Beziehung. Und zu Ehren von Frater Ivo schuf Scheffel das "Wanderfahrt" betitelte Gedicht, das wir als Kantus "Wohlauf, die Luft geht frisch und rein ..." kennen und nach der schmissigen, um 1870 vom Würzburger Chordirigenten Valentin Eduard Becker (1814-1890) komponierten Melodie singen.

Historisch ist nicht nur der im Lied mehrfach besungene Einsiedelmann, sondern auch die Person der schönen Schnitterin.. Sie hiess Eva Lämmlein und war die Tochter des Gastwirts von Romansthal, dem bereits erwähnten kleinen Dorf am Fusse des Staffelbergs. Dort führt noch heute in Erinnerung an sie das Wirtshaus den Namen "Zur schönen Schnitterin". Eva war gerade zwanzig Jahre alt, als sie ein paar Sonnenstrahlen lang zur Quelle von Scheffels Inspiration wurde. Sie starb 1896, kaum 57 Jahre alt.

Etwas frei gestaltet Scheffel seine topographischen Angaben. Frater Ivo verwaltete nämlich die Kapelle zur Heiligen Adelgundis und nicht diejenige des Heiligen Veit.. Der Dichter tat es kaum um des Reimes willen; es geschah wohl eher in der Absicht, die ganze Landschaft, die sich vor dem Staffelberg ausbreitet, zu erfassen und in Einklang zu bringen. Gegenüber nämlich, auf dem Ansberg, steht noch heute die Veitskapelle, die Scheffel zweifellos gekannt hat, und auch in Vierzehnheiligen ist Veit als einer der 14 Nothelfer vertreten, gilt er doch als einer der populärsten Heiligen in Franken. Manche meinen sogar, dass seine Erwähnung im Lied auch eine Huldigung an Bruder Ivo gewesen sei. Auch mit anderen Heiligen versucht Scheffel ein Revirement: So ersetzt er den Schutzherrn der Winzer, St. Urban, einfach durch Kilian, den um 689 in Würzburg gestorbenen Wanderbischof, Missionar und Märtyrer.

Ansonsten aber ist alles, was Scheffel beschreibt, Realität: Die weite, stromdurchglänzte Au, in welcher heute auch einige Baggerseen glitzern; die Schiffe auf dem Main, Kornfelder, Wald und Jagd. Bei klarem Wetter geniesst man vom Staffelberg aus eine prächtige Fernsicht von Bamberg bis zu dem von der fränkischen Saale durchflossenen Grabfeldgau zwischen Rhön und Hassbergen; in etwa 20 km Distanz erkennt man die Veste Coburg. Und noch immer ziehen singende Wallfahrer mit ihren mit Heiligenbildern versehenen, "fliegenden" Pilgerstandarten zur Basilika von Vierzehnheiligen, die vom Staffelberg aus in eineinhalb Stunden bequem zu Fuss erreicht wird.

Wer durch Franken fährt, sollte nicht nur die Städte Würzburg, Bamberg und Bayreuth besuchen, sondern auch einen Ausflug auf den Staffelberg unternehmen. Auch ein Besuch des Klosters Vierzehnheiligen, dem 1743-1772 erbauten und wohl reifsten Werk des genialen Barockbaumeisters Balthasar Neumann, lohnt sich. Sehenswert ist zudem das auf der rechten Seite des Mains gelegene schlossartige Kloster Banz, wo Scheffel wohnte.

Staffelstein und Staffelberg sind auch beliebte Ziele von jungen und alten Studenten. Die Aktiven und Alten Herren vor allem der Corps in Würzburg und Erlangen treffen sich seit 1891 jedes Jahr am ersten Samstag im September zum Staffelsteinkommers, dem am Nachmittag eine Couleurwanderung auf den Staffelberg vorangeht, wo man sich mit Bratwürsten und Bier stärkt. Der abendliche Kommers im Gasthof "Zum grünen Baum" mit mehr als 200 Teilnehmern beginnt, wie könnte es anders sein, begleitet von einer Blaskapelle mit der "fränkischen Nationalhymne", nämlich mit dem wunderschönen Kantus "Wohlauf, die Luft ...".