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Die Bierminute
Von Dr. Peter Hauser v/o Star



Die meisten Biercomments kennen als besondere Zeiteinheit die «Bierminute» und sehen vor, dass jemand ein Quantum, das ihm vorgetrunken wurde, innert fünf «Bierminuten» nachtrinken muss. In «Bierminuten» wird ferner die Zeit ausgedrückt, während welcher man sich mit Bewilligung des Präsidiums vorübergehend vom Biertisch entfernen darf («tempus utile» und dergleichen). Fünf «Bierminuten» entsprechen in der Regel drei gewöhnlichen Minuten, was bedeutet, dass eine «Bierminute» 36 Sekunden dauert. Es sind aber vor allem in Österreich auch Comments bekannt, gemäss welchen fünf «Bierminuten» als vier Profanminuten gelten. Und laut Biercomment des Strassburger SC waren fünf «Biermiauten» dreieinhalb normale Zeitminuten.

John Meier bezeichnet das Wort «Bierminute» in seiner 1910 erschienenen «Basler Studentensprache» als «modern». In der Tat dürfte es sich nicht um einen sehr alten Ausdruck handeln. Im «Studenten-Lexikon» von Christian Wilhelm Kindleben (1781) sowie im «Idiotikon der Burschensprache» des Christian Friedrich Bernhard Augustin (1795) fehlt der Begriff, und auch August von Schlumb, «Felix Schnabels Universitätsjahre», spricht 1835 lediglich von der «Kneipzeit als gesetzlicher Zeit zum Nachtrinken». Ebenso suchen wir in alten Biercomments wie beispielsweise denjenigen von Tübingen (1815, 1854), Göttingen (1828, 1843, 1864, 1877) und der Zofingia Basel (1845, 1854) sowie im 1864 gedruckten «Burschicosen Wörterbuch» von J. Vollmann, das die seltsamsten Bräuche behandelt, vergeblich nach der «Bierminute». Es heisst in diesen Schriften lediglich, man habe innert fünf Minuten nachzukommen. Den Begriff «Bierminute» habe ich erst im «Usus» der Scaphusia (1870) sowie in den Biercomments der Paedagogia Basel (1870), der Argovia Aarau (um 1870) und des Leipziger SC (1870) gefunden, die als Vorlagen für den ersten eigenen Biercomment der Vitodurania von 1875 dienten. Das studentische Zeitmass der «Bierminute» dürfte somit zwischen 1860 und 1870 kreiert worden sein.

Wie die «Bierminute» entstanden ist, konnte ich nicht sicher klären. In der Literatur zum Brauchtum katholischer Verbindungen Deutschlands und Österreichs steht, eine gewöhnliche Stunde habe 100 «Bierminuten», wobei die kleinste Recheneinheit fünf «Bierminuten» seien. Auch dies führt wiederum zur Formel «5 Bierminuten = 3 Philisterminuten». Friedhelm Golücke schreibt im 1979 edierten «Studentenwörterbuch», die «Bierminute» sei ursprünglich diejenige Zeit gewesen, die jemand gebraucht habe, um ein volles Glas gänzlich zu leeren. Diese Ableitung überzeugt insofern nicht, als schon im 19. Jahrhundert bei studentischen Kneipen der Einzelne selten aus einem Glas mit mehr als 0,5 Litern Inhalt trank, und für Gemässe dieser Grösse braucht der geübte Zecher beim schnellen Extrinken nicht eine «Bierminute» oder 36 Sekunden Zeit. Vermutlich handelt es sich daher bei der «Bierminute» einfach um eine willkürliche Festlegung im Sinne einer scherzhaften Erfindung mit dem Ziel, sich bei der Kneipe auch bezüglich des Zeitmasses von der spiessigen Welt der Philister abzugrenzen. Dafür spricht nicht nur die unterschiedliche Bemessung der «Bierminute», sondern vor allem die Tatsache, dass die Biercomments ursprünglich nichts anderes waren als Abwandlungen und Persiflagen des allgemeinen Comments, welcher das Verhalten der Studenten untereinander regelte.

Diverse Biercomments sehen vor, dass beim Nachtrinken die in «Bierminuten» ausgedrückte Frist während der Zeit eines Silentiums oder eines «tempus» stillsteht. Um Streitigkeiten bei der Zeitkontrolle vorzubeugen, bestimmt § 5 des Biercomments der Neuzofingia, Ausgabe 1979, «massgebend sei immer die Uhr der Kneipe». Armbanduhren mit «Bierminuten-Einteilung» sind meines Wissens noch nicht auf dem Markt. Hingegen gibt es einige österreichische Korporationen wie etwa die Pennalverbindung Teutonia Innsbruck (MKV), die als Tisch- oder Wandmodell eine Bieruhr besitzen, deren Zifferblatt hundert Minutenstriche zeigt.