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Der Salamander - eine studentische Kneipzeremonie
Von Dr. Peter Hauser v/o Star



Die neben dem Burschenschlag feierlichste studentische Zeremonie in der Vitodurania ist der geheimnisvolle Salamander. Über seine Entstehung gibt es mehr als 85 Theorien und Erklärungsversuche. Ich beschränke mich darauf, die gängigste Deutung des Brauches darzulegen, um mich dann mit einer besonderen Form des Salamanders, nämlich dem Trauer- oder Totensalamander, näher zu beschäftigen.

Gemäss herrschender Lehre hat sich der Salamander seit etwa 1820 aus einem Schnapsspiel entwickelt, das zu Ehren des Schnapsgottes «Salamander» am Kneiptisch gespielt wurde. Der Ursprung scheint in Breslau zu liegen, und von dort kam das Spiel an die anderen Universitäten. Erste Nachweise lassen sich um 1825 finden. Seit 1827 ist in Breslau und Halle das Reiben der Gläser, die mit angezündetem Schnaps gefüllt waren, bekannt. Aus einer humoristischen Schrift von 1829 ergibt sich, dass der Feuersalamander als Gott der Schnapstrinker galt. Darin wird in Reimen auch der Kampf zwischen dem Schnapsgott Salamander und dem Biergott Cerevisius geschildert, der in der Nähe von Halle stattgefunden haben soll.

Doch wie kamen die Studenten überhaupt auf die Idee, den Feuersalamander zum Schnapsgott zu ernennen? Allgemein lässt sich sagen, dass die Elementargeister in der Romantik zu neuem Leben erweckt worden waren. Vielleicht stand aber sogar Goethes 1808 erschienener «Faust» bei der Namensgebung Pate, beschwört doch Dr. Faust beim Osterspaziergang den herumlungernden Pudel mit den Worten: «Salamander soll glühen, Undine sich winden, Sylphe verschwinden, Kobold sich mühen!»

Auch in Schillers Wallenstein treffen wir den Salamander an, und schon Paracelsus, der grosse Vagant und Trinker, behauptete, dass die Salamander feuriges Wasser tränken und feurige Speisen frässen. — Schnaps als Feuerwasser und der Feuersalamander: Die Ideenverbindung liegt nahe. Und so bekam wohl das Schnapsspiel seinen Namen.

Nach 1830 sprechen jedoch alle Belegstellen nur noch vom Biersalamander. Auch über diesen Stoffwechsel sind phantasiereiche Gedanken angestellt worden im Bemühen, das studentische Brauchtum als etwas Geheimnisvolles darzustellen. Wahrscheinlich ist jedoch der Wechsel vom Schnaps zum Bier beim Salamander eine ganz banale Entwicklung. Bier war schon damals in deutschen Landen das bevorzugte Allgemeingetränk, und warum sollte man das Salamanderspiel nicht auch mit Gerstensaft betreiben können? Und so trat eben beim Salamander an die Stelle des Schnapses das Bier.

Beim Biersalamander werden die Gläser oder Krüge nach einem Zählkommando auf dem Tisch «gerieben», dann ausgetrunken und schliesslich geräuschvoll mit einem Schlag, ohne Nachklappen auf den Tisch gesetzt. Dieser mit geringfügigen Nuancen bei den meisten Verbindungen übliche Ablauf ist in Vollmanns «Burschicosem Wörterbuch» aus dem Jahre 1846 erstmals beschrieben. Vollmann schildert den Biersalamander als ein «Bierspiel in drei Tempos, bei welchem die ganze Gesellschaft die Gläser reibt, auf das Commando eins und zwei des Seniors einhält und endlich auf das verhängnisvolle ‹drei› trinkt bis zur Nagelprobe, sodann wieder reibt und mit dem Commando ‹drei› aufhört.»

Der Biersalamander hatte also bereits vor rund 150 Jahren im Wesentlichen die heute übliche Form. Wann und wo der mit Bier zelebrierte Salamander erfunden wurde, steht nicht sicher fest. Überliefert ist, dass schon 1832 beim Heidelberger Corps Saxo-Borussia Biersalamander gerieben wurden. Von Heidelberg aus dürfte sich der Brauch allmählich verbreitet haben. In Jena soll der erste Salamander im Sommersemester 1843 in der «Burschenschaft auf dem Burgkeller» gerieben worden sein. Die schweizerische Premiere fand am 8. Februar 1843, also genau 100 Jahre vor der Geburt des Autors dieser Notizen, bei der Basler Zofingia statt. Dort stieg unter der Leitung des späteren Regierungsrates Dr. Gottlieb Bischoff, der 1840-1842 in Heidelberg und Göttingen studiert hatte, ein Salamander. Das Zofinger Protokoll verzeichnet ferner am 25. November 1843 was folgt:

«Der Culminationspunkt der Lebhaftigkeit waren die beiden Salamander, die gerieben wurden. Der erste auf unser werthes Ehrenmitglied Bischoff, der zweite auf das Wiedererstehen unseres darniederliegenden Gärtliredaktors. Von Stunde an soll sich dieser besser gefühlt haben, was namentlich der Pünktlichkeit, womit das Exercitium nach dem trefflichen Vortrag unseres Doctors (Bischoff) über das wichtige Institut des Salamanders ausgeführt wurde, zuzuschreiben ist.»

Amüsant ist auch der Nachsatz von John Meier, aus dessen 1910 publizierter Schrift «Basler Studentensprache» das Zitat stammt: «Auf Kranke wird überhaupt häufig ein Salamander gerieben.» — Der Salamander als kassenpflichtige Leistung: Das würde doch die Diskussionen über das umstrittene Krankenversicherungsgesetz positiv beleben!

Noch ist aber der Salamander nicht als Heilbehandlung anerkannt, sondern er wird als höchste Ehrenbezeugung aufgefasst. Das wurde er jedoch erst allmählich, auch wenn Vollmann schon anno 1846 in seinem «Burschicosen Wörterbuch» schreibt, der Salamander werde nur zu Ehren und zu Ehrenanlässen gerieben. Noch um 1880 finden wir den Salamander nämlich auch als blosses Bierspiel. Jede Kneipe bei den Corps wurde zudem früher ohne Bezug auf eine Person, die Verbindung oder dergleichen mit einem «donnernden Schoppensalamander» eröffnet. Dass der Salamander im Laufe der Zeit zur höchsten Ehrenbezeugung an der Kneiptafel geworden ist, liegt vermutlich am relativ komplizierten Ablauf der Zeremonie, die — wenn sie gekonnt zelebriert wird und auch sonst alles klappt — beinahe den Charakter einer sakralen Handlung besitzt und deshalb besonderen Eindruck macht. Der mit der Ehrung verbundene Glückwunsch für die Korporation oder eine Person wird durch die Dreizahl in Kommando und das Reiben der Gläser zu einer Art Beschwörung. Wenigstens die drei Chargierten und der FM sollten in der Lage sein, einen Salamander einwandfrei zu kommandieren.

Soviel zum gewöhnlichen Salamander. Zahlreiche Verbindungen pflegen auch den im studentischen Brauchtum ab etwa 1850 bekannten Toten- oder Trauersalamander. Obwohl im Biercomment (§ 62) noch enthalten, ist er leider bei der Vitodurania seit den frühen 1950er Jahren nicht mehr allgemein üblich. Die beiden letzten Trauersalamander wurden 1970 nach dem Tode von AH Dr. René Fleury v/o Derwisch, Gen. 1959, von seinen Vitofreunden und anno 1973 von der aus Alten Herren verschiedener Generationen bestehenden «Rehrückengesellschaft» für die legendäre Riedmühle-Wirtin Margaretha Dobler nach der protokollarisch verewigten Formel «in honorem carae defunctae vedovae (recte viduae) Doblerae» gerieben. Klirrend zerschellten dabei die Gläser am Gemäuer der «Riedmühle»

In der Scaphusia wird der Trauersalamander in der Regel noch immer für jeden verstorbenen Farbenbruder zelebriert und durch die in der Tagespresse veröffentlichte, mit dem Zirkel versehene Todesanzeige mit Ort und Zeit als «studentische Totenehrung» angekündigt. Dazu erscheinen die Aktivitas, die Generationsbrüder des Verstorbenen und weitere diesem verbundene Farbenfreunde in der Vereinsbude im ersten Stock des Restaurants «Falken». Die Feier wird mit dem Lied «Viel volle Becher klangen» eröffnet. Anschliessend hält ein Generationsbruder die Laudatio. Danach erklingt der Kantus «Vom hoh'n Olymp», wobei sich bei der fünften Strophe «Ist einer unsrer Brüder dann geschieden» die Corona erhebt und das Licht gelöscht wird. Es brennt nur noch eine auf einem Totenschädel befestigte Kerze. Nun folgt der Totensalamander auf das Kommando: «Fiat exercitium Salamandri in honorem defuncti NN!» Dieser verläuft wie der gewöhnliche Salamander mit der Ausnahme, dass am Schluss die leergetrunkenen Gläser nicht auf den Tisch gestellt, sondern zerschmettert werden. Als letzter Teil der Trauerfeier findet zum Zeichen, dass das Leben weitergeht, analog dem bürgerlichen Leid- oder Leichenmahl ein würdiger Kommers statt.

Der Ablauf des Trauersalamanders ist nicht bei allen Korporationen gleich. Bei der Thurgovia Frauenfeld zum Beispiel wird er am Schluss der Trauerkneipe «still» gerieben, indem man die Gläser lautlos in der Luft kreisen lässt. Alsdann schmettert das Präsidium das Glas des Dahingeschiedenen, welches mit einem Trauerflor umhangen rechts vom Präsidenten an einem leeren Platz steht, zu Boden und die übrigen Trauergäste tun dasselbe mit ihren Gläsern. Hierauf entfernt sich die Corona, um still nach Hause zu gehen.

Die Angehörigen der Manessia Turicensis treffen sich am ersten Freitagabend nach Allerseelen im Totenmonat November in ihrem Verbindungslokal zum Totensalamander. Nach dem Cantus «Vom hoh'n Olymp», dem oder den Nachrufen und dem Leibcantus des oder der Verstorbenen beginnt die Feier. Auf dem Tisch stehen drei Teller, gefüllt mit Kochsalz und getränkt mit Spiritus. Das Licht im Raum wird gelöscht und das Salz in den Tellern angezündet. Nun steigt der Cantus «Es hatten drei Gesellen ein fein Collegium», und dann wird der Salamander gerieben. Klirrend zerschellen die Gläser auf dem Fussboden: Aus diesen Bechern des Zutrunks an die Heimgegangenen soll kein Lebender mehr trinken.

Das Brauchtum der studentischen Trauerkneipe ist, soweit ich das als Nichteingeweihter beurteilen kann, freimaurerisch beeinflusst. Der Totensalamander birgt auch archaische Abwehrriten in sich. Die Stille symbolisiert nicht nur die Trauer («stille Anteilnahme»), sondern hat auch eine apotropäische, d.h. gegen die bösen Dämonen gerichtete, unheilabwehrende Bedeutung. Den dem Verstorbenen von allen oder nur vom Präsidenten dargebrachten letzten Schluck können wir als Libation, als Trankspende an die Götter und den Verblichenen deuten. Und das Zerschmettern des oder der Gläser wird entweder als Zeichen des Glücks für die Hinterbliebenen (glückbringende Scherben) oder — wohl eher — als Symbol für die Endgültigkeit des Todes, als Ausdruck der Trauer und Unwiederbringlichkeit zu interpretieren sein. Wir finden das Zertrümmern der Gläser auch im Lied «Wir lugen hinaus in die sonnige Welt...», wo es in der 3. Strophe heisst: «... und die am tollsten gewettert, sind still und stumm, die Lieder verrauscht, die Becher der Freude zerschmettert». Und im letzten Vers des Cantus «Strömt herbei...» werden «des letzten Glases Scherben» in die Gruft hinabgeworfen.

Die Formel beim Burschenschlag besagt, dass jeder Vitoduraner «als Bursche dereinst aus dieser Welt» geht. Der Trauersalamander ist ebenfalls Ausdruck des Lebensverbindungsgedankens und hätte es deshalb verdient, auch in unseren Reihen wieder zelebriert zu werden. Bei nicht allzu grosser Corona wäre unser Kellerlokal «Diogenes» ein geeigneter Ort, wobei man für die anschliessende Kneipe in die «Sonne» dislozieren könnte.